Antwort an F, Teil II.

8 Dez

 Ich sehe, Du hast dieses Internet noch nicht ganz verstanden. Ich erkläre Dir das mal: Das ist überall und immer da. Nur nie dann, wenn man es braucht. Aber damit Du, falls Du es erneut finden solltest, Lesestoff hast, hier etwas mehr. Ein paar Gedanken. Über Dich, mich, das Leben. Du weißt schon.

Ich habe Dich immer etwas bewundert. Du bist davongegangen ohne wegzulaufen. Ich weiß nicht, wie oft ich mir darüber den Kopf zerbrochen habe. Wieder und wieder. Bis ich vor einigen Jahren eine Platte fand, die Du mir mal geschenkt hast. Die große Janis Joplin. Ich hab sie gestern erst gehört. Und gestern kam auch wieder die Erkenntnis, die ich lange versucht habe zu verdrängen, weil Erkenntnisse Helden immer in ein etwas schlechteres Licht stellen. Nichtsdestotrotz möchte ich vorweg nehmen: Du bist ein Held für mich. Denn auch, wenn es eigentlich heißt, dass die legendären Helden und nicht die wahren Eindruck auf die Massen gemacht haben, so traf das nie auf mich zu. Auf mich haben immer nur wahre Helden Eindruck gemacht. Und Du, mein Lieber, Du warst schon immer ein wahrer Held. Dazu brauchtest Du kein Pferd, keine Lanze, keine Rüstung, nichts was schimmert und glitzert, denn das konntest Du immer schon selbst.

Aber was ich eigentlich wollte: Janis sang es gang treffend: Freedom is just another word for nothing left to lose. Ich glaube, Du hattest nichts mehr zu verlieren. Deswegen konntest Du davongehen. Deswegen bist Du aber auch weggelaufen. Weil es einfach war, als sich diesem Nichts zu stellen. Dass Du Dich diesem anderen Ding gestellt hast, das will ich gar nicht totschweigen, aber das war nur der kleinste Part. Sich Menschen zu stellen war schon immer einfach im Vergleich zu der Schwierigkeit sich selbst zu stellen. Und ich glaube, das konntest Du damals nicht. Davor hattest Du zu viel Angst. Denn was wäre dann auch geblieben? Etwas Erkenntnis? Etwas Versöhnung? Aber vor allem viel Angst.

Weißt Du, ich habe manchmal Angst. Nein, eigentlich habe ich ganz oft Angst. Nein, ich habe ständig Angst. Vor allem. Vor Spinnen und komischen Krabbelviechern, vor komischen Geräuschen und Menschen in der Dunkelheit, vor Anfängen und Enden, vor dem, was ich nicht schaffen könnte, viel mehr vor dem, was ich schaffen könnte, vor der Zukunft und der Wirkung der Vergangenheit, vor Worten und Taten. Aber am meisten hatte ich Angst vor diesen Ängsten. Wer Angst hat und diese auch noch zeigt, der, ja der zeigt Schwäche. Wer schwach ist kann sowieso gleich einpacken. Es dauerte lang zu begreifen, dass Angst eines dieser ganz grandiosen Gefühle ist. Sie kommt schleichend, breitet sich aus, nimmt Dich völlig ein. Aber das, was die Angst so grandios macht, ist, dass man sie überwinden kann. Die Angst, die erschaffst Du Dir selbst und kannst sie Dir demnach nur selbst wieder nehmen. Das, das ist großes Kino. Weil eigentlich müsste man keine Angst haben, aber so sind wir Menschen. Angst ist ein ganz großer Teil unseres Lebens. Im Endeffekt geht es nicht um die Angst an sich, sondern darum, sie als Punching Bag zu benutzen. Eins, zwei, drei. Angst ist raus!

Ängste verbinden Menschen. Das war ja schon immer so. Ich erspare Dir hier nun geschichtliche Anspielungen, die darfst Du Dir gerne selbst ausmalen. Wenn wir es genauer betrachten, gibt es eigentlich nur eine Angst, die Menschen wirklich verbindet: die Angst vor dem Alleinsein. Wer will schon alleine sein? Dann sucht man sich Leute, mit denen man kann, denen man seine Ängste, Gefühle, Wünsche, Gedanken, diesen ganzen wirren Kopfbrei vor die Füße kotzen und sagen kann: „Nimm’s oder lass es.“ Ganz einfach, ganz schwer.

Es gab eine Zeit, da versuchte ich zu wollen, dass mich jeder mag. Anpassungsfähigkeit wie es so hässlich heißt. Aber das stand mir nicht. Dazu habe ich zu viel Meinung und noch mehr Ecken. Es ist halt so, dass man immer auf Leute trifft, die einen nicht mögen und jeder, der sagt, dass es dann nicht an Dir liegt, lügt. Wenn ich einen Menschen nicht mag, dann nicht, weil mir seine Nase nicht passt oder er komische Augen hat oder der Bauch zu dick ist. Solche oberflächlichen Dinge sind Blödsinn. Aber dann mag ich diesen Menschen nicht, weil ich seine Ansichten nicht mag, weil seine und meine Interessen nicht aufeinander passen, weil sein Weltbild nicht in meines passt. Natürlich liegt es da an ihm, dass ich ihn nicht mag. Natürlich auch an mir. Manche Menschen sind nicht kompatible. Manche Menschen werden nie Freunde. Weil man nicht mit allen Menschen auf dieser Welt einen gemeinsamen Konversationshintergrund finden kann, der über Smalltalk hinausgeht. Oder man, wenn es verbal tiefer geht, eben merkt, dass Meinung A und Meinung B nicht zusammenpassen. Manchmal kann das natürlich grandiose Diskussionen hervorbringen, aber ganz oft ist es so, dass man merkt, dass man auf keinen grünen Zweig kommt.

Du kennst mich, ich bin weder ein halbvoll noch ein halbleer Mensch. Entweder voll oder leer, keine halben Sachen, ganz oder gar nicht. Und ich mag Menschen, die ähnlich denken.

Um auf den Ausgangspunkt zurückzukehren: Du warst immer ein weder halbvoll noch halbleer Mensch. Du hast gelebt, bis zum Maximum und am Minimum. Du hattest immer nur ganze Meinungen und feste Standpunkte.

Und Du bist ganz gegangen. Etwas, was ich Dir nie verzeihen kann. Etwas, für das ich Dich immer bewundern werde.

Du warst mein erster wahrer Held. Du wirst mein letzter sein.

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