September war immer mein liebster Monat.

3 Apr

September war immer mein liebster Monat. Alles ist auf einmal einem Wandel ausgesetzt, den nichts aufhalten kann. Die erdrückende Hitze weicht der kühlen Abendluft. Die Natur wird so unerträglich bunt. Die Stille so unerträglich leise.

Dieser eine September hätte der beste aller Zeiten werden können. Ich sehe uns noch, zwischen all den Landkarten, Büchern und leeren Gläsern, im Schneidersitz am Boden sitzend. Du lachst, ich lache mit, weil Du schon immer das schönste Lachen hattest. Vier kleine Sommersprossen auf Deiner Nase. Die kleine Narbe auf Deinem Handrücken. Diese unglaublich unglaublich unglaublich blauen Augen.

Kleine, gelbe Post-Its auf der Landkarte markieren unsere Wunschziele. Eigentlich hätten wir ein großes Post-It über die gesamte Landkarte kleben können. “Na, wo wollt ihr hin?”, höre ich Deine Mutter fragen. Wir sehen uns an, grinsen und antworten synchron: “Überall hin.”

Sie schüttelt lachend den Kopf: “Dann seid ihr aber länger als drei Wochen unterwegs.” Wir sehen uns an, grinsen und nicken synchron.

“Wir sollten Atlantis suchen!”
“Und im Bermuda Dreieck schwimmen!”
“Und nach Fantastica flüchten!”
“Ich glaube, das ist realistisch.”
“Ja, das glaube ich auch.”

September war immer mein liebster Monat. Wir sitzen abends auf der Hollywoodschaukel. Du suchst Sternkombinationen, ich gebe ihnen Namen. Während wir den selbstgemachten Eistee Deiner Mutter trinken und Pläne schmieden, so strahlend, so funkelnd, dass sie den besten Goldschmied neidisch machen würden.

Dein Arm um mich. Mein Kopf auf Deiner Schulter. Eine Decke um uns. Es wird abends langsam frisch, aber das stört uns nicht. Wir sitzen so nah aneinander, dass wir uns wärmen. Die restliche Wärme spendet das Lachen, das durch die Nacht hallt.

“Siehst Du die acht Sterne da? Rund um den großen Stern?”
“Ich glaube, das ist der Känguruelefant.”
“Der große oder der kleine?”
“Mama Känguruelefant.”

September war immer mein liebster Monat. Du schläfst noch, während ich versuche leise aus dem Bett zu krabbeln und dabei genug Lärm mache, um das ganze Haus zu wecken. Auf nackten Zehen tapse ich aus Deinem Zimmer, die Treppe hinunter, ins Wohnzimmer. Deine Mutter hat nichts weggeräumt. Alle Möbel haben wir ganz an den Rand geschoben. In der Mitte, ein Chaos aus Landkarten, Büchern, Kissen und Post-Its.

Ich setze mich genau dazwischen und betrachte, was wir unseren Masterplan nennen. Da ein Ziel, dort ein Traum, dazwischen ein paar Wünsche. Als Deine Schritte hinter mir ertönen, lächle ich. Als Du Dich neben mich setzt, lächle ich mehr.

“Wo genau ist das Ende der Welt?”
“Dort, wo sie aufhört und irgendetwas anderes beginnt?”
“Aber woran erkennt man das?”
“Am Gefühl. Ganz sicher am Gefühl.”

September war immer mein liebster Monat. Dieser September ist ein Jahr und eine halbe Ewigkeit her. Unser Lied tönt in meinen Ohren, während ich langsam zu Dir gehe. Schritte, die mir noch nie so schwer fielen. Mein Herz schlägt wie wild. Meine Lungen wagen es kaum nach Luft zu schnappen.

Nina singt. Es erinnert mich an damals. Wir fuhren, wohin wusste ich nicht. Was ich jedoch wusste, dass der CD-Player Deines Autos nicht wirklich funktioniert. So sang Nina ganze fünf Stunden lang dieses Lied.

Als ich bei Dir ankomme, setze ich mich auf den Boden. Und versuche Worte für etwas zu finden, für das ich nie Worte finden werde. Ich will sagen, dass es mir leid tut. Dass ich dumm war. Dass ich an allem Schuld bin. Dass ich manchmal weiß, dass dem nicht so ist. Dass ich Dich vermisse. Immer mehr mehr mehr.

“Du fehlst.”
Stille.
“Ich weiß nicht mehr, wo ich hin gehöre.”
Stille.
“Ich hätte früher kommen sollen. Ich konnte nicht.”
Stille.
“Komm zurück.”
Stille.

September war immer mein liebster Monat. Es wird dunkel und kalt. Meine Finger zittern. Ich beiße so fest auf meine Lippen, dass sie bluten. Und versuche aufzustehen, finde jedoch keinen Halt. Ich bleibe sitzen. Lege meinen Kopf, auf die Stelle, an der ich Deine Brust vermute. Lausche. Suche nach einem Geräusch, das sich so sehr nach Dir anfühlt.

“Bist Du da?”
Stille.
“Wo bist Du?”
Stille.
“Wieso musstest Du gehen?”
Stille.
“Wieso hast Du mich nicht mitgenommen?”
Stille.

3 Antworten to “September war immer mein liebster Monat.”

  1. Flamur April 23, 2012 um 9:54 pm #

    I’m Impressed

  2. cbeventfoto April 30, 2012 um 6:31 pm #

    great…

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  1. facella • Wortheldin mit - Juni 20, 2014

    […] “September war immer mein liebster Monat.” – Ich glaube, mit dem Text habe ich mich am meisten der Internetwelt geöffnet. […]

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