Und? Wird am Ende alles gut? // @sinnsense

16 Jan

Aufstehen

Er saß an ihrem Schreibtisch und suchte sie. Denn sie war weg. Und der Schreibtisch war ihr Leben gewesen. Sie hatte nicht viel hinterlassen, aber alles im Chaos. Dabei war sie immer so ordentlich gewesen. Er sah sie noch vor sich, alles ordnend, und die vorherrschende Unordnung machte ihm Angst. Was hatte sie nur geritten, so gänzlich gegen sich zu handeln?

Sie hatten über das Leben gesprochen, als er sie zuletzt gesehen hatte.

Die oberste Lade, die immer verschlossen war, stand halb offen. Der Schlüssel steckte. Das war ihre Gedankenlade gewesen, wie man noch auf einem halb heruntergerissenen Etikett lesen konnte. Bestimmt hatte sie sie geleert, jeden einzelnen Zettel mitgenommen, wohin sie auch immer gegangen ist. Was wäre sie schon ohne ihre Gedanken?

Sie hatten über das Ende gesprochen, als er sie zuletzt gesehen hatte.

Er fühlte sich wie ein Einbrecher, als er einen Blick in ihr geheiligtes Reich warf, in ihre Schatzkiste der Ideen. Aber nein, als er die Lade ganz aufzog, sah er, dass sie voll war. Sie hatte ihre Worte hier gelassen. Er nahm ein Blatt heraus, um es zu lesen, doch er konnte es nicht. Er nahm noch eines heraus, doch auch dieses war nicht lesbar. Sie hatte ihre Papiere in Tinte getränkt, ihre Geschichten gelöscht. Wer wird sie jetzt sein ohne ihren Ideen?

Sie hatten über das Anfangen gesprochen, als er sie zuletzt gesehen hatte.

Auf dem Tisch lagen Bücher aufgeschlagen übereinander. In manchen waren Passagen markiert, die Seiten der meisten waren aber vollgesogen mit Tinte, wie der Inhalt der Schublade. Über einer Seite war mit dickem Filzer geschrieben: „Gedanken denken. Gedanken machen.“ In einem anderen Wälzer waren die Worte „Das Glück ist das Ziel“ unterstrichen. Ist sie nun glücklich, fernab von hier?

Sie hatten über das Glück gesprochen, als er sie zuletzt gesehen hatte.

Nachdem er die Bücher wieder geschlossen hatte und sie in seiner Not am Boden gestapelt hatte, konnte er den restlichen Dingen, welche die Holzplatte bewohnten, Aufmerksamkeit zuwenden. Da lag eine Kassette, die mit „Der Weg“ beschriftet worden war, er erkannte ganz klar ihre Handschrift. Im nächsten Moment legte er die Kassette in den alten MC-Spieler ein. Zunächst konnte er keine Sprache erkennen, man hörte nur ein unbestimmtes Summen. Offensichtlich hatte sie es überspielt. Er wollte schon die Stop-Taste drücken, als plötzlich laut eine alte Stimme zu vernehmen war. „Es geht immer um das Machen. Wer nicht handelt, wird gehandelt.“ Hat sie die entscheidende Aktion gesetzt?

Sie hatten über das Tun gesprochen, als er sie zuletzt gesehen hatte.

In ihm wuchs mit jeder Schicht, die er in ihrer kleinen Welt freilegte, ein Gefühl der Neugier. Sie hatte etwas herausgefunden und das hatte sie dazu gebracht, zu gehen. „Wer nicht geht, kommt niemals an.“, stand auf der Tischplatte, als er zu ihr durchgedrungen war. Da war ihre Erkenntnis. Seine Spurensuche erschien ihm jetzt wie eine Expedition, die er unternommen hatte und welche diese Erkenntnis, gleichsam ihr Herz, zum Ziel hatte. Hat sie ihre Welt wahr gemacht?

Sie hatten über die Wahrheit gesprochen, als er sie zuletzt gesehen hatte.

Er nahm sich noch einmal des Inhaltes der Gedankenlade an. Irgendetwas müsste sie doch aus diesen Blättern herausgelesen haben, irgendeine Phrase aus ihrem Ideenschatz hätte sie bestimmt dazu bewegt, zu tun, was sie nun tat. Aber die Bögen waren, so wie er es zuvor gesehen hatte, zur Gänze geschwärzt. Sie hatte die Inhalte aus der Welt geschafft, um ihr schweres Herz von ihrem Gewicht zu befreien. Sie hatte Platz für Neues geschaffen. Womit hat sie vor, es zu füllen?

Sie hatten über das Aufstehen gesprochen, als er sie zuletzt gesehen hatte.

Als er den letzten Gedankenzettel auf der Lade nahm, sah er, dass dieser anders war. Er war nicht schwarz wie die anderen. Er war leer, keine ihrer Notizen hatten ihn geschmückt. Nur ein Satz stand darauf, wie eine Botschaft an ihn kam es ihm vor: „Ich habe mein Glück gefunden, ich gehe es jetzt holen.“

geschrieben von @sinnsense, der hier Kopftheater veranstaltet. 

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  1. Und? Wird am Ende alles gut? // Gastblog | kopftheater. - Januar 16, 2012

    […] Die großartige Facella stellt gerne und gut Fragen und gibt noch bessere Antworten darauf. Das wissen wir. Diesmal fragte sie sich, ob denn am Ende alles gut werden würde. Diese Frage hat sie auch anderen gestellt und so kam ich zu der Ehre, meine Gedanken dazu in einem Gastblog niederzuschreiben, lesbar hier. […]

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