Balanceakt

27 Nov

„Wo warst Du?“, fragt sie mich und ich balanciere weiter auf den Schienen.
„In Gedanken.“, sage ich und stelle mir vor, die Eisenschiene unter mir wäre ein Seil, gespannt parallel zum Äquator. Tausend Meter hoch. Und ich laufe, einmal quer um die Erde. Beobachte Sonnenaufgänge und -untergänge, gebrochen Versprechen und Herzen, ineinander verschlungene Hände und Leben.

Sie erzählt von Männern und Misserfolgen. Von Leben und Lieben. Von den kleinen Dingen, denen sie zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt hat. Von dem großen Ganzen, das sie nicht versteht. Ich setze einen Fuß vor den anderen. Tausend Meter über mir erzählen Sterne Geschichten vom Universum.

„Ich bin schwanger.“, sagt sie. Und ich setze Fuß vor Fuß, während wenige Meter neben mir neues Leben entsteht. Ich balanciere mein Ungleichgewicht, sie ihre Optionen. Und zeitgleich verlieren wir den Halt.

Ich klopfe mir das Gras von den Beinen, sie wischt sich die Tränen aus dem Gesicht. „Ich hab verloren.“, sagt sie und meint damit ihn, während ich meine Arme weit ausstrecke und erneut versuche die Balance zu halten.

Der Wind weht durch meine Haare und ich lasse mich fallen. Innerlich. Die Arme so weit von mir gestreckt, als wollte ich versuchen all den Schmerz von ihr abzuschotten.

„Was hab ich falsch gemacht?“, fragt sie. Ihre Hände und Lippen zittern synchron, als sie begreift, dass sie ihn zu sehr geliebt hat, sich selbst aber zu wenig. Und ich sehe am Horizont das Licht, das sich aus dem Ende des Tunnels traut.

„Wo warst Du?“, fragt sie. Und fragt mehr nach dem Grund meiner Abwesenheit in ihrem Leben, als nach dem Grund meiner Flucht.
„Bei mir.“, sage ich und gehe einen Schritt auf das Licht zu.

„Wo warst Du?“, frage ich und lasse mich von dem Licht umhüllen. „Ganz woanders.“, sagt sie und der Zug rast auf mich zu wie Katrina auf New Orleans. Und ich springe. Nicht hoch, nicht weit. Aber genug, um für einen Augenblick zu fliegen.

2 Antworten to “Balanceakt”

  1. Tim November 28, 2012 um 11:57 am #

    <3

  2. Lena November 30, 2012 um 10:29 am #

    Ich liebe was du schreibst. Alles. Immer. Danke dafür!

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