Archiv | Dezember, 2012

Worte von E.

24 Dez

Von meiner Mutter an euch.

Einst gab es unüberwindbare Gebirge,
alles mit sich reißende Flüsse
und endlos scheinende Ozeane,
die uns Grenzen auferlegten.

Wir lernten zu klettern und
die höchsten Gipfel zu erklimmen,
um von oben auf Täler zu blicken.

Wir lernten zu schwimmen,
Flöße und Brücken zu bauen,
um das Land auf der anderen
Seiten kennen zu lernen.

Wir lernten große Schiffe zu bauen,
nach Sternen zu navigieren,
um andere Kontinente zu entdecken.

Wir lernten wie Vögel zu fliegen,
Raketen und Raumschiffe zu bauen,
um die Erde von oben zu sehen
und den Mond zu erforschen.

Doch dann bauten wir Zäune
aus Holz und Stacheldraht,
um unser Hab und Gut zu beschützen.

Wir zogen endlose Mauern hoch,
aus Steinen, lang und breit,
um andere Menschen auszuschließen.

Wir errichteten Länder und Staaten,
mit eigenen Regierungen,
um unsere Interessen zu wahren.

Wir verbarrikadierten unser Herz
vor Leuten mit fremder Religion und
Hautfarbe, um unsere Seele vor
vermeintlichen Schaden zu bewahren.

… und ich wünsche mir,
wir wären wieder am Anfang.

Besuch von A.

24 Dez

Ich öffne ihm die Tür und spüre den Drang sie gleich wieder zuzuschlagen. „Ist das richtig?“, will ich ihn fragen. Doch mehr als drei Buchstaben bekomme ich nicht raus: „Hey!“
Er nickt und gibt mir so die Antwort auf meine ungestellte Frage, während er seine Hände tiefer in seinen Hosentaschen vergräbt. Ich weiß, dort sucht er Halt. Ich verschränke meine Arme vor meiner Brust und er weiß, ich habe Halt in mir gefunden.

„Ich habe uns Tee gemacht.“
„Mit Milch?“
„Immer.“

Er folgt mir in mein Schlafzimmer und setzt sich neben mich auf den Boden. Vor uns stehen zwei Tassen Tee, um uns schlängeln sich die Tatsachen.

„Wann beginnen die 60 Minuten eigentlich?“
„Ab dem ersten Schluck.“

Wir starren auf die Tassen in unseren Händen und keiner wagt es, den ersten Schluck zu nehmen. Ich tue es schließlich doch. Nicht, weil ich ihn loswerden will. Nicht, weil ich will, dass das hier endlich vorbei ist. Bloß, weil ich will, dass er seinen Radiergummi von meinem Schlussstrich entfernt.

Mit leiser Stimme erzählt er von seinem Umzug, der tollen Küche und dem zu kleinen Bad. Ich erzähle von neuen Menschen in meinem Leben, die das Leben wieder gut machen, von der Uni und meinem neuen Shampoo. Er erzählt von Ängsten, die ihn nachts nicht schlafen lassen, von neuen Lieblingsfilmen und seinen neuen Schuhen. Ich erzähle von Vorhaben, Ex-Freunden und meinem Plan zur Weihnachtsstimmung. Und treffe damit einen wunden Punkt.

„Ich werde nie wieder Weihnachten feiern können.“

Ich nehme seine Hand und male Kreise auf seinen Handrücken. Draußen wird es dunkel, während wir aneinander festhalten. Hier drinnen wird es dunkler, als wir einander loslassen.

Er sagt, er hätte zugenommen. Ich sage, es wäre noch lange nicht genug. Er sagt, er könne wieder lachen. Ich sage, ich könne wieder vertrauen. Er sagt, er hätte was Dummes getan. Ich sage, ich täte das ständig.

Dann schiebt er den Ärmel seines Pullovers nach oben und entblößt nicht nur sein Handgelenk, sondern die Visualisierung seines Schmerzes. Und wir zittern synchron.
Ich muss nicht nach dem Grund fragen, aber tue es doch.

„Ich wollte wissen, wie es sich für sie angefühlt hat.“
„Und? Hast Du es herausgefunden?“
„Nein. Ich habe um Hilfe gerufen, bevor es zu Ende war.“

Seine Stimme zittert, während er mir erzählt, wie er sich Mut antrank, sich in die Badewanne legte, das Messer nahm und nicht schneiden konnte, seine Mutter anrief, weinte und es dann doch tat. Zuerst wurde alles rot, dann schwarz. Als er aufwachte, war alles weiß und er sich bewusst, was er getan hatte.

„Ich wäre gekommen.“
„Ich weiß.“
„Ich hätte Dir helfen können.“
„Ich weiß.“

Mein Kopf spielt mir Szenarien vor. Wären wir damals nicht auseinander gegangen, wäre ich da gewesen, hätte ich Anzeichen gesehen, hätte retten können, was nicht zu retten war.

„Du hättest anrufen können.“
„Ich weiß.“
„Ich hätte…“
„Du hättest es nicht gekonnt.“

Ich lege meinen Kopf auf seine Schulter, da die Erkenntnis zu schwer wird. Ich hätte ihn nicht retten können. Ich sage es mir immer wieder und wieder. Nur um es zu begreifen. Kann es aber doch nicht. Seine kalten Finger liegen auf meiner Wange, als er sagt, er musste es versuchen. Der Versuch war der einzige Weg, um weiter zu kommen.

„Du musstest Dich selbst retten, erinnerst Du Dich?“
Ich nicke.
„Du hast dumme Dinge dafür getan.“
Ich nicke.
„Das musste ich auch.“
Ich verstehe.

Das Schweigen kriecht aus seiner Ecke und hüllt uns in Stille. Wir klammern aneinander fest. Mein Kopf auf seiner Schulter, sein Kopf auf meinem. Seine Tränen fallen auf meine Wange und vermischen sich mit meinen.

Er sagt, seine Therapeutin riet ihm mich zu treffen. Ich sage, wenn das der Grund wäre, solle er gehen. Er sagt, er wäre hier, weil er so wollte. Ich weiß, dass es nicht so ist. Weil es Zeit wurde. Weil es sonst zu spät dafür wäre. Ich sage, es wäre nie zu spät. Er nickt. Ich nicke.

„Die 60 Minuten waren vor sechs Minuten um.“
„Gehst Du jetzt?“
„Ja.“
„Okay.“
„Machst Du auch nach Weihnachten Tee?“
„Für Dich immer.“

Bevor er geht, umarmt er mich. So wie früher. So wie damals. So, als wären wir wieder Freunde. Als er zur Türe raus ist, räume ich die Tassen in die Spülmaschine, halte mich an der Arbeitsfläche fest, um etwas Halt zu finden und weiß, dass ich nach Weihnachten keinen Tee machen werde.

Worte über B.

17 Dez

Immer, wenn jemand von uns geht, hat man diesen einen Gedanken im Kopf: “Ach, hätten wir doch bloß mehr Zeit gehabt!” – Das Problem an dem Gedanken ist jedoch, dass man eigentlich genug Zeit hatte, nur einsehen muss, dass diese Zeit, die wirkte, als würde sie nie enden, plötzlich doch ein Ende hat. Und dann tauchen all die ungestellten Fragen auf, die man noch hätte stellen wollen; all die Dinge, die man hätte tun wollen; all die Worte, die ungesagt blieben. All das lastet dann auf Deinen Schultern. Und Du selbst weißt nicht so recht, wohin mit all dem.

Aber das Hauptproblem ist, dass man, während man um diese ungetanen Dinge und ungesagten Worte trauert, vergisst, wie viel Zeit man eigentlich hatte und wie man diese auch genutzt hat.

So erging es mir zumindest die letzten Tage. Da waren noch so viele Fragen und so viele Dinge, aber vor allem so viele Worte, die ich hätte sagen wollen, aber die keinen Raum mehr fanden.

Und ich habe so fest an all das gedacht, was noch hätte sein können, dass es mir schwer fiel, mich an Dinge zu erinnern, die waren.

Es brauchte seine Zeit, damit ich begriff, wie viel von meinem Großvater eigentlich in mir ist. Wie viel ich von ihm gelernt habe. Manchmal ganz banale, alltägliche Dinge – manche so groß, dass sie meine Welt verändert haben.

Ich war etwa sechs Jahre alt. Der alljährliche Urlaub mit meinen Großeltern und meinem Bruder stand an. Italien, Bibione. Ich war ungeduldig und die Autofahrt fühlte sich an, wie eine halbe Ewigkeit. Als wir dann endlich dort ankamen, gab es ganz viel Meer, noch viel mehr Eis und einen Minigolfplatz. Meer und Eis waren plötzlich ganz uninteressant. Ich wollte nur zu diesem Minigolfplatz. Der Rest war völlig egal. Also habe ich genörgelt und genervt und gebettelt und noch etwas mehr genervt, bis wir dann eines Abends endlich dorthin gingen. Wahrscheinlich war es eh am zweiten Abend, aber die Wartezeit kam mir vor wie eine Ewigkeit.

An der ersten Bahn, umarmte mich mein Großvater von hinten. Seine Hände hielten meine, meine den Schläger und er erklärte mir, wie ich am besten diesen kleinen Ball in das noch kleinere Loch befördere.

Irgendwann kamen wir bei der letzten Bahn an. Bei der schwersten. Ich blickte mich hilfesuchend zu meinem Großvater um. Er nickte zuversichtlich und sagte: “Hau drauf! So fest wie Du kannst!” Das tat ich dann auch. Ich holte aus und schwang den Schläger mit voller Wucht. Und ich traf! Zwar nicht den Ball, dafür das Kinn meines Großvaters. Und anstatt mich zu schellen, sagte er nur: “Das war ein guter Schlag, Liebes.”

Mein Großvater lehrte mich, dass es manchmal wichtiger ist zu verzeihen, als nachtragend zu sein. Dass man in allen Situationen, so schlecht sie auch sein mögen, etwas Gutes sehen kann. Dass man, egal ob beim Minigolf oder im Leben, immer alles geben sollte.

Irgendwann wurde ich älter, aber nicht sonderlich weiser. Ich wollte irgendetwas demonstrieren, was, das wusste ich selbst nicht so genau. Mein Weg war mehr ein Labyrinth als eine Gerade. Da gab es Misserfolge und falsche Abzweigungen, Abwege und Einbahnen. Und der Weg zu meinem Großvater war immer der schwerste. Da musste ich dann gestehen, was ich falsch gemacht habe, welche Entscheidung ich getroffen hatte. Mehr aber musste ich indirekt gestehen, dass ich nicht weiter wusste. Und immer dachte ich, dass mein Großvater so sehr enttäuscht von mir sein würde.

Doch mein Großvater hat immer an mich geglaubt. Und er war nicht enttäuscht von mir, sondern davon, dass ich manchmal selbst nicht mehr an mich glaubte. Denn er wusste damals schon, was ich lange nicht sah, dass ich alles erreichen kann, wenn ich nur an mich glaube.

Mein Großvater lehrte mich, dass der Anspruch, den Du an Dich selbst hast, wichtiger ist, als der, den andere an Dich haben. Dass es in Ordnung ist, hinzufallen, wenn man danach wieder aufsteht. Aber vor allem lehrte er mich, dass, wenn ich mal selbst nicht an mich glaube, es immer jemanden geben wird, der an mich glaubt.

Mein Großvater war immer mehr wie ein Vater für mich. Und ich glaube auch, dass er manchmal so empfand. Er fiebterte und kämpfte mit mir, er lachte und weinte mit mir. Und letztendlich war er immer da, egal wie brennzlich die Situation auch war.

Er lehrte mich, dass man die Menschen, die man liebt an die erste Stelle stellen muss, manchmal sogar vor sich selbst. Dass man immer gemeinsam lebt, nie alleine. Und dass man Wege zusammen geht, egal wie schwer sie auch sein mögen. Und dass, obwohl alles irgendwann endet, es doch immer bleibt.

Brief an M.

15 Dez

Meine Süße.

Was für ein Jahr, was für ein Leben. Ich erzähle gerne von Dir, von damals, als Du aus Dir rauskamst. Erinnerst Du Dich? Ich mich sehr gut. Du warst Mutter durch und durch. Ehefrau. Selbstständig. Alles. Immer da, immer am Geben. Nie hast Du was verlangt. Nie hast Du etwas genommen.

Ich war bei weitem kein einfaches Kind. Mehr so ein Debakel. Etwas mehr noch ein „Was zum Teufel ist denn in das Ding gefahren?“-Kind. Noch mehr einfach beschissen. Vor allem zu Dir. Ich kann nichts rückgängig machen. Niemand kann das. Wir haben uns Dinge an den Kopf geworfen. Wütend, schreiend. Ich wollte um jeden Preis etwas demonstrieren, was, das weiß wohl niemand. Anders sein. Mit Gewalt. Zeigen, dass ich nicht so sein will, so sein kann, wie man es sich von mir wünscht.

Ich wollte viel. Alles. Etwas anderes vom Leben. Mehr vom Leben. Was ich am meisten wollte: Grenzen austesten. Grenzen ausdehnen. Grenzen überschreiten. Das war Dir zu wider. Glaube ich. Ich weiß es nicht. Aber es brachte viel mit sich. Auf der einen Seite, dass wir uns gestritten haben, dass wir uns fast die Köpfe abgerissen haben, auf der anderen, dass ich heute weiß, dass ich Grenzen nicht als solche erachte. Weil sie einen aufhalten, einengen. Das, mein Liebe, das habe ich von Dir gelernt.

Denn Du hast mir gezeigt, dass es nicht nur Grenzen gibt, die einen von der Gesellschaft gesteckt werden, sondern auch Grenzen, die man sich selbst steckt. Und Du hast mir gezeigt, dass man selbst die durchbrechen kann.

Vor einigen Jahren, ich weiß nicht genau, wann das war. Ich war schon immer fürchterlich mit Daten. Da, da hast Du Deine Grenzen eingerissen. Die Grenzen, die Du Dir selbst gesteckt hast. Du warst für uns da. Aber nie für Dich. Und dann plötzlich. 180 Grad. Kaboom. Grenzen und Mauern eingerissen. Du hast gegen Dich gekämpft und gewonnen. Du bist aus Dir herausgekommen. Bist rausgegangen. Bist aufgelebt. Ich habe es Dir nie gesagt, aber ich habe Dich immer dafür bewundert.

Du bist eine wahnsinnig starke Frau. Warst Du schon immer. Und irgendwann hast Du es auch der Welt gezeigt. Man sagt, man muss sehr hell leuchten, sonst blendet man nicht. Und Du, meine Liebe, Du blendest sie alle in Grund und Boden. Du warst immer Sonne für mich. Immer Ruhepol. Immer Ehrgeiz und Vernunft. Aber vor allem eins: für mich warst Du immer Liebe. So so so so viel Liebe.

Du hast so viele Talente. Du schreibst, Du fotografierst, Du malst, Du lachst, Du inspirierst, Du kannst sogar rechnen, ey, das kann heute doch niemand mehr, Du strahlst und blendest, Du gibst Kraft, Du gibst Stärke, Du gibst Hoffnung. Aber Dein größtes Talent war es schon immer zu lieben. Es ist unglaublich, wie gut Du es kannst. Wie viel Du davon gibst. Wie viel Liebe Du ausstrahlst. Noch nie habe ich einen Menschen gesehen, der Liebe so gut lebt, wie Du es tust. In einer Zeit, in der nichts bleibt, in der alles im ständigen Wandel bist, da bist Du der Ruhepol, der mit weit ausgestreckten Armen auf mich wartet und mich, egal, wie beschissen ich bin, liebt. Ohne Wenn, ohne Aber.

Ich weiß, ich sitze gerne zwischen den Stühlen und in den Nesseln. Aber ich liege auch gerne goldrichtig. Ich stehe manchmal überall, manchmal neben mir, manchmal vor dem Nichts, manchmal am Pranger, manchmal auf dem Sprung. Aber egal wo ich stehe, Du, Du stehst immer neben mir.

Ich hätte Dir dies alles schon längst sagen müssen. Aber Du weißt, ich bin nicht gut darin, diese Art der Gefühle offen auszusprechen. Aber schreiben, schreiben das kann ich. Und es war nötig und verdammt noch mal viel zu spät. Aber, meine Süße, ich danke Dir. Für alles. Dafür, dass Du mir nicht nur Dinge gelehrt hast, sondern vor allem dafür, dass Du mir zeigst, dass Liebe alles meistern kann.

Ich wünsche Dir, nicht nur zu Weihnachten, sondern für Dein Leben, dass Du alles, was Du Dir vornimmst erreichst, dass Du glücklicher als nur glücklich bist, dass Du leuchtende Farben im Grau findest, dass Du Liebe an Orten findest, die verlassen scheinen, dass Du lachst und weinst, dass Du Dinge erlebst, die Deine Welt bewegen, dass Du ganz oft Dein Fernweh stillst, dass Du Ruhe im ohrenbetäubenden Lärm findest, dass Du vor Glück weinst, dass Du keine Angst vor irgendwas hast, dass Du Menschen triffst, die Dich berühren, bewegen und inspirieren, dass Du, egal wie viel Du hast, alles hast, dass Du bleibst wie Du bist, dass Du auf Dich achtest und Dich in den Vordergrund stellst, dass Du das Leben in der Welt und die Liebe bis zu Deinen Zehenspitzen spürst, dass Du tanzend durch die Straßen läufst, dass Du immer ein Motiv hast, auch wenn Du gerade keine Kamera zur Hand hast, aber vor allem, dass Du, meine Süße, dass Du das Leben Deines Lebens hast.

Liebe.
Ganz viel Liebe.

Dein Pumuckel.
Der ich immer sein werde, auch ohne komische Haarfarbe.