Manchmal muss man eben springen

2 Mai

Es ist der vierte Tag unserer Reise. Ich sitze auf der Terrasse, trinke Kaffee, während Alex in der Küche steht und uns das weltbeste Frühstück der Welt zaubert. Jay schläft noch und schnarcht so laut, dass ich ihn hier draußen noch höre.

Es riecht nach Kaffee, verbranntem Speck und Meer. So so so viel Meer. Es ist das erste Mal seit drei Jahren, dass ich es sehe. Nicht, weil ich nie die Möglichkeit dazu hatte, sondern weil ich mich ohne ihn nicht getraut hatte. Meer war immer unser Ding. Spontan losfahren, egal wohin, Hauptsache ans Meer. Es ist auch das erste Mal seit drei Jahren, dass ich einfach lachen kann.

„Speck ist alle!“
„Ach, mir reichen auch Eier mit Brötchen.“
„Brötchen sind auch alle.“
„Eier reichen auch.“
„Die sind nicht alle, die sind sogar gut durch.“

Alex setzt sich neben mich und wir essen fast verbranntes Rührei mit zu viel Salz aus der Pfanne. Dennoch ist es das weltbeste Frühstück der Welt. Jay schnarcht noch immer.

„Also? Gehen wir zu den Klippen?“
„Wer kann denn dazu nein sagen?“
„Jay.“
„Wenn, dann schnarcht er es.“

Zehn Minuten später leere ich Jay den letzten Schluck von meinem kalten Kaffee ins Gesicht. Er erschreckt sich so, dass er aus dem Bett fällt. Alex macht etwa hundert Bilder davon.

„Klippen?“
„Erst Kaffee, dann Klippen.“
„Den hast Du im Gesicht.“
„Gibt’s den auch in Tassen?“
„Wenn Du welche im Schrank hast.“

Vier Stunden später erreichen wir die höchste Klippe. Fünfzehn Meter unter mir schlagen die Wellen gegen die Felsen, tausende Meter über mir zieht ein Gewitter auf. Alex und Jay gucken ängstlich über den Rand und überlegen laut, was passieren kann, wenn man runter springt. Währenddessen ziehe ich mir Hose, Schuhe und Shirt aus, gehe einige Meter nach hinten, atme noch einmal tief durch und renne los.

Als ich abspringe, höre ich Alex schreien. „Fuck, Ash!“ Ich fühle mich komplett schwerelos. Darüber, dass ich nicht wirklich schwimmen kann, denke ich erst nach, als ich untertauche. Darüber, dass es nicht klug ist, kurz vorm Sturm ins Meer zu springen, denke ich erst nach, als mich die erste Welle gegen die Felsen drückt.

Doch während ich falle ist mein Kopf völlig leer. Die Zeit scheint kurz still zu stehen. Ich schreie so laut ich kann. Nicht vor Angst, sondern vor Freude. Und sehe nur das Wasser unter mir, den Horizont vor mir. Da eine Welle, dort schwarze Wolken und alles fühlt sich so so so unglaublich an.

Das Wasser ist kälter, als ich erwartet habe. Aber eigentlich hatte ich mir darüber keine Gedanken gemacht. In Wahrheit habe ich mir über diese Aktion insgesamt keine Gedanken gemacht. Ich tauche tief ins Wasser ein, drehe mich im Kreis, weiß kurz nicht, wo oben oder unten ist und dann tauche ich auf. Lachend.

Als die erste Welle auf mich zu kommt, tauche ich unter. Als ich wieder auftauche, erwischt mich eine. Ich versuche wieder zu tauchen, schaffe es aber kaum und werde gegen die Felswand gedrückt. Kurz spüre ich meinen Rücken schmerzen, vergesse es aber sobald, ich die nächste Welle auf mich zu rasen sehe.
Ich tauche unter, presse meine Füße gegen die Felsen und versuche gegen das Gewicht des Wassers zu kämpfen.

Irgendwann schaffe ich es ein Stück die Felswand hochzuklettern und mich an einem kleinen Vorsprung festzuhalten. Dort klammere ich mich fest, bis mich zwei Männer von der Küstenwache dort runter zerren und mich zu einem Boot bringen.

Als wir am Ufer ankommen, werde ich von Alex und Jay empfangen, die so aufgewühlt sind, dass sie mich abwechselnd beschimpfen und fest an sich drücken.

„Bist Du irre? Du kannst doch nicht so einfach springen.“
„Konnte ich eigentlich ganz gut.“

Erst jetzt merke ich, dass meine Knie bluten. Und meine Ellbogen. Und meine Handflächen. Und mein Rücken. Kaum sehe ich die Wunden schmerzen sie auch schon. Doch mein Kopf macht sich darüber keinen Kopf.

„Du blutest.“
„Das tut sie eh einmal im Monat. Da ist ein zweites Mal sicher nicht so schlimm.“
„Orrr, Jay!“
„Alter, Jay. Ich will das gar nicht hören.“

Ich grinse. Alex zerrt mich zu einer ersten Hilfe Station. Jay verdreht die Augen.

„Alter. Wieso tust Du so was?“
„Ich glaube, manchmal muss man einfach springen.“

5 Antworten to “Manchmal muss man eben springen”

  1. Bert Mai 2, 2012 um 8:14 pm #

    <3 <3 <3

  2. Carsten Mai 3, 2012 um 4:56 pm #

    Ich bin beim Lesen fast gestorben vor Angst (obwohl du ja offensichtlich lebend aus der Sache rausgekommen bist). Meine Güte …

  3. Fabian Wloch Mai 3, 2012 um 6:06 pm #

    Hat anscheinend ja viel Spaß gemacht, aber ich glaub ich würde mich das nicht trauen. Hast meinen Respekt ;)
    Und gute Besserung :)

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  1. off the record – begegnen wir der zeit wie sie uns sucht | off the record - Mai 11, 2012

    […] Manchmal muss man eben springen « herzintakt – from herzintakt https://herzintakt.wordpress.com […]

  2. facella • Wortheldin mit Neon|Wilderness - Februar 12, 2013

    […] Das ist schwer. Das ist echt schwer. “Manchmal muss man eben springen” bedeutet mir sehr viel. Da das ein Tag war, an dem ich viel über mich gelernt habe. Ich bin […]

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