Archiv | Juni, 2011

Mädel, wir sind keine Haushaltsgeräte.

26 Jun

Es ist ein Uhr Nacht. Ich sitze am Fenster. Das Glas Wein in der einen Hand, die erdrückende Stille in der anderen, die Nachtfalter schwirren um meinen Kopf, die Gedanken in ihm. Und diese Melancholie, die sich nur nachts einschleichen kann, mitten im Herz.

Alles in allem war es ein produktiver, aufschlussreicher Abend. Einer dieser Abende, an denen man sich ein Stück besser kennenlernt. An denen man wieder zu schätzen lernt, was manche Menschen für einen tun. Heute war es Noah. Einer dieser grandiosen Menschen, die man viel zu selten sieht. Einer dieser grandiosen Menschen, die mich brutal durchschauen.

Während wir über das Leben, aber vor allem meines sprechen, bekommt er im 30-Minuten-Takt kleine Nachrichten von seiner Frau. Und er lächelt. Jedes Mal. Eines dieser Lächeln, die so ehrlich und glücklich sind, dass man einfach anfangen will zu weinen. Mein gesunder Pessimismus würde ihn jetzt hassen, einfach dafür, wegen diesem Lächeln und dem dahinter verborgenem Glück. Aber doch kann ich es nicht. Weil es Menschen gibt, die so glücklich sind, dass man ihnen dieses Glück nicht zerstören will und schon gar nicht kann. Und ich höre mich sagen, so ehrlich wie noch nie zuvor: „Ich bin so unbeschreiblich glücklich für euch.“

Das meinte ich letztens schon einmal, da zwar auch ehrlich, aber doch mit einem „fickt euch doch alle“-Beigeschmack, als mir mein Ex-Freund erzählte, wie glücklich er doch mit seiner neuer Freundin sei. Und ich sagte: „Ich freue mich so unbeschreiblich für Dich.“ Ich denke: „Ich freue mich so unbeschreiblich für ihn.“ Weiß aber doch, dass ich diesen Wettkampf, von dem keiner spricht, den aber jeder führt, verloren habe: Wer ist zuerst wieder glücklich? Und da war es nun mal nicht ich. Mal wieder.

Noah schimpft über die Männer, die mich haben gehen lassen, sagt aber im selben Satz noch: „Weißt Du? Dieses große Ganze, das am Ende Sinn ergibt? Dazu führt das alles. Die Deppen wissen es zwar nicht, aber ließen sie Dich bloß gehen, weil da noch jemand auf Dich wartet. Jemand, der dieses große Ganze vollständig macht.“ Und ich frage mich und ihn: „Aber wenn ich Teil dieses großen Ganzen sein könnte, werde oder auch bin, wieso will dann niemand der andere Teil sein? Das ist ja völlig unlogisch.“ Und dann sagt er, mit seiner sanften Stimme, die immer mitten durch mich hindurch schneidet: „Weil Du nicht Teil ihres großen Ganzen sein konntest, genau wie sie nicht Teil Deines großen Ganzen sein konnten.“ Also mal wieder diese Leier von Topf und Deckel, sage ich und er lacht und sagt: „Mädel, wir sind keine Haushaltsgeräte.“ Da mag er vielleicht Recht haben, trotzdem fühle ich mich gerade wie die Tupperware-Box in meinem Schrank, die vor Jahren ihren Deckel verloren hat und nie wieder findet wird.

Man bekämpft sich unbewusst, sagt er, wenn man nicht zusammenpasst. Solange, bis man sich trennt. Weil irgendetwas nicht stimmt und das unausgesprochen zwischen den Herzen liegt. Man liebt nie ganz, weil man unbewusst weiß, dass es ein getrenntes Ende geben wird. Noch schlimmer ist es, wenn man es weiß. Das unbekannte Ablaufdatum einer Auf-Zeit-Beziehung.

Noah geht. Irgendwann vor Mitternacht. Als es am einsamsten wird.
Noah geht mit den Worten: „Alles, meine Liebe, Du bist alles und Du wirst sehen, irgendwann kommt jemand, der auch Dein Alles sein kann.“

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Was retten, wenn’s brennt.

25 Jun

Der werte Herr Pascottini ist da letztens auf so einen Blog gestoßen. Und dachte sich: Pui, das können wir auch! Also, hier, mein Beitrag zu „Was retten, wenn’s brennt.“ Ich setzte mich also in die Mitte meines Schlafzimmer und guckte: Was nimmste mit? Was lasste stehen? Und überhaupt: Du bist ja sowieso sicher nackt, wenn’s anfängt zu brennen oder Du probierst gerade just in diesem Moment das wirklich schreckliche Kleid aus den 90ern, bloß um festzustellen, dass Du eh nie wieder reinpassen wirst.

  • Charles Dickens – Oliver Twist, meine älteste, aber auch liebste Ausgabe von 1843. Für 20€ auf eBay gefunden und damals natürlich gleich zugeschlagen. Das Ding dann schätzen lassen und schon Dollar.. eh Euro-Zeichen in den Augen gehabt, aber mal ernsthaft: Ich sammle Oliver Twist-Ausgaben, da kann ich doch meine älteste nicht verkaufen!
  • MacBook & iPhone – weil, naja ihr wisst schon, weil ich ansonsten eigentlich auch einfach in den Flammen verbrennen könnte. Prinzipiell würde ich ja auch meinen iMac schnappen, aber Ding der Unmöglichkeit.
  • Erinnerungsbox – in solche Dingen hat man früher, als es gerade mal Disketten gab, seine Erinnerungen gespeichert… eh, gesammelt. Voller Bilder, Briefe, Postkarten, Krimskrams und ganz viel Lieber.
  • Gedankenbücher, Moleskines & Stifte – weil man handschriftlich Erinnerungen eben doch besser festhalten kann.
  • Lieblingsschal & -tuch.
  • Ring meines besten Freundes
  • Handtasche, inkl. Geldtasche, iPhone & MacBook Kabeln, Stiften, Schminkzeug, Zetteln, Blistex, Wechselsocken & -unterwäsche, Lieblingsparfum, Pass, Kopfhörern, Notizbuch, Sketchbook, externer Festplatte, etc. (und mir kommt gerade: Was zum Teufel schleppe ich denn da Tag für Tag mit mir rum?)
  • Bukowski – (die sich nicht ins Bild legen & fotografieren lassen wollte) eigentlich Madame Charles Bukowski, die so süß kläglich miauen kann, wie keine andere Katze und ohne die ich abends ja kaum mehr einschlafen kann.
  • die drei Affen – großartiges Erinnerungsstück, das mittlerweile mein liebstes Ding in meinen vier Wänden ist.
Und da ich nicht die Einzige bin, die da mitgemacht hat, guckt einfach mal hier: MartinIvySophiePetraHenricJochen, ClemensKathi und natürlich der werteHerr Pascottini himself.

Die Leidenschaft des Wahns – II

11 Jun

(So. Der zweite Teil des Kapitels „Die Leidenschaft des Wahns“. Den ersten Teil gibt es hier. Ich habe lange überlegt, ob ich ihn wirklich veröffentlichen soll. Länger werde ich wohl bei Teil drei überlege. Aber ja. Viel Spaß beim Lesen. Oder auch nicht. Ich weiß nicht, was man bei sowas wünscht. Aber ich warne: Ich hab es noch nicht wirklich überarbeitet. Rohfassung quasi.)

Zeit bedeutet nichts mehr. Tage zähle ich nicht mehr, geschweige denn Stunden. Manche führen Strichlisten. Manche haken die Tage in ihrem Kalender ab. Aber das ist die Minderheit. Der Rest vegetiert vor sich hin. Zu mehr ist man auch nicht fähig. Zu mehr will man irgendwann nicht mehr fähig sein.

Die Uhr über meinem Bett verrät mir, dass es kurz vor halb sechs ist. Ich kann nicht sagen, ob abends oder morgens. Aber ich bin wach. Nach gefühlten vierzig Stunden Schlaf. Schlaf, der herbeigeführt wird, wenn Du irgendetwas tust. Was, das ist egal, solange sich nur einer der Pfleger auf den Schlips getreten fühlt. Oder er Dich einfach nicht mehr reden hören wollte. Oder wenn er einfach Lust dazu hatte.

Im Gemeinschaftsraum sitzt nur Jörg. Was er hat, das weiß ich nicht. Was er hat, ist mir egal. Manchmal schreit er. Manchmal holt er sich einen runter. Manchmal macht er auch beides. Dagegen getan wird nicht viel. Zumindest, wenn er ruhig vor sich hin masturbiert. Sobald er anfängt zu schreien, werden die Spritzen gezückt und er, sobald er schläft, ans Bett gefesselt. Meist mit heruntergelassener Hose, damit auch wirklich jeder mindestens zwanzig Mal seinen kleinen Penis gesehen hat.

Auch die Leute, die an der Bushaltestelle vor der Klinik auf ihren Bus warten. Das sind meist Leute, die gerade von Ikea kamen, nach dem Motto: Erst das Bett kaufen und dann sehen, wen man dort auf keinen Fall haben will.

Jörg darf, im Gegensatz zu mir, ins Freie. Wieso, weiß ich nicht. Vielleicht, weil ich nicht in der Öffentlichkeit masturbiere. Vielleicht aber auch, weil ich noch fit genug bin, um über Zäune zu klettern. Und Bus zu fahren. Und vielleicht davor bei Ikea noch eine Runde zu drehen. Ganz nach dem Motto: Die Irre aus der Anstalt hat Lust auf Köttbullar.

Ich nehme diesen ganzen Wahn um mich nicht mehr wirklich wahr. Ich schlürfe durch die Anstalt, suche vergebens nach Ausgängen. Suche noch vergebener nach etwas frischer Luft. Nach Sonnenstrahlen, die meine Haut kitzeln. Nach feuchtem Gras unter meinen Füßen. Nach etwas Gefühl. Nach etwas, das mich spüren lässt.

Es wird Mittag und ich bekomme meine zweite Ladung Medikamente. Mit Ladung meine ich eine LKW-Ladung. Mit LKW-Ladung meine ich so viele Pillen, die ich nicht an einer Hand abzählen kann. Anfänglich schluckte ich eine nach der andere, jede mit etwa einem Liter Wasser. Irgendwann zwischen damals und heute habe ich auf merkwürdige Art gelernt sie alle auf einmal zu schlucken. Mit zu wenig Wasser. Ex und hopp.

Ex und hopp hat sich wohl auch Zimmergenossen Nummer Zwei gedacht, als sie sich eines Nachts eine Schlinge, die sie aus dem Bettlaken gebastelt hatte, um den Hals band, das andere Ende an der Gardinenstange befestigte und von dem Plastikstuhl sprang. Obwohl sie in ihrem Falle wohl eher „hopp und ex“ gedacht hat. Aber ich kann noch keine Gedanken lesen. Schon gar nicht, nachdem sich jemand das Leben genommen hat.

Bemerkt habe ich es erst, als mein Beruhigungsmittel nachließ und ich mich wunderte, wieso der Vollmond mich nicht mehr blendete. Da war sie aber schon merkwürdig kalt. Als ich sie anfasse, beginnt sie zu schwingen. Wir sehen uns eine Zeit lang an. Viel mehr starre ich in ihre geöffneten Augen und versuche dort irgendetwas zu finden, das mir sagt, was ich jetzt tun sollte. Ich tue, was jeder in dieser Situation tun würde: Ich zünde mir eine Zigarette an. Setze mich im Schneidersitz auf den Boden und betrachte sie. Wie lange, das weiß ich nicht. Wieso, das weiß ich noch viel weniger.

Da sitzen wir. Und starren uns an. Gut, ich sitze. Sie hängt und baumelt. Ich starre sie an und sie ins Leere. Und ich überlege, ob ihr Genick gebrochen ist und wenn, ob ich es dann nicht hätte hören müssen und dann, ob Genicke laut brechen, wenn sie brechen. Oder ob sie einfach erstickt ist. Wobei einfach hier auch ein sehr unpassender Begriff ist.

Wenig später betrete ich das Pflegerzimmer mit den Worten: „Da hängt eine Leiche in meinem Zimmer.“ Ich hatte nicht wirklich überlegt, was ich sagen wollte, das hätte ich vielleicht nicht gesagt, wenn ich überlegt hätte. Aber es war treffend. Zumindest sage ich mir das und mir fällt auch nichts Anderes ein, was ich hätte sagen können.

Ich werde zuerst unglaubwürdig angestarrt, dann steht Herta auf und quetscht sich an mir vorbei. Herta wiegt geschätzte 200 Kilo und hat einen volleren Schnauzer als mein Onkel Michael. Sollte ich hier jemals rauskommen, werde ich ihr Wachsstreifen und einen Zettel schicken. Auf dem Zettel wird stehen „Den ganzen Tag fressen macht fett, fette Herta.“ Natürlich werde ich das nie tun. Aber der Gedanke bringt mich zum Schmunzeln.

Die restliche Nacht verbringe ich im Gemeinschaftsraum. Rauche, trinke verdünnten Himbeersaft, starre den Mond an und warte darauf, dass jemand kommt, um nach mir zu sehen. Das passiert nicht. Denn es ist Wochenende. Und am Wochenende müssen die Irren unter sich bleiben.

Ich hebe mein Glas, halte es genau vor den Mond und sehe zu, wie er sich langsam rot einfärbt. Und leere es in einem Schluck.

Ex und hopp.