Liebe ist alles

14 Jan

Therapie, Teil 2 – Februar 2010

„Ich kann nicht lieben und will es ehrlich gesagt auch nicht mehr.“, höre ich mich sagen und weiß, dass es eine Lüge ist.

Mein Therapeut schreibt es nieder, sieht mich an, durchschaut mich. Aber tut so, als würde er mir glauben.

Die Wahrheit ist, dass ich davor Angst habe. Vor der Liebe, vor dem Leben und vor dem ganzen dreckigen Rest. Aber das sage ich ihm nicht, denn so weit öffnen kann ich mich ihm nicht. So weit öffnen kann ich mich eigentlich niemandem.

Das mit der Liebe habe ich schon versucht, so ist es nicht. Den einen hab ich verloren, weil ich ihn nicht am Leben festhalten konnte. Den anderen habe ich verlassen, weil er meine Liebe nicht zu schätzen wusste.

Was blieb ist ein Loch. Ein Riss im Herzen. Eine Leere in mir. Aber das sage ich meinem Therapeuten auch nicht. Eigentlich sage ich ihm nicht viel, aber das was ich sage, schmücke ich mit vielen Wörtern. Es ist meine zweite Sitzung bei ihm und er beschreibt schon den vierten Din-A4-Bogen. Eine Diagnose will er noch nicht stellen. Mein alter Psychiater war da um einiges schneller. Nach einem fünfminütigen Gespräch mit mir, nahm er meine Mutter zur Seite und sagte ihr, ich sei hochgradig schizophren und sollte umgehend eingeliefert werden. Wie er zu dieser Diagnose kam, wollte (und konnte) er ihr aber nicht sagen.

Mein erster Kaffee ist bereits leer. Aber ich habe vorgesorgt. Noch zwei Becher stehen vor mir. Er fragt mich plötzlich nach dem Grund meine gescheiterten Beziehungen. Und ohne meine Antwort zu überdenken, sage ich: „Die einzige Konstante bin ich. Ergo bin wohl ich der Grund.“ Kaum hab ich es ausgesprochen, versuche ich Wahrheit darin zu sehen. Erkenne sie jedoch nicht. Denn eigentlich war ich nie Schuld. Zumindest nie alleine.

Die Wahrheit ist, dass ich mir zu oft die Schuld gebe. Als D starb, fühlte ich mich schuldig. Es waren nur ein paar Wörter, die ich schlussendlich so verinnerlicht hatte, dass es schwer war, mich selbst des Gegenteils zu überzeugen: „Hätten wir uns nicht gestritten, wäre er in dieser Nacht nicht zu mir gefahren, hätte er nicht diesen Unfall gehabt, wäre er nicht gestorben.“ Das Furchtbarste an der Sache war, dass ich die Einzige war, die mir die Schuld gab.

Es gibt Tage, an denen ich mir nicht mehr die Schuld gebe. Weder an Ds Tod, noch an meinen gescheiterten Beziehungen. Aber es gibt auch Tage, an denen mich die Schuld erdrückt. Aber das sage ich meinem Psychiater auch nicht. Ich sage nur: „Wenn man es genauer betrachtet, ist nie nur einer alleine schuld. Auch ich nicht.“

Ich versuche eine Antwort zu finden. Versuche die Liebe und ihre Bedeutung für mich zu erklären. Es reduziert sich auf ein Wort: Alles. Denn Liebe ist alles.

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