Mädel, wir sind keine Haushaltsgeräte.

26 Jun

Es ist ein Uhr Nacht. Ich sitze am Fenster. Das Glas Wein in der einen Hand, die erdrückende Stille in der anderen, die Nachtfalter schwirren um meinen Kopf, die Gedanken in ihm. Und diese Melancholie, die sich nur nachts einschleichen kann, mitten im Herz.

Alles in allem war es ein produktiver, aufschlussreicher Abend. Einer dieser Abende, an denen man sich ein Stück besser kennenlernt. An denen man wieder zu schätzen lernt, was manche Menschen für einen tun. Heute war es Noah. Einer dieser grandiosen Menschen, die man viel zu selten sieht. Einer dieser grandiosen Menschen, die mich brutal durchschauen.

Während wir über das Leben, aber vor allem meines sprechen, bekommt er im 30-Minuten-Takt kleine Nachrichten von seiner Frau. Und er lächelt. Jedes Mal. Eines dieser Lächeln, die so ehrlich und glücklich sind, dass man einfach anfangen will zu weinen. Mein gesunder Pessimismus würde ihn jetzt hassen, einfach dafür, wegen diesem Lächeln und dem dahinter verborgenem Glück. Aber doch kann ich es nicht. Weil es Menschen gibt, die so glücklich sind, dass man ihnen dieses Glück nicht zerstören will und schon gar nicht kann. Und ich höre mich sagen, so ehrlich wie noch nie zuvor: „Ich bin so unbeschreiblich glücklich für euch.“

Das meinte ich letztens schon einmal, da zwar auch ehrlich, aber doch mit einem „fickt euch doch alle“-Beigeschmack, als mir mein Ex-Freund erzählte, wie glücklich er doch mit seiner neuer Freundin sei. Und ich sagte: „Ich freue mich so unbeschreiblich für Dich.“ Ich denke: „Ich freue mich so unbeschreiblich für ihn.“ Weiß aber doch, dass ich diesen Wettkampf, von dem keiner spricht, den aber jeder führt, verloren habe: Wer ist zuerst wieder glücklich? Und da war es nun mal nicht ich. Mal wieder.

Noah schimpft über die Männer, die mich haben gehen lassen, sagt aber im selben Satz noch: „Weißt Du? Dieses große Ganze, das am Ende Sinn ergibt? Dazu führt das alles. Die Deppen wissen es zwar nicht, aber ließen sie Dich bloß gehen, weil da noch jemand auf Dich wartet. Jemand, der dieses große Ganze vollständig macht.“ Und ich frage mich und ihn: „Aber wenn ich Teil dieses großen Ganzen sein könnte, werde oder auch bin, wieso will dann niemand der andere Teil sein? Das ist ja völlig unlogisch.“ Und dann sagt er, mit seiner sanften Stimme, die immer mitten durch mich hindurch schneidet: „Weil Du nicht Teil ihres großen Ganzen sein konntest, genau wie sie nicht Teil Deines großen Ganzen sein konnten.“ Also mal wieder diese Leier von Topf und Deckel, sage ich und er lacht und sagt: „Mädel, wir sind keine Haushaltsgeräte.“ Da mag er vielleicht Recht haben, trotzdem fühle ich mich gerade wie die Tupperware-Box in meinem Schrank, die vor Jahren ihren Deckel verloren hat und nie wieder findet wird.

Man bekämpft sich unbewusst, sagt er, wenn man nicht zusammenpasst. Solange, bis man sich trennt. Weil irgendetwas nicht stimmt und das unausgesprochen zwischen den Herzen liegt. Man liebt nie ganz, weil man unbewusst weiß, dass es ein getrenntes Ende geben wird. Noch schlimmer ist es, wenn man es weiß. Das unbekannte Ablaufdatum einer Auf-Zeit-Beziehung.

Noah geht. Irgendwann vor Mitternacht. Als es am einsamsten wird.
Noah geht mit den Worten: „Alles, meine Liebe, Du bist alles und Du wirst sehen, irgendwann kommt jemand, der auch Dein Alles sein kann.“

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11 Antworten to “Mädel, wir sind keine Haushaltsgeräte.”

  1. Lilly Juni 26, 2011 um 11:34 pm #

    Noahs Frau muss eine sehr glückliche Frau sein, oder sollte es zumindest sein.
    Abgesehen davon, dass der Text sehr schön geschrieben ist, enthält er wohl auch ein großes Stück Wahrheit mit bitterem Beigeschmack.

    Es ist schön zu wissen, dass ich nicht die einzige Bratpfanne inmitten all der Deckelchen und Töpfchen bin ;)

    <3

    • facella Juni 26, 2011 um 11:38 pm #

      Das ist sie. Die Beiden sind purer Zucker. Und das seit ihrer Kindheit.

      Und hej: Bratpfannen-High-Five! <3

  2. T.I.N.O. Juni 26, 2011 um 11:54 pm #

    Offen gesagt hab ich jetzt 15 Minuten überlegt was ich am Besten darauf als Kommentar da lasse einfach weils nen Kommentar verdient hat. Nur fällt mir beim besten Willen nichts ein was nicht irgendwie abgedroschen, hohl oder altklug klingt. Was mich ärgert, zugleich aber zeigt wieviel Eindruck es gemacht hat.
    Das Leben schreibt eben immernoch die besten Geschichten, in seiner süßen Melancholie.
    Aber du hast immerhin den Vorteil das du dich an einem Punkt befindest an dem du offen bist für die Menschen die dich umgeben und nicht, wie manch anderer, auf eine Person fixiert bist die ganz und gar ausserhalb deiner Möglichkeiten liegt.

    In diesem Sinne *thumbs up*

    P.S.: Ich hab noch weitere 10 Minuten vergeudet weil ich meinen Monitor putzen wollte eh ich geblickt hab dass ich versuche das Layout des Blogs wegzuwischen.

  3. Lies von Lott Juni 27, 2011 um 6:42 am #

    Ich kann das sehr gut nachvollziehen, dieses Ringen um das ehere Glück. Und diese Freude, wenn man dann feststellt, dass es nicht bei jedem so ist, sondern dass man sich durchaus und wahrhaftig für jemanden freuen kann.

    Schön, dass man damit nicht allein ist.

  4. Namtam Juni 27, 2011 um 7:48 pm #

    Kluge Worte von einem klugen Mann.
    Wundervoll <3

  5. banalesundbonbons Juni 27, 2011 um 8:19 pm #

    Tja, dem ist nichts hinzuzufügen.

    Sehr schön geschrieben. Sehr gefühlvoll. Und, wohl sehr wahr.

  6. Thomas Juni 28, 2011 um 3:31 pm #

    super schöner satz:“Die Deppen wissen es zwar nicht, aber ließen sie Dich bloß gehen, weil da noch jemand auf Dich wartet. Jemand, der dieses große Ganze vollständig macht.“.

    danke dafür!

  7. Sherry Juli 3, 2011 um 10:45 pm #

    Du hast einen wunderbaren Freund. Und er hat Recht, Du wirst schon sehen.

  8. urban thinking Juli 9, 2011 um 5:46 pm #

    Ich würde aufhören, ein Topf oder ein Deckel zu sein. Aufhören zu suchen. Was genau bedeutet eigentlich „suchen“? Es bedeutet, ich schaffe es nicht, „hier und jetzt“ glücklich zu sein. Aber „jetzt“ ist, wo dein Leben passiert, nicht in der Vergangenheit oder der Zukunft. Man muss lernen, zu lieben. Und ich meine echtes „lieben“. Zunächst sich selbst. Und wenn man andere liebt, dann bedingungslos. Ohne Erwartungen. Ohne Schmerz, falls die Liebe nicht erwidert wird. Wer das nicht kann … daran arbeiten. Wir alle sind auf einem Weg, das ist nicht schlimm.

    just my 2 cents …

  9. braverthanweare Juli 20, 2011 um 4:52 pm #

    Irgendwie macht mich der Text sehr nachdenklich. Toll geschrieben!

  10. Nelvius August 4, 2011 um 10:24 am #

    Wunderschöne Story, ausdrucksstark .. vieleicht solltest Du nicht Design studieren… eher Philosophie. ;-)

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