Ich bin sprachlos. Mit einem solchen Anklang hätte ich nicht gerechnet. So viele haben sich für ein paar Worte bedankt, die lange in meinem Kopf schwirrten und gestern Abend urplötzlich und in Windeseile festgeschrieben werden wollten.
Die Resonanz, die ich bekommen habe, hat mir im Sekundentakt die Sprache verschlagen. Und meine Theorie, die nie wirklich eine wahr, bestätigt. We’re all in this together. Ich danke euch für die Worte auf Twitter, auf Facebook, per Mail und DM, am Telefon und per diverser Nachrichten. Ich danke euch, dass ihr die Worte verbreitet und geteilt habt. Die Sterne interpretiere ich als ein Nicken und als Verständnis und Zustimmung. Und es macht mich sprachlos.
Das Internet war für mich jahrelang ein Ort der Anonymität und dadurch ein Ort, an dem ich all die düsteren Gedanken packen konnte, die ich nicht in die Welt schreien konnte. Ein Ort, an dem ich sein konnte, ohne mich vor Blicken fürchten zu müssen. Das änderte sich schlagartig, als ich anfing Menschen, die ich online kennenlernte, an mich ran zu lassen. Und bemerkte, wie wenig es auf die Fakten ankommt, sondern auf die Geschichten dazwischen. Dass Oberflächlichkeiten und Smalltalk kaum stattfanden. Dass man sehr schnell auf den Punkt kam und über das sprach, was einen wirklich bewegte.
Ich kenne viele von euch. Noch mehr kenne ich nicht. Ich habe Geschichten gehört und Geschichten erzählt. Ich habe mit euch geweint, gelacht. Ich habe wegen auch nachgedacht und mir den Kopf zerbrochen. Ich habe euch ganz nah an mich rangelassen, während ihr mich ganz nah an mich rangelassen habt.
Doch bevor es zu all dem kam, gab es diese Zwischenzone. Diesen Moment, als sich online und offline verbanden und plötzlich reale Menschen vor mir standen. Die mir teilweise die Stimme nahmen. Nein, nicht nahmen. Es waren plötzlich echte, reale Menschen und mein Mut war dahin. Und ich schrieb viel nicht. Habe mich viel zurückgehalten. Habe geschwiegen, wenn ich etwas zu sagen hatte.
Da war immer dieser Hintergedanke. Doch ich schrieb weiter. Immer. Weil ich nicht anders kann. Weil es der letzte Zwang ist, der mir von vielen noch erhalten blieb. Nur gab ich mir Mühe viel zu sagen, ohne viel Preis zu geben.
Als ich damals in dieser Klasse war, kam mir diese Idee. Sich vor fremden Leuten hinstellen und Gemeinsamkeiten aufdecken. Sich zu öffnen und zu hoffen, dass daraus ein Spiegelbild wird. Gedanken, die sich Jahre in meinem Kopf gefestigt haben, aber nie ihren Raum fanden. Gestern passierte es. Ich weiß nicht, warum. Aber es war gut. Es wollte raus. Und, wenn ich was gelernt habe, dann, wenn etwas raus muss, dann musst Du es rauslassen.
Ich hatte selbst das Pech ein Mobbingopfer zu sein. Ich hatte das Glück, Freunde außerhalb der Schule zu haben. Ich hatte schon immer einen dicken Panzer, zumindest nach außen hin. Aber wenig geht spurlos an einem vorbei. Ich litt die Hälfte meines Lebens an Depressionen und einer Essstörung. Ich hatte Angst vor allem. Ich war ein Haufen Unglück. Ich war am Ende. Nicht nur, weil mir viel Hass von außen entgegen gebracht wurde, sondern weil ich ihn mir selbst ins Gesicht schleuderte.
Und all das ist irgendwo noch ein Tabuthema. Nein, falsches Wort. Es wird diskutiert. Aber selten persönlich. Selten stellen sich Menschen in die Öffentlichkeit und sagen: “Hey! Das und das hat das und das ausgelöst. Es tat weh. Ich hatte Angst. Ich konnte teilweise nicht mehr.” Weil eben auch das eine Angriffsfläche bietet.
Das gestern und heute. Herzen. Das war bewegend. In alle Richtungen. Und mir fällt es schwer, die richtigen Worte zu finden. Und ich danke euch. Von Herzen. Mit allem, was ich habe. Es ist unglaublich. Ihr seid unglaublich. Für jedes “Danke!” und für jedes “Ich weiß, was Du meinst. Mir ging es ähnlich.”, gebe ich euch 1000 Danke zurück.
“Hast Du schon mal geweint, weil Dich Menschen, die Du nicht kanntest, so sehr berührt haben?”
Ich hebe meine Hand.