Worte über B.

17 Dez

Immer, wenn jemand von uns geht, hat man diesen einen Gedanken im Kopf: “Ach, hätten wir doch bloß mehr Zeit gehabt!” – Das Problem an dem Gedanken ist jedoch, dass man eigentlich genug Zeit hatte, nur einsehen muss, dass diese Zeit, die wirkte, als würde sie nie enden, plötzlich doch ein Ende hat. Und dann tauchen all die ungestellten Fragen auf, die man noch hätte stellen wollen; all die Dinge, die man hätte tun wollen; all die Worte, die ungesagt blieben. All das lastet dann auf Deinen Schultern. Und Du selbst weißt nicht so recht, wohin mit all dem.

Aber das Hauptproblem ist, dass man, während man um diese ungetanen Dinge und ungesagten Worte trauert, vergisst, wie viel Zeit man eigentlich hatte und wie man diese auch genutzt hat.

So erging es mir zumindest die letzten Tage. Da waren noch so viele Fragen und so viele Dinge, aber vor allem so viele Worte, die ich hätte sagen wollen, aber die keinen Raum mehr fanden.

Und ich habe so fest an all das gedacht, was noch hätte sein können, dass es mir schwer fiel, mich an Dinge zu erinnern, die waren.

Es brauchte seine Zeit, damit ich begriff, wie viel von meinem Großvater eigentlich in mir ist. Wie viel ich von ihm gelernt habe. Manchmal ganz banale, alltägliche Dinge – manche so groß, dass sie meine Welt verändert haben.

Ich war etwa sechs Jahre alt. Der alljährliche Urlaub mit meinen Großeltern und meinem Bruder stand an. Italien, Bibione. Ich war ungeduldig und die Autofahrt fühlte sich an, wie eine halbe Ewigkeit. Als wir dann endlich dort ankamen, gab es ganz viel Meer, noch viel mehr Eis und einen Minigolfplatz. Meer und Eis waren plötzlich ganz uninteressant. Ich wollte nur zu diesem Minigolfplatz. Der Rest war völlig egal. Also habe ich genörgelt und genervt und gebettelt und noch etwas mehr genervt, bis wir dann eines Abends endlich dorthin gingen. Wahrscheinlich war es eh am zweiten Abend, aber die Wartezeit kam mir vor wie eine Ewigkeit.

An der ersten Bahn, umarmte mich mein Großvater von hinten. Seine Hände hielten meine, meine den Schläger und er erklärte mir, wie ich am besten diesen kleinen Ball in das noch kleinere Loch befördere.

Irgendwann kamen wir bei der letzten Bahn an. Bei der schwersten. Ich blickte mich hilfesuchend zu meinem Großvater um. Er nickte zuversichtlich und sagte: “Hau drauf! So fest wie Du kannst!” Das tat ich dann auch. Ich holte aus und schwang den Schläger mit voller Wucht. Und ich traf! Zwar nicht den Ball, dafür das Kinn meines Großvaters. Und anstatt mich zu schellen, sagte er nur: “Das war ein guter Schlag, Liebes.”

Mein Großvater lehrte mich, dass es manchmal wichtiger ist zu verzeihen, als nachtragend zu sein. Dass man in allen Situationen, so schlecht sie auch sein mögen, etwas Gutes sehen kann. Dass man, egal ob beim Minigolf oder im Leben, immer alles geben sollte.

Irgendwann wurde ich älter, aber nicht sonderlich weiser. Ich wollte irgendetwas demonstrieren, was, das wusste ich selbst nicht so genau. Mein Weg war mehr ein Labyrinth als eine Gerade. Da gab es Misserfolge und falsche Abzweigungen, Abwege und Einbahnen. Und der Weg zu meinem Großvater war immer der schwerste. Da musste ich dann gestehen, was ich falsch gemacht habe, welche Entscheidung ich getroffen hatte. Mehr aber musste ich indirekt gestehen, dass ich nicht weiter wusste. Und immer dachte ich, dass mein Großvater so sehr enttäuscht von mir sein würde.

Doch mein Großvater hat immer an mich geglaubt. Und er war nicht enttäuscht von mir, sondern davon, dass ich manchmal selbst nicht mehr an mich glaubte. Denn er wusste damals schon, was ich lange nicht sah, dass ich alles erreichen kann, wenn ich nur an mich glaube.

Mein Großvater lehrte mich, dass der Anspruch, den Du an Dich selbst hast, wichtiger ist, als der, den andere an Dich haben. Dass es in Ordnung ist, hinzufallen, wenn man danach wieder aufsteht. Aber vor allem lehrte er mich, dass, wenn ich mal selbst nicht an mich glaube, es immer jemanden geben wird, der an mich glaubt.

Mein Großvater war immer mehr wie ein Vater für mich. Und ich glaube auch, dass er manchmal so empfand. Er fiebterte und kämpfte mit mir, er lachte und weinte mit mir. Und letztendlich war er immer da, egal wie brennzlich die Situation auch war.

Er lehrte mich, dass man die Menschen, die man liebt an die erste Stelle stellen muss, manchmal sogar vor sich selbst. Dass man immer gemeinsam lebt, nie alleine. Und dass man Wege zusammen geht, egal wie schwer sie auch sein mögen. Und dass, obwohl alles irgendwann endet, es doch immer bleibt.

Eine Antwort to “Worte über B.”

  1. fabianwloch Dezember 17, 2012 um 2:55 pm #

    Gut geschrieben, und mein Beileid…
    Kenne ich leider zu gut, habe mit meinen 17 Jahren leider schon (zu)viele Erfahrungen mit dem Thema gemacht.
    Hoffe dass du gut drüber weg kommst, und dein Großvater war bestimmt stolz auf dich :)

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