Die Leidenschaft des Wahns – II

11 Jun

(So. Der zweite Teil des Kapitels „Die Leidenschaft des Wahns“. Den ersten Teil gibt es hier. Ich habe lange überlegt, ob ich ihn wirklich veröffentlichen soll. Länger werde ich wohl bei Teil drei überlege. Aber ja. Viel Spaß beim Lesen. Oder auch nicht. Ich weiß nicht, was man bei sowas wünscht. Aber ich warne: Ich hab es noch nicht wirklich überarbeitet. Rohfassung quasi.)

Zeit bedeutet nichts mehr. Tage zähle ich nicht mehr, geschweige denn Stunden. Manche führen Strichlisten. Manche haken die Tage in ihrem Kalender ab. Aber das ist die Minderheit. Der Rest vegetiert vor sich hin. Zu mehr ist man auch nicht fähig. Zu mehr will man irgendwann nicht mehr fähig sein.

Die Uhr über meinem Bett verrät mir, dass es kurz vor halb sechs ist. Ich kann nicht sagen, ob abends oder morgens. Aber ich bin wach. Nach gefühlten vierzig Stunden Schlaf. Schlaf, der herbeigeführt wird, wenn Du irgendetwas tust. Was, das ist egal, solange sich nur einer der Pfleger auf den Schlips getreten fühlt. Oder er Dich einfach nicht mehr reden hören wollte. Oder wenn er einfach Lust dazu hatte.

Im Gemeinschaftsraum sitzt nur Jörg. Was er hat, das weiß ich nicht. Was er hat, ist mir egal. Manchmal schreit er. Manchmal holt er sich einen runter. Manchmal macht er auch beides. Dagegen getan wird nicht viel. Zumindest, wenn er ruhig vor sich hin masturbiert. Sobald er anfängt zu schreien, werden die Spritzen gezückt und er, sobald er schläft, ans Bett gefesselt. Meist mit heruntergelassener Hose, damit auch wirklich jeder mindestens zwanzig Mal seinen kleinen Penis gesehen hat.

Auch die Leute, die an der Bushaltestelle vor der Klinik auf ihren Bus warten. Das sind meist Leute, die gerade von Ikea kamen, nach dem Motto: Erst das Bett kaufen und dann sehen, wen man dort auf keinen Fall haben will.

Jörg darf, im Gegensatz zu mir, ins Freie. Wieso, weiß ich nicht. Vielleicht, weil ich nicht in der Öffentlichkeit masturbiere. Vielleicht aber auch, weil ich noch fit genug bin, um über Zäune zu klettern. Und Bus zu fahren. Und vielleicht davor bei Ikea noch eine Runde zu drehen. Ganz nach dem Motto: Die Irre aus der Anstalt hat Lust auf Köttbullar.

Ich nehme diesen ganzen Wahn um mich nicht mehr wirklich wahr. Ich schlürfe durch die Anstalt, suche vergebens nach Ausgängen. Suche noch vergebener nach etwas frischer Luft. Nach Sonnenstrahlen, die meine Haut kitzeln. Nach feuchtem Gras unter meinen Füßen. Nach etwas Gefühl. Nach etwas, das mich spüren lässt.

Es wird Mittag und ich bekomme meine zweite Ladung Medikamente. Mit Ladung meine ich eine LKW-Ladung. Mit LKW-Ladung meine ich so viele Pillen, die ich nicht an einer Hand abzählen kann. Anfänglich schluckte ich eine nach der andere, jede mit etwa einem Liter Wasser. Irgendwann zwischen damals und heute habe ich auf merkwürdige Art gelernt sie alle auf einmal zu schlucken. Mit zu wenig Wasser. Ex und hopp.

Ex und hopp hat sich wohl auch Zimmergenossen Nummer Zwei gedacht, als sie sich eines Nachts eine Schlinge, die sie aus dem Bettlaken gebastelt hatte, um den Hals band, das andere Ende an der Gardinenstange befestigte und von dem Plastikstuhl sprang. Obwohl sie in ihrem Falle wohl eher „hopp und ex“ gedacht hat. Aber ich kann noch keine Gedanken lesen. Schon gar nicht, nachdem sich jemand das Leben genommen hat.

Bemerkt habe ich es erst, als mein Beruhigungsmittel nachließ und ich mich wunderte, wieso der Vollmond mich nicht mehr blendete. Da war sie aber schon merkwürdig kalt. Als ich sie anfasse, beginnt sie zu schwingen. Wir sehen uns eine Zeit lang an. Viel mehr starre ich in ihre geöffneten Augen und versuche dort irgendetwas zu finden, das mir sagt, was ich jetzt tun sollte. Ich tue, was jeder in dieser Situation tun würde: Ich zünde mir eine Zigarette an. Setze mich im Schneidersitz auf den Boden und betrachte sie. Wie lange, das weiß ich nicht. Wieso, das weiß ich noch viel weniger.

Da sitzen wir. Und starren uns an. Gut, ich sitze. Sie hängt und baumelt. Ich starre sie an und sie ins Leere. Und ich überlege, ob ihr Genick gebrochen ist und wenn, ob ich es dann nicht hätte hören müssen und dann, ob Genicke laut brechen, wenn sie brechen. Oder ob sie einfach erstickt ist. Wobei einfach hier auch ein sehr unpassender Begriff ist.

Wenig später betrete ich das Pflegerzimmer mit den Worten: „Da hängt eine Leiche in meinem Zimmer.“ Ich hatte nicht wirklich überlegt, was ich sagen wollte, das hätte ich vielleicht nicht gesagt, wenn ich überlegt hätte. Aber es war treffend. Zumindest sage ich mir das und mir fällt auch nichts Anderes ein, was ich hätte sagen können.

Ich werde zuerst unglaubwürdig angestarrt, dann steht Herta auf und quetscht sich an mir vorbei. Herta wiegt geschätzte 200 Kilo und hat einen volleren Schnauzer als mein Onkel Michael. Sollte ich hier jemals rauskommen, werde ich ihr Wachsstreifen und einen Zettel schicken. Auf dem Zettel wird stehen „Den ganzen Tag fressen macht fett, fette Herta.“ Natürlich werde ich das nie tun. Aber der Gedanke bringt mich zum Schmunzeln.

Die restliche Nacht verbringe ich im Gemeinschaftsraum. Rauche, trinke verdünnten Himbeersaft, starre den Mond an und warte darauf, dass jemand kommt, um nach mir zu sehen. Das passiert nicht. Denn es ist Wochenende. Und am Wochenende müssen die Irren unter sich bleiben.

Ich hebe mein Glas, halte es genau vor den Mond und sehe zu, wie er sich langsam rot einfärbt. Und leere es in einem Schluck.

Ex und hopp.

3 Antworten to “Die Leidenschaft des Wahns – II”

  1. Sven Heinzig Juni 11, 2011 um 6:54 pm #

    Ich finde es spannend. Die Sätze fliegen mir, um die Ohren. Ich mag deinen „dezent verruchten“ Schreibstil. Klar. Ausdruckstark und mit der nötigen Würze, dass ich wie ein Schwamm aufsauge.
    Was mich stört? Es ist (noch) kein Buch.

  2. sittenbrecher Juni 11, 2011 um 10:04 pm #

    ich schließe mich an. mehr gibts nicht zu sagen

  3. Kati Juli 5, 2011 um 7:19 am #

    auf jeden fall viele weitere kapitel, bitte! =)

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