Macht den Mund auf!

25 Jan

So, ich geb auch mal meinen Senf auf die Wurst.

Die Welt ist ungerecht. Wissen wir alle. Und es passieren ungerechte Dinge. Und nicht nur sexistische Dinge. Frauen machen sich über Frauen lustig. Männer machen sich über Männer lustig. Frauen über Männer. Männer über Frauen. Jeder ist irgendwann Opfer, genauso wie jeder irgendwann Täter ist. Und jetzt sagen alle: „NEIN! Ich doch nicht!“

Pustekuchen!

Jeder hat schon mal etwas getan, was eine andere Person verletzt hat. Jede Frau hat sich schon mal über eine andere Frau das Maul zerrissen. Jeder Mann hat schon mal über irgendeinen Kerl geschimpft. Jeder hat schon mal jemanden in eine Schublade gesteckt.

Und das ist, was mich hier heute am meisten stört. Die Schublade, die sich hier heute bildete, wird größer und größer.

Männer sind scheiße!
Wisst ihr was? Frauen auch!

Alle Männer werden nur von ihren Trieben geleitet. Alle Männer tun jegliche weibliche Handlung mit „ah, sie hat ihre Tage!“ ab. Männer reduzieren. Männer sind scheiße. Männer verallgemeinern. Männer stecken uns in eine Schublade. Und baaam, da ist sie, die Schublade, in die viele Frauen gerne alle Männer stecken.

Sexistische Kommentare und diverse Handgreiflichkeiten, sei es ’nur‘ ein Klaps auf den Hintern, sind nicht in Ordnung. Das will ich gar nicht schön reden. Das ist scheiße. Der Mensch, der so handelt, ist vielleicht nicht als Ganzes scheiße, aber hat eindeutig Charaktereigenschaften, die man sich nicht auf die Stirn schreiben sollte.

Wisst ihr was auch nicht in Ordnung ist? Eine Frau, die eine andere Frau als fett und hässlich bezeichnet. Ein Kind, das glaubt, die Mutter beschimpfen zu müssen. Ein Kerl, der ohne mit der Wimpern zu zucken seine Freunde belügt. Der kleine Junge von neben an, der mit Steinen nach Tieren wirft. Das Mädchen, das meint ihren kleinen Bruder im Wandschrank einsperren zu müssen. Der Vater, der seine Kinder schlägt. Der Mensch, der andere ständig verurteilt. Der Mensch, der sich ohne Punkt und Komma über seine Mitmenschen lustig macht. Der Mensch, der ohne Rücksicht auf Verluste durchs Leben geht. Der Mensch, der meint, diese Welt wäre sein Spielplatz, dessen Regeln er aufstellen darf.

Aber wisst ihr, was auch nicht in Ordnung ist? Still zu bleiben! Klar, viele mögen es ihrer Mutter, ihrer besten Freund oder ihrem besten Freund, dem Bruder, der Schwester oder sonst wem erzählen. Da stößt man ja auch auf Verständnis. Aber diese Wut, die man in sich trägt, die wird man dadurch nicht los.

Und der Mensch, der auch zu nahe trat, der, der auch beleidigt oder eure Grenzen überschritten hat, der, dem diese Wut eigentlich gebührt, der bekommt nichts davon ab. Der läuft durch sein Leben und sieht, dass seine Taten funktionieren, solange er nicht einmal Konsequenzen zu spüren bekommt. Glaubt ihr, dass wenn ein Ladendieb nie erwischt wird, dass er wirklich damit aufhört? Glaubt ihr, dass ein Mensch, der ständig auf Kosten anderer lebt, morgens aufwacht und drauf kommt, dass er schlechte Dinge tut? Pustekuchen. Wird nicht passieren. Und da können die Freunde auch mal sagen, dass sie die Handlungen nicht gut finden, das wird nichts ändern. Seine ‚Opfer‘ müssen aufstehen.

Wenn euch etwas Ungerechtes passiert, dann steht auf und gebt Kontra. Kriegt eure Fresse auf. Und ich weiß, das ist alles leichter gesagt als getan. Ich kenne das. Ich weiß das alles. Mir sind auch schon genug Dinge passiert. Ich hab auch schon oft genug geschwiegen und Dinge über mich ergehen lassen. Und wisst ihr was mir das gebracht hat? Nichts. Außer einer innerlichen Wut, die nicht weichen wollte. Die nur größer wurde. Die vor sich hinköchelte. Und die Menschen, die mir dieses Leid einbrockten, die hatten keine Ahnung. Weil viele, die anderen Menschen Dinge antun, kennen deren Konsequenzen nicht. Die wissen nicht, was es mit Dir anstellt. Und sie wissen ganz oft nicht, wie tief einen etwas treffen kann.

Ich bitte euch, macht euren Mund auf. Nicht für andere. Nicht, um demjenigen in die Schranken zu weisen. Sondern nur für euch. Und wenn er es nicht einsieht, dann wird er es vielleicht, vielleicht auch nicht. Aber ihr seid für euch eingestanden und habt für euch gesprochen. Etwas, das euch niemand nehmen kann.

Und vielleicht, wenn nicht nur einer, sondern mehrere Menschen mal den Mund aufbekommen und anmerken, wenn etwas ungerecht wird, vielleicht verändert das was. Aber solange die meisten schweigen, passiert nichts. Und die Menschen, die euch ungerecht behandelt haben, werden nie wissen, dass es für euch nicht in Ordnung war.

Und schreit einmal wirklich auf. Nicht hier auf Twitter, sondern da draußen.

So, mein Senf.

6 Antworten to “Macht den Mund auf!”

  1. emden09 Januar 25, 2013 um 3:06 pm #

    Du hast Recht, was jede einzelne von uns betrifft. Dennoch finde ich, dass #aufschrei hilft, weil sich nicht nur ein individueller Widerstand bildet, sondern der Blick geschärft wird für gesellschaftliche (und individuelle) Realitäten. Eine Art kollektives bewusstsein entsteht. Zugegeben dieser Widerstand entsteht hier nur gegen eine bestimmte Art respektloser, ungerechter Behandlung aber er entsteht mit einer in gewisser Weise kollektiven Wirkung. Und da gilt dann halt das Ganze ist mehr als sein Teile. JMHO

  2. Christina Januar 25, 2013 um 6:53 pm #

    Der vorletzte Satz. Word.

  3. Marishiki Januar 25, 2013 um 7:00 pm #

    ich finde, so ein #aufschrei ist schon mal ein mund aufmachen. es schafft bewusstsein, es macht sichtbar. nicht nur für irgendwen, sondern auch für betroffene, die da mal sehen können, dass sie nicht alleine sind. es ist nicht das einzige, was getan werden sollte, aber es ist wichtig, denn wenn nur ich alleine den mund aufmache, kann der rest der welt da immer noch nen scheiß drauf geben und die strukturen bleiben, wie sie sind.

    und das ist das, wo dein text, wie ich finde, nur ganz knapp die kurve kriegt, was victim blaming angeht. diese starke betonung der eigenverantwortung des_der einzelnen. ja, eins soll für sich aufstehen. nein, das ist nicht DAS, was die welt verändert. wir müssen ein bewusstsein schaffen und das darf nicht die aufgabe der betroffenen sein, indem sie in dem moment den_die täter_in anschreien. zumal es unmengen an betroffenen gibt, die geschrieen haben, und die hinterher vielleicht sogar zur polizei gegangen sind, und denen das nichts gebracht hat, weil die strukturen und unsere gesellschaft, die diese strukturen hegt und pflegt, auf betroffene scheißt.

    und bei einer aktion, in der es um sichtbarmachung geht, erstmal von schubladen anzufangen – nein, einfach nein. ich hab heute keine schubladen gelesen. ich hab größtenteils gelesen, dass menschen von ihren erfahrungen erzählt haben. und selten stand da „männer™“, oft wurden einzelpersonen genannt: lehrer, chef, fremder typ auf der straße. dass das überwiegend männer sind – hey, statistik, es gibt mehr übergriffe von männern auf frauen als umgekehrt, das ist die struktur. aber das macht es noch lange nicht zum „alle männer in eine schublade stopfen“.

  4. Herr Daimon Januar 26, 2013 um 8:34 am #

    Ich stimme dir ziemlich zu. Das Problem, das ich bei Christina’s letztem Kommentarabsatz sehe, ist das Framing. Es mag sein, dass statistisch betrachtet Männer mehr Übergriffe tätigen, doch nach den Gründen fragt niemand (eine kleine Auswahl: geschichtliche Entwicklung, verankerte Rollenbilder, Verunsicherung einiger Männer durch die weibliche Emanzipation etc.). Durch dieses Nichthinterfragen wird aber eine fixe Rollenverteilung in den Köpfen verankert: Nämlich der böse Mann und das Opfer, die Frau. Damit erreicht man, was heute schon existiert: Vergewaltigte Männer schämen sich, sich zu melden und Täterfrauen werden kaum belangt, weil niemand ihnen so etwas zutraut. Ähnlich dem Rassismus wird dann betont „Natürlich sind es nicht nur Männer, aber …“ (analog zu: „Natürlich sind Ausländer nicht nur Straftäter, aber …“). Und im Kopf von jedem Einzelnen werden dann Vorurteile gegenüber Männern verankert, was weder das Problem löst, noch Konflikte verhindert. Das kann jeder bestreiten, doch wird es nichts an dieser Tatsache ändern, denn so funktioniert der menschliche Geist (was die Historie unzählige Male bewiesen hat). Es mag für den Moment gut sein, so zur Bewältigung der eigenen Gedanken etwa und zum Finden von Unterstützung. Doch wenn man etwas weiter denkt, kommt man unweigerlich immer wieder zu dem Punkt der möglichen Konflikteskalation. Es bringt nichts, die Wut der Opfer kanalisieren zu wollen, man muss ihnen den Umgang mit dieser Wut lehren, so dass es möglich wird, ihnen konstruktive Hilfe zu bieten. Und in einem zweiten Schritt gilt es, die Strukturen (die übrigens stetig toleranter und aufgeschlossener werden) zu verändern. Wieso in dieser Reihenfolge? Weil sich Strukturen nicht von heute auf morgen ändern lassen und man da gut noch ein bis zwei Generationen Zeit berechnen darf. Und genau bei diesem Punkt setzt dieser Blogbeitrag an.

    • Herr Daimon Januar 26, 2013 um 8:35 am #

      Korrektur: Bei Marishiki’s letztem Kommentarabsatz, natürlich :)

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  1. Gedankenrevolution - März 5, 2013

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