Und dann ist alles vorbei

16 Jan

Montag,  07.Dezember  2009
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Klack. Klack. Klack.

Verärgert über die Dreistigkeit, dass es jemand wagt mit High Heels über den schwarzen Marmor zu laufen, drehe ich mich um und suche nach dem Übeltäter. Und muss erkennen, dass ich es selber bin. Ich verlagere mein Gewicht auf meine Ballen und tappe ungeschickt auf Zehenspitzen in viel zu unbequemen Schuhen durch die Gänge.

Nur kein Geräusch machen. Unsichtbar bleiben, solange es noch geht.

Klack. Klack. Klack.

Diesmal sind es nicht meine Schritte, die durch die steinerne Halle klackern. Ich kenne die Frau nicht, doch erkenne sie augenblicklich. Die schwarze Lockenmähne versteckt zu wenig von ihrem überschminktem Gesicht. Die Lippen formen sich zu einem Lächeln und entblößen gelbe Zähne, auf denen noch Reste des Lippenstifts kleben. Ich könnte ihr sagen, dass sie Lippenstift auf den Zähnen hat, aber so nett bin ich heute nicht. So nett bin ich, ehrlich gesagt, nie.

Sie lacht. Lachen. Wie kann sie nur lachen?

Angestrengt versuche ich es doch zu erwidern. Aber scheitere.

„È una fortuna che tu sia qui.“

Ich verstehe kein Wort. Nicke dennoch und behalte diese Grimasse aufrecht, die eigentlich ein Lächeln sein sollte. Wenigstens habe ich keinen Lippenstift auf den Zähnen.

Klack. Klack. Klack.

Sie eilt voraus. Ich hinterher, auf Zehenspitzen. Während sie lautstark italienische Floskeln von sich gibt oder auch Witze. Sie könnte mir alles erzählen, ich würde trotzdem nicken und so tun, als würde ich sie verstehen.

Fiori. Non mi piace. Die Blumen. Sie gefallen ihr nicht. Ich gebe ihr recht. „Si, fiori sono atroci.“ Kurz überlege ich, ob mein Kopf richtig übersetzt hat. Aber sie hört mir gar nicht zu, also ist es auch egal, ob sich mein Italienisch wie Italienisch anhört. Und während ich ihr durch das Gebäude folge, verstehe ich so langsam den ersten Satz. Sie freut sich, dass ich hier bin. Nein, das war es nicht. Es ist ein Glück, dass ich hier bin. Was im Endeffekt nur ein Synonym für „Ein Glück, dass Du hier bist und jetzt komm, wir brauchen Dich für irgendetwas.“ ist.

So abrupt wie sie hält, tritt auch meine Erkenntnis über unseren Zielort ein. Eine Nische, geschmückt mit Blumen. Ich finde sie schön. Die Namen der meisten kenne ich nicht. Aber ich erspähe Rosen und Tulpen. Woher, zum Teufel, bekommt man um diese Jahreszeit Tulpen? Da mir das italienische Wort für Tulpen nicht einfällt, frage ich erst gar nicht. Sie scheint sowieso zu beschäftigt zu sein, dem Mann im schwarzen Anzug irgendetwas klar zu machen. Er versteht sie noch weniger, als ich. Hilfesuchend blickt er sich um, versucht sie zu beruhigen. Doch dafür hab ich keine Augen, keinen Kopf, kein Herz.

Meine Hand berührt das dunkle Holz. Es ist kalt, glatt. Die dümmsten Gedanken schießen mir in den Kopf. Wenn es Mahagoni ist, so denke ich mir, könnte mein Exfreund sich stundenlang darüber echauffieren. Ich glaube, es ist Mahagoni. Aber eigentlich hab ich keine Ahnung von Holz. Dunkel, hell, braun. Alles Holz. Das ist wie mit den Blumen. Blumen sind Blumen, riechen wie Blumen, verwelken wie Blumen, trotzdem gibt es tausende Namen dafür. Vielleicht sollte ich Blumenhändlerin werden, dann könnte ich sie alle irgendwann beim Namen nennen. Das dürfte dann wohl damit enden, dass ich Selbstgespräche mit Blumen führe. „Na, Orchidee, hattest Du einen schönen Tag? Du weißt schon, dass Du bald tot bist, ja? Aber mach Dir nichts draus, so ist das Leben.“

So ist das Leben. Gibt es Leben, gibt es Tod. Aus. Ende. Vorbei.

Finito, wie die gute Frau neben mir sagen würde, die noch immer auf den Mann einredet. Er würde mir ja leid tun, wenn ich nicht gerade damit beschäftigt wäre, mir selbst leid zu tun.

Plötzlich steht sie neben mir. Den Mann im Schlepptau. Und redet wild auf mich ein. Ich verstehe nichts. Mal wieder. „Con-ver-tire!“ Silbe für Silbe spricht sie es aus. Perplex sehe ich sie an. „Con-ver-tire.“ Sie zeigt auf sich, dann auf mich, dann auf ihn.

Ich soll übersetzen. Am Liebsten hätte ich laut gelacht, aber ich nicke nur. Schnell spricht sie auf mich ein und plötzlich stoppt sie. Jetzt bin ich dran. Wie soll ich etwas übersetzen, dass ich nicht verstehe? Aber ich tue es trotzdem.

„Ich habe kein Wort verstanden, aber lassen Sie uns einfach reden, ja? Damit sie denkt, ich hätte es verstanden.“ Ein kurzer flehender Blick meinerseits, ein Nicken seinerseits. Dann rede ich drauf los. Aus den paar Wörtern, die ich verstanden hatte, forme ich Sätze, die wohl nicht annähernd das wiedergeben, was sie gesagt hat. Ich erzähle ihm von den Blumen, vergesse ihn nach den Tulpen zu fragen. Und etwas von Stühlen und Wasser. Auch wenn uns beiden der Sinn dahinter verwehrt bleibt.

Er nickt mich an, dann sie, freundlich lächelnd. Sie sieht zufrieden aus und verschwindet. Wohin weiß ich nicht und es ist mir ehrlich gesagt auch egal.

„Ihre Großmutter ist ganz schön temperamentvoll.“, sagt er. Ich verdrehe meine Augen. „Wir. Sind. Nicht. Verwandt.“, presse ich zwischen meinen Zähnen hervor. Er fährt sich über die Halbglatze, richtet noch ein paar Worte an mich, ehe auch er das Weite sucht.

Alleine. Einsam. Etwas einsamer, als nur alleine. Meine Hand greift ganz automatisch nach dem dunklen Holz. Es ist vorbei. Die Worte hallen unaufhörlich in meinem Kopf. Vorbei. Es. Ist. Vorbei. Wenigstens ging es schnell, denke ich mir noch, als mich der nächste Gedanke wie eine Lawine überrollt. Ging es schnell? Ich würde ihn gerne fragen. Heutzutage gibt es doch schon alles, wieso dann kein Telefon, das eine Verbindung zwischen Leben und Tod herstellen kann?
Ich beschließe, dass das Holz unter meinen Fingern Mahagoni ist.

Bam. Bam. Bam.

Schritte. Absatzlose Schritte.

Bevor ich mich umdrehen kann, legt sich eine Hand um meine Taille. Der herbe Geruch eines Männerparfums steigt mir in die Nase. Dann erreichen mich seine Worte. „Ich bin hier. Wir stehen das gemeinsam durch.“ Enger drücke ich mich an Alex. Lasse mir von seinem Geruch die Sinne vernebeln.

Eine Hand hat er um mich gelegt, die andere hält die seiner Verlobten. Ein stechender Schmerz durchfährt mich, dann die Erkenntnis: Eine verpasste Möglichkeit. Wäre ich einfacher gewesen, etwas lebensfroher, etwas glücklicher, würde ich nun an seiner Seite stehen. Ich könnte ihn nicht lieben, aber der Gedanke es doch zu können, ist schön. Vielleicht wäre ich heute um eine Spur glücklicher, hätte ich ihm damals eine Chance gegeben.

Seine Finger malen sanft Kreise auf meinen Rücken. Es fühlt sich gut an und doch kann ich es nicht ertragen. Ich befreie mich aus seiner Umarmung. Gebe ihn völlig frei für sie. Sie, die ihn verdient hat.

Und jetzt warten. Warten auf den Rest. Auf die Endgültigkeit.

„Facella! Du bist da.“ Stella schlingt ihre Arme um mich, presst mich fest an sich. Tränen, einer Mutter, die ihren Sohn verloren hat, tropfen auf mein Kleid. Reflexartig drücke ich sie an mich, streiche ihr mit meinen Händen über den Rücken. Trost spenden, wo es keinen Trost gibt.

Sie zieht mich mit sich, nachdem sie sich beruhigt hat. Mechanisch mache ich alles, was sie von mir verlangt. Als ich ihren Mann erspähe, laufe ich zu ihm und bitte ihn, sich um sie zu kümmern. Ich würde den Rest machen. Stark sein, wenn andere schwach sind, konnte ich schon immer gut.
Die beiden gehen davon. Ich bleibe zurück. Alex ist plötzlich wieder neben mir. Woher er kam, weiß ich nicht, zu gefangen bin ich in meinem Tun gewesen, als dass ich irgendetwas hätte wahrnehmen können.

„Hast Du die Zettel?“ Welche Zettel? Die Zettel. Eine Reihe Schimpfwörter fegt durch meinen Kopf. „Nein.“ Bevor er antworten kann, krame ich mein Notizbuch aus meiner Tasche und reiße alle Seiten heraus. „Das muss reichen.“ Er nickt. Ich nicke. Synchronnicken.

Auf Beerdigungen wird immer viel genickt. Das ist so eine Sache, die ich mir nicht erklären kann. Benicken wir seinen Tod oder finden wir uns einfach damit ab? Oder sind Worte einfach zu viel und man versteckt sich hinter einer kleinen Bewegung, um nicht aussprechen zu müssen, was man denkt?

Aber ich werde weiter nicken, so als gäbe es kein Morgen. Bis mein Nacken steif ist. Bis selbst die Körpersprache nichts mehr zu sagen hat.

Ich schüttle Hände, teile Trauerkarten aus, weise Plätze zu.

Wieder Schritte. Die ersten Gäste kommen. Ich erkenne zwei von ihnen sofort. Meine Ersatzeltern. Die vor Jahren ihren eigenen Sohn zu Grabe tragen mussten. Ich renne, lasse alles stehen und liegen, aber nur in Gedanken. In der Realität hebe ich nur kurz meine Hand zum Gruß und fahre mit meiner Tätigkeit fort. Was ich genau mache, weiß ich nicht, aber ich tue es ganz einfach. Wie gerne würde ich mich in Maries Arme stürzen, aber das Leben hat uns auseinander gerissen. Viel mehr, war es sein Tod. Das Bindestück zwischen uns, das auf einmal weg war. Sie sind alt geworden über die Jahre. Ricardos Haare sind ergraut, Marie versteckt gekonnt ihre Falten unter etwas zu viel Make-Up, doch bleibt ihre natürlich Schönheit trotzdem sichtbar. Ich vermisse sie ihn diesem Moment ganz schrecklich.

Alex steht an meiner Seite und zusammen teilen wir die nun zurecht geschnittenen Zettel aus. „Wir wollen ihm was auf den Weg geben.“, höre ich Alex sagen. „Wünsche, Hoffnungen, Erinnerungen. Wir wollen sie vorlesen und dann in den Sarg legen.”

Der Mann im schwarzen Anzug kommt wieder, bittet uns, dass wir uns setzen. Die Trauerfeier würde beginnen. Sitzen kommt mir sonderlich makaber vor. Ich kann in dieser Situation nicht sitzen. Will stehen, von einem Fuß auf den anderen wippen. Eigentlich will ich nur rennen. Weit weg laufen, mich verstecken, mich vergraben, mich auflösen.

Ich sitze ganz vorne. In der ersten Reihe, neben der Familie. Dabei gehöre ich gar nicht dazu, aber Stella hat darauf bestanden. Ich sitze neben der Frau mit dem Lippenstift auf den Zähnen, die mir irgendwann zwischen Tür und Angel als Großtante Romina vorgestellt wurde, und Cousin Alfred, den ich noch nie mochte. Romina weint bitterlich und laut neben mir und wischt sich mit einem weißen Taschentuch ständig über das Gesicht, das sich mittlerweile fast zur Gänze auf dem Baumwolltuch befindet.

Anzugmann spricht. Ich höre ihm nicht zu. Starre nur ins Leere. Der Sarg wird herein gebracht. Ja, Mahagoni, eindeutig. Zumindest behaupte ich das jetzt einfach mal. Als würde mich heute jemand dafür schelten. Die Blumen sind noch immer schön. Worte erreichen mich nicht. Nichts hören, nichts sehen, nichts fühlen. Abschalten, flüchten. Flüchten, in meine Welt. Ich bin gar nicht hier.
Stella, gestützt von ihrem Mann, tritt ans Pult. Ich versuche zuzuhören, aber die Worte erreichen meine Ohren kaum. Alles ist so weit weg. Dann öffnet sich die Tür. Ich blicke mich um, starre quer durch den Raum in schmerzverzerrte Gesichter und erblicke Sven, der sich leise durch die Türe schiebt. Aufmunternd lächelt er mich an, doch nur ein Mundwinkel schafft es ein Stück nach oben, der andere verharrt in seiner nach unten zeigenden Position.

Ich zwinge mich nach vorne zu sehen. Nach vorne sehen. Nach vorne sehen, immer und immer wieder. Das Leben geht weiter, unaufhörlich, ob wir es wollen oder nicht. Ich weiß, dass ich stehen bleiben werde, für eine Zeit, aber irgendwann werde auch ich nach vorne sehen, dessen bin ich mir sicher, zumindest versuche ich es zu sein.

Romina greift nach meiner Hand. Sie ist feucht und voller  Mascararesten.  Ich wage es dennoch nicht mich aus ihrem Griff zu befreien.

Alles ist so unwirklich. Ich realisiere es noch immer nicht. Und während ich meinen Blick wieder Stella zu wende, schalten sich meine Sinne wieder ein und alles wird unerträglich laut. Stella spricht mal italienisch, mal deutsch. Ein bunter Wirrwarr aus Sprachen. Ich verstehe viel und gar nichts zugleich. Ich muss auch nicht hören, es reicht sie zu sehen. Ihr Schmerz trifft mich mitten ins Herz.

Sie endet, holt noch einmal tief Luft und ruft nach mir.

Ich bin dran. Mit weichen Knien trete ich an das Pult. Ich konnte noch nie vor Leuten sprechen, aber ich tue es trotzdem. Fest presse ich meine Augen zusammen, bis bunte Punkte vor ihnen erscheinen und sich langsam Tränenflüßigkeit bildet. Das erscheint mir wichtig. Tränen zu zeigen, oder zumindest glasige Augen. Ich räuspere mich nicht, um meiner Stimme diesen rauhen Ton zu verleihen, damit ich weinerlich klinge.

Ich lese meine Worte vor, von einem Zettel, der so zerknüllt ist, dass ich Schwierigkeiten habe das Geschriebene zu entziffern. Ich blicke mich um, starre in Gesichter, in Augen, die ich mit meinen Worten zum Weinen gebracht habe.

„Ich sage nicht leb wohl, sondern auf Wiedersehen. Auf Wiedersehen mein Freund, mein Bruder, mein Held.“ Als ich die letzten Worte aussprechen, verstehe ich endlich den Sinn meiner Rede. Und die Tränen kommen von ganz alleine.

Sie versiegen nicht. Unaufhaltsam laufen sie mir die Wangen hinab. Ich schluchze nicht, meine Stimme kaum anders als sonst, aber die Tränen fließen. Alex reagiert schnell. Holt mich aus dem Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, zieht mich nach hinten, hinter die letzte Reihe. Dort stehen Sven und Niko, die mich mit offenen Armen empfangen und mich in ihre Mitte nehmen.

Alex verschwindet und tritt wenige Sekunden später mit Jay auf die kleine erhobene Plattform.

Eingerahmt von den beiden Männern, stehe ich dort, weinend und schalte ab. Die restliche Zeremonie nehme ich kaum mehr wahr. Wie in Trance lasse ich mich von Sven mitziehen. Er erzählt mir von seiner Zugfahrt. Ich höre Gelächter inmitten der totenstillen Trauer und alles ist so unwirklich. Ich verstehe nicht, wieso wir gehen und weiß nicht wohin, aber lasse es einfach geschehen.

„Du hörst Dich so unglaublich deutsch an.“ Es dauert etwas, bis ich bemerke, dass ich es war, die gesprochen hat. Sven lacht und erzählt von Berlin und von einem Mann. Ich hasse ihn in diesem Moment völlig grundlos, aber ich tue es und kann es mir nicht erklären.

Kühle Luft umspielt mich, vermengt mit Stimmen und einer erdrückenden Gefühlswelle.

Klack. Klack. Klack.

Absätze treffen den harten Betonboden. Meine und anderen. Autotüren werden geöffnet und zugeschlagen. Ich weiß nicht, wo ich hingehöre. Sven und Niko setzen sich in ein Auto und lassen mich alleine stehen. Ich glaube, sie haben etwas gesagt, aber es kam nicht bei mir an.

„Ich nehme Dich mit.“ Jay steht plötzlich neben mir, seinen Sohn an der Hand, der mich freudestrahlend anlacht und nicht versteht, was hier heute passiert. Ich spüre Lippen auf meiner Stirn. Jays Lippen. Vor Wochen hätte ich mich noch dagegen gesträubt, aber heute brauche ich es. Vielleicht brauche ich auch ihn, aber nur heute. Ich schwöre mir mich nicht wieder in ein Uns zu verrennen und hoffe darauf, dass er meine Gedanken lesen kann. Aber er kann es nicht. Das weiß ich. Aber er kennt mich und meine Meinung zu ihm.

Wir fahren. Nicht lange. Abbiegen, vor roten Ampeln halten, wieder abbiegen, anhalten, Parkplatz suchen, aussteigen.

Ich habe noch immer nichts zu sagen, zumindest nichts, was von Bedeutung wäre.
Den Kleinen an der Hand gehe ich auf den Eingang des Restaurants zu. Dort warten sie alle. Mein Herz verkrampft sich, fängt an wie wild zu schlagen.

Poch. Poch. Poch.

Ich denke an früher. An die Zeit, als wir alle noch zusammen waren und uns Freunde schimpften. Erneut fange ich an zu weinen. Es wird mir zu viel. Dominik fehlt mir in diesem Moment so sehr. Wäre er hier, würde ich es besser überstehen. Zumindest glaube ich das und weiß doch, dass es nicht der Wahrheit entspricht.

Der große, weiße Raum ist zu grell beleuchtet. Das Licht schmerzt meine Augen. Ich verschwinde auf die Toilette, wasche mein Gesicht, blicke nicht in den Spiegel, trockne meine Wangen, meine Augen. Schultern zurück, Brust raus, Bauch rein. Aufrecht gehen, den Kopf über Wasser halten. Und wieder raus.

Ein Platz zwischen Alex und Jay ist noch frei. Ich nehme Platz und will nach einer Hand greifen. Vergangenheit oder verpasste Möglichkeit? Ich entscheide mich gegen beides.

Ich bestelle Scotch mit Eis und ernte böse Blicke, von Vergangenheit und verpasster Möglichkeit. Und sage dem Kellner, er soll einen doppelten draus machen.

Nach dem dritten Doppelten bemerke ich, dass ich Scotch nicht mag, bestelle mir dennoch einen vierten. Nebenbei esse ich fritierte Garnellen, um etwas zu essen, um den Kopf etwas klarer zu machen, um irgendetwas mit meinen Händen zu tun, um nicht nach irgendwelchen Händen zu greifen.

Es werden Geschichten erzählt. Menschen lachen. Menschen weinen. Menschen teilen. Ich kenne viele dieser Geschichten schon. In manchen komme ich vor. Und alles dreht sich um ihn.

Bene. Bene. Bene.

Ich höre mich reden, sehe mich im Fokus aller. Es ist mir unangenehm und trotzdem spreche ich weiter. Erzähle von Rom und wie wir Mafia spielten. Alex ergänzt, Jay gibt auch seinen Senf dazu und in diesem Moment wirkt es so, als wären wir alle wieder die besten Freunde.

Vereint in der Trauer eines gemeinsamen Freundes, den viele von uns lange nicht mehr gesehen haben. Bilder werden rumgereicht. Trost wird gespendet. Und ich bestelle meinen fünften Scotch.
Wenige Augenblicke später würge ich ihn mir wieder heraus. Jay hält mir die Haare aus dem Gesicht, streicht über meinen Rücken, redet beruhigend auf mich ein, während ich meine Hände fest um die Toilettenschüssel schlinge.

Ich sinke in mich zusammen, reiße Jay an mich, presse mich an ihn. Seine Hände um meinem Körper, sein Gesicht in meiner Halsbeuge. So weinen wir zusammen. Und sind uns in diesem Moment so nah, wie schon lange nicht mehr. Ich glaube fast, so nah, wie noch nie.

„Los, bring sie raus.“ Es ist Alex‘ Stimme. Beschämt wischt sich Jay die Tränen aus dem Gesicht, hievt mich hoch. Meine Füße berühren kaum den Boden, als er mich nach draußen bringt.

Wir warten in der Kälte. Auf was, weiß ich nicht. Aber wir warten. Ineinander verschlungen. Und doch so fern voneinander. Dann erscheint Stella. Wir umarmen uns, versprechen uns, dass wir uns treffen werden und wissen doch, dass wir es nicht tun werden. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt.  Alex kommt, Niko kommt, Sven kommt, Roman kommt. Da stehen wir. Jay geht für einen Moment und kommt wenig später wieder.

„Ich hab meiner Mutter gesagt, dass sie sich um Max kümmern soll.“ Ich nicke. Wieder einmal.
Ich sitze neben Alex auf dem Beifahrersitz. Roman hinter mir, seine Hand knetete meine Schulter. Wir fahren, wohin weiß ich nicht. Aber ich weiß, dass wir wegmüssen.

Irgendwann halten wir. Neben uns hält Jays Wagen. Roman und Niko verschwinden für einen Moment in einer Tankstelle und kommen wenig später mit zwei Flaschen und Plastikbechern wieder. Ich weiß noch immer nicht, was vor sich geht.

Erst als wir in einen Waldweg einbiegen, dämmert es mir. Ich greife nach Alex‘ Hand, er drückt sie und in stiller Übereinkunft halten wir in diesem Moment aneinander fest und schalten zusammen in den vierten Gang.

Der Weg ist holprig, schüttelt uns durch und langsam wache ich auf. Im Radio läuft ‚Don’t worry, be happy.“ Ich wechsel den Sender. Weihnachtslieder. Erneuter Wechsel. Irgendein Poplied. Wechsel auf CD und die ersten Töne des Juno Soundtracks gelangen an meine Ohren.

Wir fahren weiter bergauf, werden manchmal von den Scheinwerfern des Wagens hinter uns geblendet, in dem Jay, Sven und Niko sitzen. Es ist wieder so wie früher, nur dass ein großer Teil fehlt.

And if you wanna kill yourself, remember that I love you. Call me up before you’re dead, we can make some plans instead. Send me an IM, I’ll be your friend.

Schnell schalte ich das Radio wieder aus, mit dem Wissen, dass dieses Lied von nun an unser Lied sein wird. Jahrelange Freundschaften in einem Lied erklärt.

Wir halten und steigen aus. Am Gipfel des Berges. Im Rücken ein beleuchtetes Restaurant, vor den Augen der Abgrund. Es ist hier oben viel kälter und ich bemerke, dass ich meinen Mantel vergessen habe. Aber kann nicht sagen wo und es ist mir egal.

Plop.

Eine Flasche wurde geöffnet, der Inhalt verteilt in Plastikbecher. Ich nehme dankend einen Becher entgegen. Mein Magen protestiert schon bei dem Gedanken an Alkohol, aber ich ignorier ihn.
Und in der Dunkelheit stoßen wir an.

„Auf Bene.“

„Auf das Leben.“

„Auf uns.“

„Auf die Rawk’n’Roll Kidz.“

Ich leere mein Glas in einem Schluck, die anderen tun es mir gleich. Den Rest der Flasche leeren wir in den Abgrund. Die Flasche fällt hinterher.

„Auf Bene.“, flüstere ich. „Auf Bene.“, wiederholen die anderen.

Vereint in der Dunkelheit, in Erinnerungen an ihn, in der Trauer um ihn. Es ist ein klein wenig wie damals, denke ich mir, als ich meine Jungs betrachte, die so erwachsen geworden sind.

Kurz verweilen wir in der Stille, sehen uns an und haben alle den gleichen Gedanken: Schön, euch wieder zu sehen. Zumindest denke ich das und glaube, dass es ist die Wahrheit ist.

Und dann bricht die Stille. Wir schwelgen gemeinsam in Erinnerungen und reden, erzählen. Dann ein Lachen. Ich weiß nicht, wer damit angefangen hat, aber wir stimmen alle ein.

Ich friere nicht. Nicht äußerlich. In mir drinnen wird alles zu Eis. Aber ich lache und weine gleichzeitig.

Dann fahren wir. Ich bitte Alex mich ein paar Meter vor meinem Haus raus zu lassen, um noch frische Luft atmen zu können. Er hält, der Wagen hinter uns tut es ihm gleich.

Noch ein paar Umarmungen, geheuchelte Versprechen eines erneuten Wiedersehens, dann fahren sie fort.

Langsam gehe ich nach Hause. Realisiere, begreife, erkenne. Und der Teil meines Herzens der einst Bene gehörte, stirbt in diesem Moment. Wie eine Blume, die verwelkt.

Klack. Klack. Klack.

Meine Schritte auf nacktem, hartem Beton verhallen in der Dunkelheit.

Klack. Klack. Klack.

Und dann ist alles vorbei.

8 Antworten to “Und dann ist alles vorbei”

  1. Helen Januar 16, 2011 um 7:08 pm #

    Wunderwunderwundervoll. Gäsehaut und Tränen in den Augenwinkeln. So fesselnd. So traurig. So traurig schön.

  2. CocktailLiebe Januar 16, 2011 um 7:11 pm #

    Wow. Ich weiß gar nicht, was ich dazu schreiben soll, aber ich muss etwas schreiben. Ich könnte schreiben, dass mir der Tod deines Bruder Leid tut, das ich nachvollziehen kann, wie du dich gefühlt hast und damit alte Erinnerungen, die ich vergessen wollte, wieder hochgekommen sind. Was auch stimmt. Aber es nicht das, was ich sagen will.

    Du hast mich mit deiner Geschichte über die Beerdigung deines Bruders zum Weinen gebracht. Du hast es geschafft, in Worten das auszudrücken, was ich nicht konnte, als mein Vater starb. Auch, wenn nicht einmal diese Worte genau beschreiben können, was in einem Menschen vorgeht, bist du dem doch sehr nahe gekommen. Umfeld und Situation mögen noch so verschieden sein, im Grunde fühlen wir alle dasselbe, wenn jemand geht, der nicht gehen darf, weil wir ihn brauchen. Weil wir zumindest meinen, dass wir ihn brauchen. Und weil es noch viel zu viel zu sagen gibt.

    Ich weiß nicht, wie dein Bruder gestorben ist und wie alt er war. Aber ich hoffe, dass dein Herz deswegen nicht zerbricht und du mit einem Lächeln an ihn zurück denken kannst. Und, dass, wenn die Tränen wiederkommen, jemand da ist, der sie auffängt. <3

    • facella Januar 16, 2011 um 7:19 pm #

      Dank Dir, Herz. Wirklich. <3
      Bene war nicht mein Bruder. Die Vorgeschichte ist lange und zäh. Bene war ein Freund, Bene war Liebe und Hass, alles und nichts, Verderben, Schmerz, Halt. Die Geschichte dazu folgt irgendwann, wenn ich die Brocken zusammenfügen kann.

      • CocktailLiebe Januar 17, 2011 um 7:49 pm #

        Achso, hat sich auf den ersten Blick so angehört. Werde dann warten, bis die Geschichte darüber irgendwann mal kommt. Falls sie kommt. <3

  3. Namtam Januar 16, 2011 um 7:20 pm #

    Wundervoll.
    Mehr gibt es da, denke ich, einfach nicht zu sagen.

  4. gedankenkosmos Januar 18, 2011 um 1:56 pm #

    Ich fand den Text schon damals gut. Gut im Sinne, so ehrlich offen. In den Zeilen fühlt man sich, als wäre man selbst dabei gewesen.
    Nie würde ich behaupten, dass ich nachvollziehen kann, wie Du Dich fühltest, aber ich kenne diese Verlustmomente & ich glaube würde er diesen Text lesen können, er würde sich gut in Deinen Erinnerungen aufgehoben fühlen.

  5. Hendrik März 6, 2011 um 7:56 pm #

    :,(

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  1. Tweets that mention Und dann ist alles vorbei « herzintakt -- Topsy.com - Januar 16, 2011

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