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	<title>herzintakt &#187; Wahn</title>
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		<title>Die Leidenschaft des Wahns &#8211; II</title>
		<link>http://herzintakt.wordpress.com/2011/06/11/die-leidenschaft-des-wahns-ii/</link>
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		<pubDate>Sat, 11 Jun 2011 17:28:52 +0000</pubDate>
		<dc:creator>facella</dc:creator>
				<category><![CDATA[Buchdings]]></category>
		<category><![CDATA[Therapie]]></category>
		<category><![CDATA[Wahn]]></category>

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		<description><![CDATA[(So. Der zweite Teil des Kapitels &#8220;Die Leidenschaft des Wahns&#8221;. Den ersten Teil gibt es hier. Ich habe lange überlegt, ob ich ihn wirklich veröffentlichen soll. Länger werde ich wohl bei Teil drei überlege. Aber ja. Viel Spaß beim Lesen. Oder auch nicht. Ich weiß nicht, was man bei sowas wünscht. Aber ich warne: Ich [&#8230;]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=herzintakt.wordpress.com&#038;blog=18981027&#038;post=238&#038;subd=herzintakt&#038;ref=&#038;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align:justify;">(<em>So. Der zweite Teil des Kapitels &#8220;Die Leidenschaft des Wahns&#8221;. Den ersten Teil gibt es <a href="http://herzintakt.wordpress.com/2011/03/06/die-leidenschaft-des-wahns-i/" target="_blank">hier</a>. Ich habe lange überlegt, ob ich ihn wirklich veröffentlichen soll. Länger werde ich wohl bei Teil drei überlege. Aber ja. Viel Spaß beim Lesen. Oder auch nicht. Ich weiß nicht, was man bei sowas wünscht. Aber ich warne: Ich hab es noch nicht wirklich überarbeitet. Rohfassung quasi.</em>)</p>
<p style="text-align:justify;">Zeit bedeutet nichts mehr. Tage zähle ich nicht mehr, geschweige denn Stunden. Manche führen Strichlisten. Manche haken die Tage in ihrem Kalender ab. Aber das ist die Minderheit. Der Rest vegetiert vor sich hin. Zu mehr ist man auch nicht fähig. Zu mehr will man irgendwann nicht mehr fähig sein.</p>
<p style="text-align:justify;">Die Uhr über meinem Bett verrät mir, dass es kurz vor halb sechs ist. Ich kann nicht sagen, ob abends oder morgens. Aber ich bin wach. Nach gefühlten vierzig Stunden Schlaf. Schlaf, der herbeigeführt wird, wenn Du irgendetwas tust. Was, das ist egal, solange sich nur einer der Pfleger auf den Schlips getreten fühlt. Oder er Dich einfach nicht mehr reden hören wollte. Oder wenn er einfach Lust dazu hatte.</p>
<p style="text-align:justify;">Im Gemeinschaftsraum sitzt nur Jörg. Was er hat, das weiß ich nicht. Was er hat, ist mir egal. Manchmal schreit er. Manchmal holt er sich einen runter. Manchmal macht er auch beides. Dagegen getan wird nicht viel. Zumindest, wenn er ruhig vor sich hin masturbiert. Sobald er anfängt zu schreien, werden die Spritzen gezückt und er, sobald er schläft, ans Bett gefesselt. Meist mit heruntergelassener Hose, damit auch wirklich jeder mindestens zwanzig Mal seinen kleinen Penis gesehen hat.</p>
<p style="text-align:justify;">Auch die Leute, die an der Bushaltestelle vor der Klinik auf ihren Bus warten. Das sind meist Leute, die gerade von Ikea kamen, nach dem Motto: Erst das Bett kaufen und dann sehen, wen man dort auf keinen Fall haben will.</p>
<p style="text-align:justify;">Jörg darf, im Gegensatz zu mir, ins Freie. Wieso, weiß ich nicht. Vielleicht, weil ich nicht in der Öffentlichkeit masturbiere. Vielleicht aber auch, weil ich noch fit genug bin, um über Zäune zu klettern. Und Bus zu fahren. Und vielleicht davor bei Ikea noch eine Runde zu drehen. Ganz nach dem Motto: Die Irre aus der Anstalt hat Lust auf Köttbullar.</p>
<p style="text-align:justify;">Ich nehme diesen ganzen Wahn um mich nicht mehr wirklich wahr. Ich schlürfe durch die Anstalt, suche vergebens nach Ausgängen. Suche noch vergebener nach etwas frischer Luft. Nach Sonnenstrahlen, die meine Haut kitzeln. Nach feuchtem Gras unter meinen Füßen. Nach etwas Gefühl. Nach etwas, das mich spüren lässt.</p>
<p style="text-align:justify;">Es wird Mittag und ich bekomme meine zweite Ladung Medikamente. Mit Ladung meine ich eine LKW-Ladung. Mit LKW-Ladung meine ich so viele Pillen, die ich nicht an einer Hand abzählen kann. Anfänglich schluckte ich eine nach der andere, jede mit etwa einem Liter Wasser. Irgendwann zwischen damals und heute habe ich auf merkwürdige Art gelernt sie alle auf einmal zu schlucken. Mit zu wenig Wasser. Ex und hopp.</p>
<p style="text-align:justify;">Ex und hopp hat sich wohl auch Zimmergenossen Nummer Zwei gedacht, als sie sich eines Nachts eine Schlinge, die sie aus dem Bettlaken gebastelt hatte, um den Hals band, das andere Ende an der Gardinenstange befestigte und von dem Plastikstuhl sprang. Obwohl sie in ihrem Falle wohl eher &#8220;hopp und ex&#8221; gedacht hat. Aber ich kann noch keine Gedanken lesen. Schon gar nicht, nachdem sich jemand das Leben genommen hat.</p>
<p style="text-align:justify;">Bemerkt habe ich es erst, als mein Beruhigungsmittel nachließ und ich mich wunderte, wieso der Vollmond mich nicht mehr blendete. Da war sie aber schon merkwürdig kalt. Als ich sie anfasse, beginnt sie zu schwingen. Wir sehen uns eine Zeit lang an. Viel mehr starre ich in ihre geöffneten Augen und versuche dort irgendetwas zu finden, das mir sagt, was ich jetzt tun sollte. Ich tue, was jeder in dieser Situation tun würde: Ich zünde mir eine Zigarette an. Setze mich im Schneidersitz auf den Boden und betrachte sie. Wie lange, das weiß ich nicht. Wieso, das weiß ich noch viel weniger.</p>
<p style="text-align:justify;">Da sitzen wir. Und starren uns an. Gut, ich sitze. Sie hängt und baumelt. Ich starre sie an und sie ins Leere. Und ich überlege, ob ihr Genick gebrochen ist und wenn, ob ich es dann nicht hätte hören müssen und dann, ob Genicke laut brechen, wenn sie brechen. Oder ob sie einfach erstickt ist. Wobei einfach hier auch ein sehr unpassender Begriff ist.</p>
<p style="text-align:justify;">Wenig später betrete ich das Pflegerzimmer mit den Worten: &#8220;Da hängt eine Leiche in meinem Zimmer.&#8221; Ich hatte nicht wirklich überlegt, was ich sagen wollte, das hätte ich vielleicht nicht gesagt, wenn ich überlegt hätte. Aber es war treffend. Zumindest sage ich mir das und mir fällt auch nichts Anderes ein, was ich hätte sagen können.</p>
<p style="text-align:justify;">Ich werde zuerst unglaubwürdig angestarrt, dann steht Herta auf und quetscht sich an mir vorbei. Herta wiegt geschätzte 200 Kilo und hat einen volleren Schnauzer als mein Onkel Michael. Sollte ich hier jemals rauskommen, werde ich ihr Wachsstreifen und einen Zettel schicken. Auf dem Zettel wird stehen &#8220;Den ganzen Tag fressen macht fett, fette Herta.&#8221; Natürlich werde ich das nie tun. Aber der Gedanke bringt mich zum Schmunzeln.</p>
<p style="text-align:justify;">Die restliche Nacht verbringe ich im Gemeinschaftsraum. Rauche, trinke verdünnten Himbeersaft, starre den Mond an und warte darauf, dass jemand kommt, um nach mir zu sehen. Das passiert nicht. Denn es ist Wochenende. Und am Wochenende müssen die Irren unter sich bleiben.</p>
<p style="text-align:justify;">Ich hebe mein Glas, halte es genau vor den Mond und sehe zu, wie er sich langsam rot einfärbt. Und leere es in einem Schluck.</p>
<p style="text-align:justify;">Ex und hopp.</p>
<br />  <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gocomments/herzintakt.wordpress.com/238/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/comments/herzintakt.wordpress.com/238/" /></a> <img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=herzintakt.wordpress.com&#038;blog=18981027&#038;post=238&#038;subd=herzintakt&#038;ref=&#038;feed=1" width="1" height="1" />]]></content:encoded>
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		<title>Challenge: Ein Monat ohne Fertigprodukte</title>
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		<pubDate>Tue, 24 May 2011 20:33:01 +0000</pubDate>
		<dc:creator>facella</dc:creator>
				<category><![CDATA[Wahn]]></category>
		<category><![CDATA[Wortkotze]]></category>

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		<description><![CDATA[Ja, so manchmal da hab ich merkwürdige Ideen. Das wäre nicht so das großartige Problem, wenn sich diese Dinger nicht so felsenfest in meinem Gehirn einnisten würden. Da telefonierte ich letztens mit einem Freund, als er gerade einkaufen war und weil wir auch über die nichtigsten Nichtigkeiten reden, erzählte er mir eben, was er so [&#8230;]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=herzintakt.wordpress.com&#038;blog=18981027&#038;post=232&#038;subd=herzintakt&#038;ref=&#038;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align:justify;">Ja, so manchmal da hab ich merkwürdige Ideen. Das wäre nicht so das großartige Problem, wenn sich diese Dinger nicht so felsenfest in meinem Gehirn einnisten würden.</p>
<p style="text-align:justify;">Da telefonierte ich letztens mit einem Freund, als er gerade einkaufen war und weil wir auch über die nichtigsten Nichtigkeiten reden, erzählte er mir eben, was er so in seinen Einkaufswagen packt: Pizza, Pommes, Cola, Fertignudeln, Fertiglasagne, Fertigfisch, Fertiggulasch, Fertigwasauchimmer. Und während ich ihm noch in etwa viertausend Wörtern und hundertachtundzwanzig Gründen erkläre, wieso er vielleicht auch was anderes einkaufen sollte, meinte er plötzlich: &#8220;Tu nicht so. Als ob Du nen Monat ohne Fertigprodukte aushalten würdest.&#8221; &#8211; <strong>Challenge accepted! </strong></p>
<p style="text-align:justify;">Das Ganze startet also gestern, also an einem Montag, als wäre der Tag schon nicht genug beschissen. Eigentlich wollte ich mir nur einen Salat machen, selbstgemachtes Knoblauchbrot und dazu noch Kartoffel mit Sauerrahm. Fertigprodukt free? Denkste. Weil ich zu faul bin, um ein Dressing selbst zu machen, hab ich so ne Fertigkräutermischung, die man nur mit Essig und Öl mischt und et voilà. Gut, Dressing machen haut noch irgendwie hin. Abends wurde das Ganze schon etwas schwieriger, weil ich quasi vor Hunger gestorben bin und nichts wirklich Frisches im Kühlschrank war. Wohin geht man? Zum Tiefkühlschrank. Was seh ich? Pizza, Fischstäbchen, Pommes.. Das endete damit, dass ich Erbsen gegessen habe. Also, nur Erbsen. Ohne irgendwas. Ich und meine Schüssel Erbsen &#8211; eine Nichtliebesgeschichte</p>
<p style="text-align:justify;">So im Laufe des Tages fiel mir aber noch so einiges anderes auf (weil ich ja schon dabei war auf meine Ernährung zu achten, wa?): ich trinke eindeutig zu viel Softdrinks, weswegen ich dachte: CHALLENGE ACCEPTED! Sprich: Ich verzichte auf Softdrinks, sprich lauter: keine Cola, kein Sprite, kein Red Bull, kein Eistee, KEIN RED BULL, kein irgendwas. Fruchtsäfte schon, aber da auch nur die gute, die wenigstens danach aussehen, als wären sie mal an ner Frucht vorbeigerollt.</p>
<p style="text-align:justify;">Gedanke Nummer Drei war bescheuerter als alles: Sind Süßigkeiten nicht auch Fertigprodukte? Und, ihr denkt es euch: Challenge Accepted! (Ich, Vollidiot!) Aber so prinzipiell, vom Grundgedanken her, sind die halt schon Fertigprodukte, weswegen ich nur mehr nasche, wenn ich es selbst gebacken habe. Gut, auf Butterkekse werde ich nicht verzichten, da könnt ihr mich gleich umbringen.</p>
<p style="text-align:justify;">Nachdem ich jetzt also Fertigprodukte, Fast Food (!!!!), Softdrinks, Süßigkeiten, Tüten-Knabberzeug und Fertigdressing von meinem Nahrungsplan gestrichen habe, stellt sich mir die Frage: Ernähre ich mich jetzt einen Monat nur mehr von Erbsen? Und werde ich davon grün? Und wenn, dann hoffentlich doch nicht hinter den Ohren?</p>
<p style="text-align:justify;">Und damit das nicht genug nervenaufreibend wäre: DIESER MONAT IST PRÜFUNGSMONAT! Entweder ich sterbe oder ich sehe am Ende aus wie eine gesunde Nicole Richie.</p>
<p style="text-align:justify;">(Macht jemand mit? Bitte? Hilfe? &lt;3)</p>
<p style="text-align:justify;"><strong><br />
</strong></p>
<br />  <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gocomments/herzintakt.wordpress.com/232/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/comments/herzintakt.wordpress.com/232/" /></a> <img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=herzintakt.wordpress.com&#038;blog=18981027&#038;post=232&#038;subd=herzintakt&#038;ref=&#038;feed=1" width="1" height="1" />]]></content:encoded>
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		<title>Und dann ist alles vorbei</title>
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		<pubDate>Sun, 16 Jan 2011 18:48:10 +0000</pubDate>
		<dc:creator>facella</dc:creator>
				<category><![CDATA[Buchdings]]></category>
		<category><![CDATA[Leben]]></category>
		<category><![CDATA[Therapie]]></category>
		<category><![CDATA[Wahn]]></category>

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		<description><![CDATA[Montag,  07.Dezember  2009 _________________________ Klack. Klack. Klack. Verärgert über die Dreistigkeit, dass es jemand wagt mit High Heels über den schwarzen Marmor zu laufen, drehe ich mich um und suche nach dem Übeltäter. Und muss erkennen, dass ich es selber bin. Ich verlagere mein Gewicht auf meine Ballen und tappe ungeschickt auf Zehenspitzen in viel [&#8230;]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=herzintakt.wordpress.com&#038;blog=18981027&#038;post=48&#038;subd=herzintakt&#038;ref=&#038;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align:justify;"><em><strong>Montag,  07.Dezember  2009<br />
_________________________<br />
</strong></em></p>
<p style="text-align:justify;"><em><strong><span style="font-weight:normal;">Klack. Klack. Klack.</span></strong></em></p>
<p style="text-align:justify;"><strong><span style="font-weight:normal;">Verärgert über die Dreistigkeit, dass es jemand wagt mit High Heels über den schwarzen Marmor zu laufen, drehe ich mich um und suche nach dem Übeltäter. Und muss erkennen, dass ich es selber bin. Ich verlagere mein Gewicht auf meine Ballen und tappe ungeschickt auf Zehenspitzen in viel zu unbequemen Schuhen durch die Gänge.</span></strong></p>
<p style="text-align:justify;"><strong><span style="font-weight:normal;">Nur kein Geräusch machen. Unsichtbar bleiben, solange es noch geht.</span></strong></p>
<p style="text-align:justify;"><strong><span style="font-weight:normal;"><em>Klack. Klack. Klack.</em><br />
</span></strong></p>
<p style="text-align:justify;"><strong><span style="font-weight:normal;">Diesmal sind es nicht meine Schritte, die durch die steinerne Halle klackern. Ich kenne die Frau nicht, doch erkenne sie augenblicklich. Die schwarze Lockenmähne versteckt zu wenig von ihrem überschminktem Gesicht. Die Lippen formen sich zu einem Lächeln und entblößen gelbe Zähne, auf denen noch Reste des Lippenstifts kleben. Ich könnte ihr sagen, dass sie Lippenstift auf den Zähnen hat, aber so nett bin ich heute nicht. So nett bin ich, ehrlich gesagt, nie.<br />
<span id="more-48"></span><br />
Sie lacht. Lachen. Wie kann sie nur lachen?</span></strong></p>
<p style="text-align:justify;"><strong><span style="font-weight:normal;">Angestrengt versuche ich es doch zu erwidern. Aber scheitere.</span></strong></p>
<p style="text-align:justify;"><strong><span style="font-weight:normal;">„È una fortuna che tu sia qui.“<br />
</span></strong></p>
<p style="text-align:justify;"><strong><span style="font-weight:normal;">Ich verstehe kein Wort. Nicke dennoch und behalte diese Grimasse aufrecht, die eigentlich ein Lächeln sein sollte. Wenigstens habe ich keinen Lippenstift auf den Zähnen.<br />
</span></strong></p>
<p style="text-align:justify;"><strong><span style="font-weight:normal;"><em>Klack. Klack. Klack.</em><br />
</span></strong></p>
<p style="text-align:justify;"><strong><span style="font-weight:normal;">Sie eilt voraus. Ich hinterher, auf Zehenspitzen. Während sie lautstark italienische Floskeln von sich gibt oder auch Witze. Sie könnte mir alles erzählen, ich würde trotzdem nicken und so tun, als würde ich sie verstehen.</span></strong></p>
<p style="text-align:justify;"><strong><span style="font-weight:normal;">Fiori. Non mi piace. Die Blumen. Sie gefallen ihr nicht. Ich gebe ihr recht. „Si, fiori sono atroci.“ Kurz überlege ich, ob mein Kopf richtig übersetzt hat. Aber sie hört mir gar nicht zu, also ist es auch egal, ob sich mein Italienisch wie Italienisch anhört. Und während ich ihr durch das Gebäude folge, verstehe ich so langsam den ersten Satz. Sie freut sich, dass ich hier bin. Nein, das war es nicht. Es ist ein Glück, dass ich hier bin. Was im Endeffekt nur ein Synonym für „Ein Glück, dass Du hier bist und jetzt komm, wir brauchen Dich für irgendetwas.“ ist.</span></strong></p>
<p style="text-align:justify;"><strong><span style="font-weight:normal;">So abrupt wie sie hält, tritt auch meine Erkenntnis über unseren Zielort ein. Eine Nische, geschmückt mit Blumen. Ich finde sie schön. Die Namen der meisten kenne ich nicht. Aber ich erspähe Rosen und Tulpen. Woher, zum Teufel, bekommt man um diese Jahreszeit Tulpen? Da mir das italienische Wort für Tulpen nicht einfällt, frage ich erst gar nicht. Sie scheint sowieso zu beschäftigt zu sein, dem Mann im schwarzen Anzug irgendetwas klar zu machen. Er versteht sie noch weniger, als ich. Hilfesuchend blickt er sich um, versucht sie zu beruhigen. Doch dafür hab ich keine Augen, keinen Kopf, kein Herz.</span></strong></p>
<p style="text-align:justify;"><strong><span style="font-weight:normal;">Meine Hand berührt das dunkle Holz. Es ist kalt, glatt. Die dümmsten Gedanken schießen mir in den Kopf. Wenn es Mahagoni ist, so denke ich mir, könnte mein Exfreund sich stundenlang darüber echauffieren. Ich glaube, es ist Mahagoni. Aber eigentlich hab ich keine Ahnung von Holz. Dunkel, hell, braun. Alles Holz. Das ist wie mit den Blumen. Blumen sind Blumen, riechen wie Blumen, verwelken wie Blumen, trotzdem gibt es tausende Namen dafür. Vielleicht sollte ich Blumenhändlerin werden, dann könnte ich sie alle irgendwann beim Namen nennen. Das dürfte dann wohl damit enden, dass ich Selbstgespräche mit Blumen führe. „Na, Orchidee, hattest Du einen schönen Tag? Du weißt schon, dass Du bald tot bist, ja? Aber mach Dir nichts draus, so ist das Leben.“</span></strong></p>
<p style="text-align:justify;"><strong><span style="font-weight:normal;">So ist das Leben. Gibt es Leben, gibt es Tod. Aus. Ende. Vorbei.</span></strong></p>
<p style="text-align:justify;"><strong><span style="font-weight:normal;">Finito, wie die gute Frau neben mir sagen würde, die noch immer auf den Mann einredet. Er würde mir ja leid tun, wenn ich nicht gerade damit beschäftigt wäre, mir selbst leid zu tun.</span></strong></p>
<p style="text-align:justify;"><strong><span style="font-weight:normal;">Plötzlich steht sie neben mir. Den Mann im Schlepptau. Und redet wild auf mich ein. Ich verstehe nichts. Mal wieder. „Con-ver-tire!“ Silbe für Silbe spricht sie es aus. Perplex sehe ich sie an. „Con-ver-tire.“ Sie zeigt auf sich, dann auf mich, dann auf ihn.</span></strong></p>
<p style="text-align:justify;"><strong><span style="font-weight:normal;">Ich soll übersetzen. Am Liebsten hätte ich laut gelacht, aber ich nicke nur. Schnell spricht sie auf mich ein und plötzlich stoppt sie. Jetzt bin ich dran. Wie soll ich etwas übersetzen, dass ich nicht verstehe? Aber ich tue es trotzdem.</span></strong></p>
<p style="text-align:justify;"><strong><span style="font-weight:normal;">„Ich habe kein Wort verstanden, aber lassen Sie uns einfach reden, ja? Damit sie denkt, ich hätte es verstanden.“ Ein kurzer flehender Blick meinerseits, ein Nicken seinerseits. Dann rede ich drauf los. Aus den paar Wörtern, die ich verstanden hatte, forme ich Sätze, die wohl nicht annähernd das wiedergeben, was sie gesagt hat. Ich erzähle ihm von den Blumen, vergesse ihn nach den Tulpen zu fragen. Und etwas von Stühlen und Wasser. Auch wenn uns beiden der Sinn dahinter verwehrt bleibt.</span></strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>Er nickt mich an, dann sie, freundlich lächelnd. Sie sieht zufrieden aus und verschwindet. Wohin weiß ich nicht und es ist mir ehrlich gesagt auch egal.</strong></p>
<p style="text-align:justify;"><strong><span style="font-weight:normal;">„Ihre Großmutter ist ganz schön temperamentvoll.“, sagt er. Ich verdrehe meine Augen. „Wir. Sind. Nicht. Verwandt.“, presse ich zwischen meinen Zähnen hervor. Er fährt sich über die Halbglatze, richtet noch ein paar Worte an mich, ehe auch er das Weite sucht.</span></strong></p>
<p style="text-align:justify;"><strong><span style="font-weight:normal;">Alleine. Einsam. Etwas einsamer, als nur alleine. Meine Hand greift ganz automatisch nach dem dunklen Holz. Es ist vorbei. Die Worte hallen unaufhörlich in meinem Kopf. Vorbei. Es. Ist. Vorbei. Wenigstens ging es schnell, denke ich mir noch, als mich der nächste Gedanke wie eine Lawine überrollt. Ging es schnell? Ich würde ihn gerne fragen. Heutzutage gibt es doch schon alles, wieso dann kein Telefon, das eine Verbindung zwischen Leben und Tod herstellen kann?<br />
Ich beschließe, dass das Holz unter meinen Fingern Mahagoni ist.</span></strong></p>
<p style="text-align:justify;"><strong><span style="font-weight:normal;"><em>Bam. Bam. Bam.</em></span></strong></p>
<p style="text-align:justify;"><strong><span style="font-weight:normal;">Schritte. Absatzlose Schritte.</span></strong></p>
<p style="text-align:justify;"><strong><span style="font-weight:normal;">Bevor ich mich umdrehen kann, legt sich eine Hand um meine Taille. Der herbe Geruch eines Männerparfums steigt mir in die Nase. Dann erreichen mich seine Worte. „Ich bin hier. Wir stehen das gemeinsam durch.“ Enger drücke ich mich an Alex. Lasse mir von seinem Geruch die Sinne vernebeln.</span></strong></p>
<p style="text-align:justify;"><strong><span style="font-weight:normal;">Eine Hand hat er um mich gelegt, die andere hält die seiner Verlobten. Ein stechender Schmerz durchfährt mich, dann die Erkenntnis: Eine verpasste Möglichkeit. Wäre ich einfacher gewesen, etwas lebensfroher, etwas glücklicher, würde ich nun an seiner Seite stehen. Ich könnte ihn nicht lieben, aber der Gedanke es doch zu können, ist schön. Vielleicht wäre ich heute um eine Spur glücklicher, hätte ich ihm damals eine Chance gegeben.</span></strong></p>
<p style="text-align:justify;"><strong><span style="font-weight:normal;">Seine Finger malen sanft Kreise auf meinen Rücken. Es fühlt sich gut an und doch kann ich es nicht ertragen. Ich befreie mich aus seiner Umarmung. Gebe ihn völlig frei für sie. Sie, die ihn verdient hat.</span></strong></p>
<p style="text-align:justify;"><strong><span style="font-weight:normal;">Und jetzt warten. Warten auf den Rest. Auf die Endgültigkeit.</span></strong></p>
<p style="text-align:justify;"><strong><span style="font-weight:normal;">„Facella! Du bist da.“ Stella schlingt ihre Arme um mich, presst mich fest an sich. Tränen, einer Mutter, die ihren Sohn verloren hat, tropfen auf mein Kleid. Reflexartig drücke ich sie an mich, streiche ihr mit meinen Händen über den Rücken. Trost spenden, wo es keinen Trost gibt.</span></strong></p>
<p style="text-align:justify;"><strong><span style="font-weight:normal;">Sie zieht mich mit sich, nachdem sie sich beruhigt hat. Mechanisch mache ich alles, was sie von mir verlangt. Als ich ihren Mann erspähe, laufe ich zu ihm und bitte ihn, sich um sie zu kümmern. Ich würde den Rest machen. Stark sein, wenn andere schwach sind, konnte ich schon immer gut.<br />
Die beiden gehen davon. Ich bleibe zurück. Alex ist plötzlich wieder neben mir. Woher er kam, weiß ich nicht, zu gefangen bin ich in meinem Tun gewesen, als dass ich irgendetwas hätte wahrnehmen können.</span></strong></p>
<p style="text-align:justify;"><strong><span style="font-weight:normal;">„Hast Du die Zettel?“ Welche Zettel? Die Zettel. Eine Reihe Schimpfwörter fegt durch meinen Kopf. „Nein.“ Bevor er antworten kann, krame ich mein Notizbuch aus meiner Tasche und reiße alle Seiten heraus. „Das muss reichen.“ Er nickt. Ich nicke. Synchronnicken.</span></strong></p>
<p style="text-align:justify;"><strong><span style="font-weight:normal;">Auf Beerdigungen wird immer viel genickt. Das ist so eine Sache, die ich mir nicht erklären kann. Benicken wir seinen Tod oder finden wir uns einfach damit ab? Oder sind Worte einfach zu viel und man versteckt sich hinter einer kleinen Bewegung, um nicht aussprechen zu müssen, was man denkt?</span></strong></p>
<p style="text-align:justify;"><strong><span style="font-weight:normal;">Aber ich werde weiter nicken, so als gäbe es kein Morgen. Bis mein Nacken steif ist. Bis selbst die Körpersprache nichts mehr zu sagen hat.</span></strong></p>
<p style="text-align:justify;"><strong><span style="font-weight:normal;">Ich schüttle Hände, teile Trauerkarten aus, weise Plätze zu.</span></strong></p>
<p style="text-align:justify;"><strong><span style="font-weight:normal;">Wieder Schritte. Die ersten Gäste kommen. Ich erkenne zwei von ihnen sofort. Meine Ersatzeltern. Die vor Jahren ihren eigenen Sohn zu Grabe tragen mussten. Ich renne, lasse alles stehen und liegen, aber nur in Gedanken. In der Realität hebe ich nur kurz meine Hand zum Gruß und fahre mit meiner Tätigkeit fort. Was ich genau mache, weiß ich nicht, aber ich tue es ganz einfach. Wie gerne würde ich mich in Maries Arme stürzen, aber das Leben hat uns auseinander gerissen. Viel mehr, war es sein Tod. Das Bindestück zwischen uns, das auf einmal weg war. Sie sind alt geworden über die Jahre. Ricardos Haare sind ergraut, Marie versteckt gekonnt ihre Falten unter etwas zu viel Make-Up, doch bleibt ihre natürlich Schönheit trotzdem sichtbar. Ich vermisse sie ihn diesem Moment ganz schrecklich.</span></strong></p>
<p style="text-align:justify;"><strong><span style="font-weight:normal;">Alex steht an meiner Seite und zusammen teilen wir die nun zurecht geschnittenen Zettel aus. „Wir wollen ihm was auf den Weg geben.“, höre ich Alex sagen. „Wünsche, Hoffnungen, Erinnerungen. Wir wollen sie vorlesen und dann in den Sarg legen.”</span></strong></p>
<p style="text-align:justify;"><strong><span style="font-weight:normal;">Der Mann im schwarzen Anzug kommt wieder, bittet uns, dass wir uns setzen. Die Trauerfeier würde beginnen. Sitzen kommt mir sonderlich makaber vor. Ich kann in dieser Situation nicht sitzen. Will stehen, von einem Fuß auf den anderen wippen. Eigentlich will ich nur rennen. Weit weg laufen, mich verstecken, mich vergraben, mich auflösen.</span></strong></p>
<p style="text-align:justify;"><strong><span style="font-weight:normal;">Ich sitze ganz vorne. In der ersten Reihe, neben der Familie. Dabei gehöre ich gar nicht dazu, aber Stella hat darauf bestanden. Ich sitze neben der Frau mit dem Lippenstift auf den Zähnen, die mir irgendwann zwischen Tür und Angel als Großtante Romina vorgestellt wurde, und Cousin Alfred, den ich noch nie mochte. Romina weint bitterlich und laut neben mir und wischt sich mit einem weißen Taschentuch ständig über das Gesicht, das sich mittlerweile fast zur Gänze auf dem Baumwolltuch befindet.</span></strong></p>
<p style="text-align:justify;"><strong><span style="font-weight:normal;">Anzugmann spricht. Ich höre ihm nicht zu. Starre nur ins Leere. Der Sarg wird herein gebracht. Ja, Mahagoni, eindeutig. Zumindest behaupte ich das jetzt einfach mal. Als würde mich heute jemand dafür schelten. Die Blumen sind noch immer schön. Worte erreichen mich nicht. Nichts hören, nichts sehen, nichts fühlen. Abschalten, flüchten. Flüchten, in meine Welt. Ich bin gar nicht hier.<br />
Stella, gestützt von ihrem Mann, tritt ans Pult. Ich versuche zuzuhören, aber die Worte erreichen meine Ohren kaum. Alles ist so weit weg. Dann öffnet sich die Tür. Ich blicke mich um, starre quer durch den Raum in schmerzverzerrte Gesichter und erblicke Sven, der sich leise durch die Türe schiebt. Aufmunternd lächelt er mich an, doch nur ein Mundwinkel schafft es ein Stück nach oben, der andere verharrt in seiner nach unten zeigenden Position.</span></strong></p>
<p style="text-align:justify;"><strong><span style="font-weight:normal;">Ich zwinge mich nach vorne zu sehen. Nach vorne sehen. Nach vorne sehen, immer und immer wieder. Das Leben geht weiter, unaufhörlich, ob wir es wollen oder nicht. Ich weiß, dass ich stehen bleiben werde, für eine Zeit, aber irgendwann werde auch ich nach vorne sehen, dessen bin ich mir sicher, zumindest versuche ich es zu sein.</span></strong></p>
<p style="text-align:justify;"><strong><span style="font-weight:normal;">Romina greift nach meiner Hand. Sie ist feucht und voller  Mascararesten.  Ich wage es dennoch nicht mich aus ihrem Griff zu befreien.</span></strong></p>
<p style="text-align:justify;"><strong><span style="font-weight:normal;">Alles ist so unwirklich. Ich realisiere es noch immer nicht. Und während ich meinen Blick wieder Stella zu wende, schalten sich meine Sinne wieder ein und alles wird unerträglich laut. Stella spricht mal italienisch, mal deutsch. Ein bunter Wirrwarr aus Sprachen. Ich verstehe viel und gar nichts zugleich. Ich muss auch nicht hören, es reicht sie zu sehen. Ihr Schmerz trifft mich mitten ins Herz.</span></strong></p>
<p style="text-align:justify;"><strong><span style="font-weight:normal;">Sie endet, holt noch einmal tief Luft und ruft nach mir.</span></strong></p>
<p style="text-align:justify;"><strong><span style="font-weight:normal;">Ich bin dran. Mit weichen Knien trete ich an das Pult. Ich konnte noch nie vor Leuten sprechen, aber ich tue es trotzdem. Fest presse ich meine Augen zusammen, bis bunte Punkte vor ihnen erscheinen und sich langsam Tränenflüßigkeit bildet. Das erscheint mir wichtig. Tränen zu zeigen, oder zumindest glasige Augen. Ich räuspere mich nicht, um meiner Stimme diesen rauhen Ton zu verleihen, damit ich weinerlich klinge.</span></strong></p>
<p style="text-align:justify;"><strong><span style="font-weight:normal;">Ich lese meine Worte vor, von einem Zettel, der so zerknüllt ist, dass ich Schwierigkeiten habe das Geschriebene zu entziffern. Ich blicke mich um, starre in Gesichter, in Augen, die ich mit meinen Worten zum Weinen gebracht habe.</span></strong></p>
<p style="text-align:justify;"><strong><span style="font-weight:normal;">„Ich sage nicht leb wohl, sondern auf Wiedersehen. Auf Wiedersehen mein Freund, mein Bruder, mein Held.“ Als ich die letzten Worte aussprechen, verstehe ich endlich den Sinn meiner Rede. Und die Tränen kommen von ganz alleine.</span></strong></p>
<p style="text-align:justify;"><strong><span style="font-weight:normal;">Sie versiegen nicht. Unaufhaltsam laufen sie mir die Wangen hinab. Ich schluchze nicht, meine Stimme kaum anders als sonst, aber die Tränen fließen. Alex reagiert schnell. Holt mich aus dem Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, zieht mich nach hinten, hinter die letzte Reihe. Dort stehen Sven und Niko, die mich mit offenen Armen empfangen und mich in ihre Mitte nehmen.</span></strong></p>
<p style="text-align:justify;"><strong><span style="font-weight:normal;">Alex verschwindet und tritt wenige Sekunden später mit Jay auf die kleine erhobene Plattform.</span></strong></p>
<p style="text-align:justify;"><strong><span style="font-weight:normal;">Eingerahmt von den beiden Männern, stehe ich dort, weinend und schalte ab. Die restliche Zeremonie nehme ich kaum mehr wahr. Wie in Trance lasse ich mich von Sven mitziehen. Er erzählt mir von seiner Zugfahrt. Ich höre Gelächter inmitten der totenstillen Trauer und alles ist so unwirklich. Ich verstehe nicht, wieso wir gehen und weiß nicht wohin, aber lasse es einfach geschehen.</span></strong></p>
<p style="text-align:justify;"><strong><span style="font-weight:normal;">„Du hörst Dich so unglaublich deutsch an.“ Es dauert etwas, bis ich bemerke, dass ich es war, die gesprochen hat. Sven lacht und erzählt von Berlin und von einem Mann. Ich hasse ihn in diesem Moment völlig grundlos, aber ich tue es und kann es mir nicht erklären.</span></strong></p>
<p style="text-align:justify;"><strong><span style="font-weight:normal;">Kühle Luft umspielt mich, vermengt mit Stimmen und einer erdrückenden Gefühlswelle.</span></strong></p>
<p style="text-align:justify;"><em><strong><span style="font-weight:normal;">Klack. Klack. Klack.</span></strong></em></p>
<p style="text-align:justify;"><strong><span style="font-weight:normal;">Absätze treffen den harten Betonboden. Meine und anderen. Autotüren werden geöffnet und zugeschlagen. Ich weiß nicht, wo ich hingehöre. Sven und Niko setzen sich in ein Auto und lassen mich alleine stehen. Ich glaube, sie haben etwas gesagt, aber es kam nicht bei mir an.</span></strong></p>
<p style="text-align:justify;"><strong><span style="font-weight:normal;">„Ich nehme Dich mit.“ Jay steht plötzlich neben mir, seinen Sohn an der Hand, der mich freudestrahlend anlacht und nicht versteht, was hier heute passiert. Ich spüre Lippen auf meiner Stirn. Jays Lippen. Vor Wochen hätte ich mich noch dagegen gesträubt, aber heute brauche ich es. Vielleicht brauche ich auch ihn, aber nur heute. Ich schwöre mir mich nicht wieder in ein Uns zu verrennen und hoffe darauf, dass er meine Gedanken lesen kann. Aber er kann es nicht. Das weiß ich. Aber er kennt mich und meine Meinung zu ihm.</span></strong></p>
<p style="text-align:justify;"><strong><span style="font-weight:normal;">Wir fahren. Nicht lange. Abbiegen, vor roten Ampeln halten, wieder abbiegen, anhalten, Parkplatz suchen, aussteigen.</span></strong></p>
<p style="text-align:justify;"><strong><span style="font-weight:normal;">Ich habe noch immer nichts zu sagen, zumindest nichts, was von Bedeutung wäre.<br />
Den Kleinen an der Hand gehe ich auf den Eingang des Restaurants zu. Dort warten sie alle. Mein Herz verkrampft sich, fängt an wie wild zu schlagen.</span></strong></p>
<p style="text-align:justify;"><em><strong><span style="font-weight:normal;">Poch. Poch. Poch.</span></strong></em></p>
<p style="text-align:justify;"><strong><span style="font-weight:normal;">Ich denke an früher. An die Zeit, als wir alle noch zusammen waren und uns Freunde schimpften. Erneut fange ich an zu weinen. Es wird mir zu viel. Dominik fehlt mir in diesem Moment so sehr. Wäre er hier, würde ich es besser überstehen. Zumindest glaube ich das und weiß doch, dass es nicht der Wahrheit entspricht.</span></strong></p>
<p style="text-align:justify;"><strong><span style="font-weight:normal;">Der große, weiße Raum ist zu grell beleuchtet. Das Licht schmerzt meine Augen. Ich verschwinde auf die Toilette, wasche mein Gesicht, blicke nicht in den Spiegel, trockne meine Wangen, meine Augen. Schultern zurück, Brust raus, Bauch rein. Aufrecht gehen, den Kopf über Wasser halten. Und wieder raus.</span></strong></p>
<p style="text-align:justify;"><strong><span style="font-weight:normal;">Ein Platz zwischen Alex und Jay ist noch frei. Ich nehme Platz und will nach einer Hand greifen. Vergangenheit oder verpasste Möglichkeit? Ich entscheide mich gegen beides.</span></strong></p>
<p style="text-align:justify;"><strong><span style="font-weight:normal;">Ich bestelle Scotch mit Eis und ernte böse Blicke, von Vergangenheit und verpasster Möglichkeit. Und sage dem Kellner, er soll einen doppelten draus machen.</span></strong></p>
<p style="text-align:justify;"><strong><span style="font-weight:normal;">Nach dem dritten Doppelten bemerke ich, dass ich Scotch nicht mag, bestelle mir dennoch einen vierten. Nebenbei esse ich fritierte Garnellen, um etwas zu essen, um den Kopf etwas klarer zu machen, um irgendetwas mit meinen Händen zu tun, um nicht nach irgendwelchen Händen zu greifen.</span></strong></p>
<p style="text-align:justify;"><strong><span style="font-weight:normal;">Es werden Geschichten erzählt. Menschen lachen. Menschen weinen. Menschen teilen. Ich kenne viele dieser Geschichten schon. In manchen komme ich vor. Und alles dreht sich um ihn.</span></strong></p>
<p style="text-align:justify;"><em><strong><span style="font-weight:normal;">Bene. Bene. Bene.</span></strong></em></p>
<p style="text-align:justify;"><strong><span style="font-weight:normal;">Ich höre mich reden, sehe mich im Fokus aller. Es ist mir unangenehm und trotzdem spreche ich weiter. Erzähle von Rom und wie wir Mafia spielten. Alex ergänzt, Jay gibt auch seinen Senf dazu und in diesem Moment wirkt es so, als wären wir alle wieder die besten Freunde.</span></strong></p>
<p style="text-align:justify;"><strong><span style="font-weight:normal;">Vereint in der Trauer eines gemeinsamen Freundes, den viele von uns lange nicht mehr gesehen haben. Bilder werden rumgereicht. Trost wird gespendet. Und ich bestelle meinen fünften Scotch.<br />
Wenige Augenblicke später würge ich ihn mir wieder heraus. Jay hält mir die Haare aus dem Gesicht, streicht über meinen Rücken, redet beruhigend auf mich ein, während ich meine Hände fest um die Toilettenschüssel schlinge.</span></strong></p>
<p style="text-align:justify;"><strong><span style="font-weight:normal;">Ich sinke in mich zusammen, reiße Jay an mich, presse mich an ihn. Seine Hände um meinem Körper, sein Gesicht in meiner Halsbeuge. So weinen wir zusammen. Und sind uns in diesem Moment so nah, wie schon lange nicht mehr. Ich glaube fast, so nah, wie noch nie.</span></strong></p>
<p style="text-align:justify;"><strong><span style="font-weight:normal;">„Los, bring sie raus.“ Es ist Alex‘ Stimme. Beschämt wischt sich Jay die Tränen aus dem Gesicht, hievt mich hoch. Meine Füße berühren kaum den Boden, als er mich nach draußen bringt.</span></strong></p>
<p style="text-align:justify;"><strong><span style="font-weight:normal;">Wir warten in der Kälte. Auf was, weiß ich nicht. Aber wir warten. Ineinander verschlungen. Und doch so fern voneinander. Dann erscheint Stella. Wir umarmen uns, versprechen uns, dass wir uns treffen werden und wissen doch, dass wir es nicht tun werden. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt.  Alex kommt, Niko kommt, Sven kommt, Roman kommt. Da stehen wir. Jay geht für einen Moment und kommt wenig später wieder.</span></strong></p>
<p style="text-align:justify;"><strong><span style="font-weight:normal;">„Ich hab meiner Mutter gesagt, dass sie sich um Max kümmern soll.“ Ich nicke. Wieder einmal.<br />
Ich sitze neben Alex auf dem Beifahrersitz. Roman hinter mir, seine Hand knetete meine Schulter. Wir fahren, wohin weiß ich nicht. Aber ich weiß, dass wir wegmüssen.</span></strong></p>
<p style="text-align:justify;"><strong><span style="font-weight:normal;">Irgendwann halten wir. Neben uns hält Jays Wagen. Roman und Niko verschwinden für einen Moment in einer Tankstelle und kommen wenig später mit zwei Flaschen und Plastikbechern wieder. Ich weiß noch immer nicht, was vor sich geht.</span></strong></p>
<p style="text-align:justify;"><strong><span style="font-weight:normal;">Erst als wir in einen Waldweg einbiegen, dämmert es mir. Ich greife nach Alex‘ Hand, er drückt sie und in stiller Übereinkunft halten wir in diesem Moment aneinander fest und schalten zusammen in den vierten Gang.</span></strong></p>
<p style="text-align:justify;"><strong><span style="font-weight:normal;">Der Weg ist holprig, schüttelt uns durch und langsam wache ich auf. Im Radio läuft ‚Don’t worry, be happy.“ Ich wechsel den Sender. Weihnachtslieder. Erneuter Wechsel. Irgendein Poplied. Wechsel auf CD und die ersten Töne des Juno Soundtracks gelangen an meine Ohren.</span></strong></p>
<p style="text-align:justify;"><strong><span style="font-weight:normal;">Wir fahren weiter bergauf, werden manchmal von den Scheinwerfern des Wagens hinter uns geblendet, in dem Jay, Sven und Niko sitzen. Es ist wieder so wie früher, nur dass ein großer Teil fehlt.</span></strong></p>
<p style="text-align:justify;"><strong><span style="font-weight:normal;">And if you wanna kill yourself, remember that I love you. Call me up before you’re dead, we can make some plans instead. Send me an IM, I’ll be your friend.</span></strong></p>
<p style="text-align:justify;"><strong><span style="font-weight:normal;">Schnell schalte ich das Radio wieder aus, mit dem Wissen, dass dieses Lied von nun an unser Lied sein wird. Jahrelange Freundschaften in einem Lied erklärt.</span></strong></p>
<p style="text-align:justify;"><strong><span style="font-weight:normal;">Wir halten und steigen aus. Am Gipfel des Berges. Im Rücken ein beleuchtetes Restaurant, vor den Augen der Abgrund. Es ist hier oben viel kälter und ich bemerke, dass ich meinen Mantel vergessen habe. Aber kann nicht sagen wo und es ist mir egal.</span></strong></p>
<p style="text-align:justify;"><em><strong><span style="font-weight:normal;">Plop.</span></strong></em></p>
<p style="text-align:justify;"><strong><span style="font-weight:normal;">Eine Flasche wurde geöffnet, der Inhalt verteilt in Plastikbecher. Ich nehme dankend einen Becher entgegen. Mein Magen protestiert schon bei dem Gedanken an Alkohol, aber ich ignorier ihn.<br />
Und in der Dunkelheit stoßen wir an.</span></strong></p>
<p style="text-align:justify;"><strong><span style="font-weight:normal;">„Auf Bene.“</span></strong></p>
<p style="text-align:justify;"><strong><span style="font-weight:normal;">„Auf das Leben.“</span></strong></p>
<p style="text-align:justify;"><strong><span style="font-weight:normal;">„Auf uns.“</span></strong></p>
<p style="text-align:justify;"><strong><span style="font-weight:normal;">„Auf die Rawk’n’Roll Kidz.“</span></strong></p>
<p style="text-align:justify;"><strong><span style="font-weight:normal;">Ich leere mein Glas in einem Schluck, die anderen tun es mir gleich. Den Rest der Flasche leeren wir in den Abgrund. Die Flasche fällt hinterher. </span></strong></p>
<p style="text-align:justify;"><strong><span style="font-weight:normal;">„Auf Bene.“, flüstere ich. „Auf Bene.“, wiederholen die anderen.</span></strong></p>
<p style="text-align:justify;"><strong><span style="font-weight:normal;">Vereint in der Dunkelheit, in Erinnerungen an ihn, in der Trauer um ihn. Es ist ein klein wenig wie damals, denke ich mir, als ich meine Jungs betrachte, die so erwachsen geworden sind.</span></strong></p>
<p style="text-align:justify;"><strong><span style="font-weight:normal;">Kurz verweilen wir in der Stille, sehen uns an und haben alle den gleichen Gedanken: Schön, euch wieder zu sehen. Zumindest denke ich das und glaube, dass es ist die Wahrheit ist.</span></strong></p>
<p style="text-align:justify;"><strong><span style="font-weight:normal;">Und dann bricht die Stille. Wir schwelgen gemeinsam in Erinnerungen und reden, erzählen. Dann ein Lachen. Ich weiß nicht, wer damit angefangen hat, aber wir stimmen alle ein.</span></strong></p>
<p style="text-align:justify;"><strong><span style="font-weight:normal;">Ich friere nicht. Nicht äußerlich. In mir drinnen wird alles zu Eis. Aber ich lache und weine gleichzeitig.</span></strong></p>
<p style="text-align:justify;"><strong><span style="font-weight:normal;">Dann fahren wir. Ich bitte Alex mich ein paar Meter vor meinem Haus raus zu lassen, um noch frische Luft atmen zu können. Er hält, der Wagen hinter uns tut es ihm gleich.</span></strong></p>
<p style="text-align:justify;"><strong><span style="font-weight:normal;">Noch ein paar Umarmungen, geheuchelte Versprechen eines erneuten Wiedersehens, dann fahren sie fort.</span></strong></p>
<p style="text-align:justify;"><strong><span style="font-weight:normal;">Langsam gehe ich nach Hause. Realisiere, begreife, erkenne. Und der Teil meines Herzens der einst Bene gehörte, stirbt in diesem Moment. Wie eine Blume, die verwelkt.</span></strong></p>
<p style="text-align:justify;"><em><strong><span style="font-weight:normal;">Klack. Klack. Klack.</span></strong></em></p>
<p style="text-align:justify;"><strong><span style="font-weight:normal;">Meine Schritte auf nacktem, hartem Beton verhallen in der Dunkelheit.</span></strong></p>
<p style="text-align:justify;"><strong><span style="font-weight:normal;"><em>Klack. Klack. Klack</em>.</span></strong></p>
<p style="text-align:justify;"><strong><span style="font-weight:normal;">Und dann ist alles vorbei.</span><em><span style="font-weight:normal;"><br />
</span></em></strong></p>
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