Und? Wird am Ende alles gut? // @dramalovesme

12 Jan

„Ob ich glaube, dass am Ende alles gut wird?“ Ich würde die Stirn runzeln, verächtlich die Augenbraue heben und die Lippen aufeinander pressen, damit mir ja nichts unglaublich verletzendes für mein Gegenüber herausrutschen würde. Ich würde mich auf meine Hände setzten und verkrampft mit den Schultern zucken. Und dann würde ich das Thema wechseln, ganz schnell.

Aber das ist alles rein hypothetisch. Mich hat das noch nie jemand von Angesicht zu Angesicht gefragt, also musste ich mir auch noch nie wirklich eine Antwort überlegen. Auch wenn mein ganzes Leben eigentlich die Antwortfindung auf eben diese Frage ist.

Wird am Ende alles gut?Wir alle wurden dazu erzogen, positiv zu sein, daran zu glauben, an was auch immer, an das Glück oder das Schicksal, also würde man natürlich gerne: „Ja, ja, auf jeden Fall, anders kann es doch gar nicht sein!“ antworten – aber wen will man hier verarschen? Wenn man ein bisschen älter als 8 Jahre ist, dann weiß man meistens schon ziemlich gut, dass nicht immer alles gut wird – warum dann das Ende? Diese Vorstellung ist eigentlich sogar ziemlich unlogisch. Wie oft sind die Dinge gut gelaufen und wie oft schlecht? Sie sind so viel öfter schlecht gelaufen. Bei mir zumindest. Oder eben mittelmäßig. Mittelmäßig ist nicht schlecht, das weiß ich, aber es ist eben auch nicht gut und es fällt eher in den Minus- als den Plusbereich. Wie viele Plus kann man bis jetzt verbuchen? Wie viele Minus? Hält sich die Waage? Nein, bei mir nicht.

Ich bin jung, gerade 16 geworden und bis zum Ende ist es noch ein Stück. (Hoffen wir es mal.) Ich werde noch einige Chancen bekommen, es richtig zu machen, hinzubiegen, den richtigen Weg einzuschlagen, Entscheidungen zu revidieren und kluge Sachen zu sagen und hoffentlich auch ein paar zu machen. Ich kann noch Pläne machen und Träume haben, sie sogar realisieren, weil ich in einer ziemlich guten Zeit lebe. Meine Wunden können noch heilen, wenn die Zeit wirklich das Zaubermittel ist, denn davon habe ich massenweise.

All diese Dinge sollten mich doch dazu veranlasse, zu glauben, dass am Ende alles gut wird, nicht? Ja. Die Antwort auf diese Frage kann nur ja lauten. Aber ich kann doch nicht dieses Ziehen, diesen Widerwillen in meinen Fingern und auf meiner Zunge, dieses heftige Kopfschütteln, das ich automatisiert habe, ignorieren, oder? Das kann und ich will ich nicht tun. Selbst wenn es nur schwarz und weiß gibt, gibt es immer noch schwarz und nicht nur weiß. Man muss beide Seiten sehen, versuchen, das Ganze zu verstehen. Und bei dieser Frage ist das Ganze das Leben. Das Leben! Es gibt keine größere Sache als das Leben und wenn man eine Sekunde zu lang darüber nachdenkt, wird man wahnsinnig.

Ich hab‘ dieses eine Leben, ich hab’s in meinen Händen, denn dort halte ich auch die Rasierklingen und Pistolen und mit ihnen knote ich den Strick. Das Leben ist mehr als atmen oder eben nicht, das wissen die meistens. Ich will gar nicht versuchen, es in Worte zu fassen, denn ich habe einfach nicht genug Ahnung und selbst für das bisschen, was ich weiß, reichen meine Worte nicht. Ich will nur sagen: Wie kann man sich bei gesundem Menschenverstand darauf verlassen, das etwas wie das Leben gut ausgeht? Das ist doch Irrsinn. Das ist doch pure Dummheit. Und trotzdem, ich will es glauben. So sehr.

Es gab so viele Menschen bis jetzt. Wieso sollte man zu den Glücklichen, zu den Gewinnern gehören? Weil man sich genug angestrengt hat, die guten Entscheidungen getroffen hat, weil man eine Menge für’s Karma gemacht hat?

Selbst wenn das alles nichts gebracht hat oder bringt, dann braucht trotzdem jeder etwas, an dem er sich festhalten kann. Sogar ich. Irgendwo tief drinnen habe ich diesen Kompromiss mit mir selbst geschlossen, mir ein bisschen Hoffnung erlaubt. Denn vielleicht zeichnet sich das gute Ende durch etwas aus, das man sich nicht vorstellen konnte, all die Jahre, in denen es nicht so lief, wie man wollte.

Vielleicht wird alles gut, wenn das Verlangen gestillt wird. Das Verlangen nach etwas, das ausreicht.  Ausreicht, um all die Dinge, die man niemals hinbekommen wird, die immer ein bisschen falsch sein werden, in den Hintergrund und dort ins richtige Licht zu rücken.

Ich weiß nicht, was das ist. Die Liebe, die Weisheit mit dem Alter, Eltern werden, irgendwas großes erschaffen, ein Meisterwerk malen, schreiben, aufnehmen, Freundschaften, die alles überstehen werden, den Ort finden, an dem allein sein überhaupt nicht mehr wehtut. Oder etwas ganz anderes.

Ich weiß nicht, ob am Ende alles gut wird. Das weiß nämlich keiner. Ich hoffe nur eine einzige Sache wirklich. Ich hoffe, dass mich eines Tages irgendwas davon überzeugen wird, dass manche Sachen, manche Schmerzen, nicht ganz so wichtig sind – und das es sich verdammt noch mal gelohnt hat, die ganze Zeit zu zweifeln und so viele Tage am Abgrund des Wahnsinns zu verbringen, weil man nicht wusste, wofür man das gerade tut. Dass es sich gelohnt hat, durchzuhalten. Bis zum Ende. Diese Gewissheit möchte ich haben. Und wenn’s nur eine Sekunde ist und die nicht mal am Ende, dann wäre das trotzdem genug. Nur passieren muss es. Nur gut werden muss es irgendwann mal.

// geschrieben von @dramalovesme!

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