Antwort an F.

2 Dez

Ich habe vor einiger Zeit eine Postkarte bekommen. Eine ganz besondere. Eine von vielen. Es ist quasi ein Postkarten-Abo. Von einem Menschen, den ich sehr schätze, der mir, trotz Distanz und Abwesenheit, nicht fehlt, da er immer irgendwie bei mir ist. 

Dieses Postkarten-Abo ist einseitig. Ich bekomme, habe aber nie die Möglichkeit zu antworten. Der Absender, der reist durch die Welt. Ein Künstler und Lebenskünstler, der schönsten Sorte. Kaum halte ich eine Karte in meinen Händen kann ich mir sicher sein, dass er schon wieder woanders ist. 

Auf der letzten Karte stand nicht viel Text, dennoch viel Bedeutung: eine Mail-Adresse und eine Aufforderung, die mich Wochen grübeln ließ: „Erzähl mir, was Du in den letzten zehn Jahren so gemacht hast.

Plötzlich gab es diese Einseitigkeit nicht mehr. Da war sie, die Möglichkeit zu antworten, und ich war wortlos. Bis vorhin.

Was ich in den letzten zehn Jahren so gemacht habe? Was ist denn das für eine, verzeih den Ausdruck, bescheuerte Frage? Würden wir bei diesem Fragenschema bleiben, müsste die nächste wohl lauten „Wo sehen Sie sich in zehn Jahren? Und wer sind Sie überhaupt?“ Und Du weißt, wie wenig Antwort ich darauf weiß, wie wenig ich jemals darüber wusste.

Nein, natürlich ist es keine bescheuerte Frage. Es ist durchaus eine gerechtfertigte Frage, die ich mehr als gerne zurückgeben werde. Dass Dir das klar war, ist mir natürlich auch klar.

Also, lieber F, was ich in den letzten Jahren so gemacht habe? So gemacht habe ich einiges. Ich hab mal eben so all meine Pflanzen verwelken lassen und sie dann einfach so weggeworfen. Eben so habe ich auch viele Dinge verloren und wenige gefunden. Ich hab einfach so meine Haare wöchentlich in den merkwürdigsten Farben gefärbt, um irgendetwas zu demonstrieren, wobei ich nicht wirklich wusste was eigentlich. Während ich mal eben so fürs Leben gezeichnet wurde, habe ich mich auch einfach mal so fürs Leben bemalen lassen. Ich habe so gearbeitet und so gelebt, ich habe mal so entschieden, mal so. Ich bin gegen so Wände, aber auch gegen meine Grenzen gelaufen. Gelaufen bin ich übrigens viel, mal weit, mal weg, mal in die falsche Richtung, mal Richtung Abgrund, mal bergauf, dann wieder bergab, manchmal querfeldein, selten jedoch geradeaus. Ich habe Menschen und Entscheidungen getroffen. Mal einfach so etwas riskiert, als Resultat immer etwas gewonnen, auch wenn ich etwas verloren habe.

Ich habe mich in Schlachten geworfen und wie wild gekämpft. Mal gegen Menschen, mal gegen Umstände, ganz oft gegen mich selbst. Ich bin gefallen und habe mich fallen, manchmal sogar hängen gelassen. Ich habe Herzen gebrochen und mir meines brechen lassen. Ich habe Schlussstriche gezogen und Neuanfänge gemalt. Ich habe gelacht, aber selten geweint, gehofft und verzagt. Ich war halt- und rastlos, oft sprachlos, selten jedoch wortlos.

Wenn es um Sitzmöglichkeiten geht, sitze ich gerne zwischen zwei Stühlen. Wenn es um Liegepositionen geht, liege ich gerne richtig. Wenn es um Standpositionen geht, stehe ich gerne voll und ganz dahinter. Manchmal stehe ich aber auch am Pranger, viel öfter jedoch am Schlauch, manchmal vor dem Nichts, am liebsten aber auf dem Sprung.

Was ich so gelernt habe? Nur, weil ich meinen Daumen grün anmale, heißt das noch lange nicht, dass ich einen grünen Daumen habe. Dass ich wirklich, wirklich, nie vor Menschen singen sollte. Dass ich Grenzen nicht als solche erachte. Dass ich lieber zu viel als zu wenig zu verlieren habe, weil das nur bedeuten kann, dass ich viel habe. Dass ich Schuhe ausziehen kann, wenn sie drücken. Dass ich nicht auf die Zeit meines Lebens warten muss, da mein Leben die Zeit meines Lebens ist. Dass, wenn Menschen gehen, sie immer ein Loch in Dir hinterlassen. Dass ich nicht weiß, wie ich mich auf Beerdigungen verhalten soll und es auch nie lernen werde. Dass alles irgendwann zu Ende geht.

Und wenn ich eines wirklich gelernt habe, dann dass das Leben weitergeht. Unaufhaltsam. Es ist wie mit dem Rolltreppenfahren: es geht immer weiter und weiter, auch dann, wenn man fällt. Nichts stoppt, nichts pausiert, nichts bleibt stehen, nur weil Du es gerade tust. Und erst recht nicht dann, wenn Du stehen bleibst, um gegen Dich selbst zu kämpfen. Und vertraue mir, das tat ich.

Weißt Du, ich habe ihn verloren. Und das war der Startschuss, das war der Tag, an dem ich mich verlor. Da war dieses Loch, dieses finstere, tiefe Loch, und ich fiel und wollte fallen, was mir irgendwann zum Verhängnis wurde. Was hätte ich auch tun sollen? Ich wusste es nicht. Ich fand keinen Ausweg, keine Lösung und schon gar keinen Sinn. Und das, was damals bei mir anfing, hat sich dann in mir ausgebreitet, wie ein Lauffeuer. Es war überall in meinem Kopf. Nur das, sonst nichts. Dort habe ich mich eingesperrt, dort musste ich ausbrechen.

Ich glaube heute, dass alles seinen Sinn hat. Auch, wenn mir manchmal die Sicht darauf verwehrt wird. Ich muss vieles auch nicht begreifen, da ich vieles nicht begreifen kann. Aber das ist gut so. Ich verlange das nicht mehr. Ich lebe heute wieder und genieße es. Und ich habe gelernt, dass ich keine Angst mehr vor mir selbst haben muss. Weil ich nur so tief fallen kann, wie ich mich selbst fallen lasse.

Solltest Du tatsächlich nur daran interessiert gewesen sein, was ich in den letzten Jahren so gemacht habe, dann findest Du im Anhang meinen Lebenslauf. Die Löcher darin stehen metaphorisch für die, in die ich über die Jahre gefallen bin.

Und lass Dir gesagt sein, dass ich Dich, bevor Deine Jahre rum sind, noch einmal sehen möchte. In dem Sinne: Lass uns zuhause treffen. Egal, wo zuhause ist. Denn ich glaube, wir sind uns da einig: Wir sind überall zuhause.

4 Antworten to “Antwort an F.”

  1. engelsgeschoepf Dezember 2, 2011 um 5:47 pm #

    So wundervoll gesagt. Ich bin überwältigt. (:

  2. Micha Will (@alberich66) Dezember 3, 2011 um 2:03 am #

    Sehr schöner Text; berührt einfach nur…

  3. Sebastian Dezember 5, 2011 um 5:06 pm #

    WOW
    Toll wenn Menschen so mit Worten jonglieren können und dem Leser alles und gar nichts sagen.
    Vielen Dank dafür.

  4. sp Dezember 10, 2011 um 3:19 pm #

    Danke

Kommentare sind geschlossen.

%d Bloggern gefällt das: