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September war immer mein liebster Monat.

3 Apr

September war immer mein liebster Monat. Alles ist auf einmal einem Wandel ausgesetzt, den nichts aufhalten kann. Die erdrückende Hitze weicht der kühlen Abendluft. Die Natur wird so unerträglich bunt. Die Stille so unerträglich leise.

Dieser eine September hätte der beste aller Zeiten werden können. Ich sehe uns noch, zwischen all den Landkarten, Büchern und leeren Gläsern, im Schneidersitz am Boden sitzend. Du lachst, ich lache mit, weil Du schon immer das schönste Lachen hattest. Vier kleine Sommersprossen auf Deiner Nase. Die kleine Narbe auf Deinem Handrücken. Diese unglaublich unglaublich unglaublich blauen Augen.

Kleine, gelbe Post-Its auf der Landkarte markieren unsere Wunschziele. Eigentlich hätten wir ein großes Post-It über die gesamte Landkarte kleben können. “Na, wo wollt ihr hin?”, höre ich Deine Mutter fragen. Wir sehen uns an, grinsen und antworten synchron: “Überall hin.”

Sie schüttelt lachend den Kopf: “Dann seid ihr aber länger als drei Wochen unterwegs.” Wir sehen uns an, grinsen und nicken synchron.

“Wir sollten Atlantis suchen!”
“Und im Bermuda Dreieck schwimmen!”
“Und nach Fantastica flüchten!”
“Ich glaube, das ist realistisch.”
“Ja, das glaube ich auch.”

September war immer mein liebster Monat. Wir sitzen abends auf der Hollywoodschaukel. Du suchst Sternkombinationen, ich gebe ihnen Namen. Während wir den selbstgemachten Eistee Deiner Mutter trinken und Pläne schmieden, so strahlend, so funkelnd, dass sie den besten Goldschmied neidisch machen würden.

Dein Arm um mich. Mein Kopf auf Deiner Schulter. Eine Decke um uns. Es wird abends langsam frisch, aber das stört uns nicht. Wir sitzen so nah aneinander, dass wir uns wärmen. Die restliche Wärme spendet das Lachen, das durch die Nacht hallt.

“Siehst Du die acht Sterne da? Rund um den großen Stern?”
“Ich glaube, das ist der Känguruelefant.”
“Der große oder der kleine?”
“Mama Känguruelefant.”

September war immer mein liebster Monat. Du schläfst noch, während ich versuche leise aus dem Bett zu krabbeln und dabei genug Lärm mache, um das ganze Haus zu wecken. Auf nackten Zehen tapse ich aus Deinem Zimmer, die Treppe hinunter, ins Wohnzimmer. Deine Mutter hat nichts weggeräumt. Alle Möbel haben wir ganz an den Rand geschoben. In der Mitte, ein Chaos aus Landkarten, Büchern, Kissen und Post-Its.

Ich setze mich genau dazwischen und betrachte, was wir unseren Masterplan nennen. Da ein Ziel, dort ein Traum, dazwischen ein paar Wünsche. Als Deine Schritte hinter mir ertönen, lächle ich. Als Du Dich neben mich setzt, lächle ich mehr.

“Wo genau ist das Ende der Welt?”
“Dort, wo sie aufhört und irgendetwas anderes beginnt?”
“Aber woran erkennt man das?”
“Am Gefühl. Ganz sicher am Gefühl.”

September war immer mein liebster Monat. Dieser September ist ein Jahr und eine halbe Ewigkeit her. Unser Lied tönt in meinen Ohren, während ich langsam zu Dir gehe. Schritte, die mir noch nie so schwer fielen. Mein Herz schlägt wie wild. Meine Lungen wagen es kaum nach Luft zu schnappen.

Nina singt. Es erinnert mich an damals. Wir fuhren, wohin wusste ich nicht. Was ich jedoch wusste, dass der CD-Player Deines Autos nicht wirklich funktioniert. So sang Nina ganze fünf Stunden lang dieses Lied.

Als ich bei Dir ankomme, setze ich mich auf den Boden. Und versuche Worte für etwas zu finden, für das ich nie Worte finden werde. Ich will sagen, dass es mir leid tut. Dass ich dumm war. Dass ich an allem Schuld bin. Dass ich manchmal weiß, dass dem nicht so ist. Dass ich Dich vermisse. Immer mehr mehr mehr.

“Du fehlst.”
Stille.
“Ich weiß nicht mehr, wo ich hin gehöre.”
Stille.
“Ich hätte früher kommen sollen. Ich konnte nicht.”
Stille.
“Komm zurück.”
Stille.

September war immer mein liebster Monat. Es wird dunkel und kalt. Meine Finger zittern. Ich beiße so fest auf meine Lippen, dass sie bluten. Und versuche aufzustehen, finde jedoch keinen Halt. Ich bleibe sitzen. Lege meinen Kopf, auf die Stelle, an der ich Deine Brust vermute. Lausche. Suche nach einem Geräusch, das sich so sehr nach Dir anfühlt.

“Bist Du da?”
Stille.
“Wo bist Du?”
Stille.
“Wieso musstest Du gehen?”
Stille.
“Wieso hast Du mich nicht mitgenommen?”
Stille.

Die Leidenschaft des Wahns – II

11 Jun

(So. Der zweite Teil des Kapitels „Die Leidenschaft des Wahns“. Den ersten Teil gibt es hier. Ich habe lange überlegt, ob ich ihn wirklich veröffentlichen soll. Länger werde ich wohl bei Teil drei überlege. Aber ja. Viel Spaß beim Lesen. Oder auch nicht. Ich weiß nicht, was man bei sowas wünscht. Aber ich warne: Ich hab es noch nicht wirklich überarbeitet. Rohfassung quasi.)

Zeit bedeutet nichts mehr. Tage zähle ich nicht mehr, geschweige denn Stunden. Manche führen Strichlisten. Manche haken die Tage in ihrem Kalender ab. Aber das ist die Minderheit. Der Rest vegetiert vor sich hin. Zu mehr ist man auch nicht fähig. Zu mehr will man irgendwann nicht mehr fähig sein.

Die Uhr über meinem Bett verrät mir, dass es kurz vor halb sechs ist. Ich kann nicht sagen, ob abends oder morgens. Aber ich bin wach. Nach gefühlten vierzig Stunden Schlaf. Schlaf, der herbeigeführt wird, wenn Du irgendetwas tust. Was, das ist egal, solange sich nur einer der Pfleger auf den Schlips getreten fühlt. Oder er Dich einfach nicht mehr reden hören wollte. Oder wenn er einfach Lust dazu hatte.

Im Gemeinschaftsraum sitzt nur Jörg. Was er hat, das weiß ich nicht. Was er hat, ist mir egal. Manchmal schreit er. Manchmal holt er sich einen runter. Manchmal macht er auch beides. Dagegen getan wird nicht viel. Zumindest, wenn er ruhig vor sich hin masturbiert. Sobald er anfängt zu schreien, werden die Spritzen gezückt und er, sobald er schläft, ans Bett gefesselt. Meist mit heruntergelassener Hose, damit auch wirklich jeder mindestens zwanzig Mal seinen kleinen Penis gesehen hat.

Auch die Leute, die an der Bushaltestelle vor der Klinik auf ihren Bus warten. Das sind meist Leute, die gerade von Ikea kamen, nach dem Motto: Erst das Bett kaufen und dann sehen, wen man dort auf keinen Fall haben will.

Jörg darf, im Gegensatz zu mir, ins Freie. Wieso, weiß ich nicht. Vielleicht, weil ich nicht in der Öffentlichkeit masturbiere. Vielleicht aber auch, weil ich noch fit genug bin, um über Zäune zu klettern. Und Bus zu fahren. Und vielleicht davor bei Ikea noch eine Runde zu drehen. Ganz nach dem Motto: Die Irre aus der Anstalt hat Lust auf Köttbullar.

Ich nehme diesen ganzen Wahn um mich nicht mehr wirklich wahr. Ich schlürfe durch die Anstalt, suche vergebens nach Ausgängen. Suche noch vergebener nach etwas frischer Luft. Nach Sonnenstrahlen, die meine Haut kitzeln. Nach feuchtem Gras unter meinen Füßen. Nach etwas Gefühl. Nach etwas, das mich spüren lässt.

Es wird Mittag und ich bekomme meine zweite Ladung Medikamente. Mit Ladung meine ich eine LKW-Ladung. Mit LKW-Ladung meine ich so viele Pillen, die ich nicht an einer Hand abzählen kann. Anfänglich schluckte ich eine nach der andere, jede mit etwa einem Liter Wasser. Irgendwann zwischen damals und heute habe ich auf merkwürdige Art gelernt sie alle auf einmal zu schlucken. Mit zu wenig Wasser. Ex und hopp.

Ex und hopp hat sich wohl auch Zimmergenossen Nummer Zwei gedacht, als sie sich eines Nachts eine Schlinge, die sie aus dem Bettlaken gebastelt hatte, um den Hals band, das andere Ende an der Gardinenstange befestigte und von dem Plastikstuhl sprang. Obwohl sie in ihrem Falle wohl eher „hopp und ex“ gedacht hat. Aber ich kann noch keine Gedanken lesen. Schon gar nicht, nachdem sich jemand das Leben genommen hat.

Bemerkt habe ich es erst, als mein Beruhigungsmittel nachließ und ich mich wunderte, wieso der Vollmond mich nicht mehr blendete. Da war sie aber schon merkwürdig kalt. Als ich sie anfasse, beginnt sie zu schwingen. Wir sehen uns eine Zeit lang an. Viel mehr starre ich in ihre geöffneten Augen und versuche dort irgendetwas zu finden, das mir sagt, was ich jetzt tun sollte. Ich tue, was jeder in dieser Situation tun würde: Ich zünde mir eine Zigarette an. Setze mich im Schneidersitz auf den Boden und betrachte sie. Wie lange, das weiß ich nicht. Wieso, das weiß ich noch viel weniger.

Da sitzen wir. Und starren uns an. Gut, ich sitze. Sie hängt und baumelt. Ich starre sie an und sie ins Leere. Und ich überlege, ob ihr Genick gebrochen ist und wenn, ob ich es dann nicht hätte hören müssen und dann, ob Genicke laut brechen, wenn sie brechen. Oder ob sie einfach erstickt ist. Wobei einfach hier auch ein sehr unpassender Begriff ist.

Wenig später betrete ich das Pflegerzimmer mit den Worten: „Da hängt eine Leiche in meinem Zimmer.“ Ich hatte nicht wirklich überlegt, was ich sagen wollte, das hätte ich vielleicht nicht gesagt, wenn ich überlegt hätte. Aber es war treffend. Zumindest sage ich mir das und mir fällt auch nichts Anderes ein, was ich hätte sagen können.

Ich werde zuerst unglaubwürdig angestarrt, dann steht Herta auf und quetscht sich an mir vorbei. Herta wiegt geschätzte 200 Kilo und hat einen volleren Schnauzer als mein Onkel Michael. Sollte ich hier jemals rauskommen, werde ich ihr Wachsstreifen und einen Zettel schicken. Auf dem Zettel wird stehen „Den ganzen Tag fressen macht fett, fette Herta.“ Natürlich werde ich das nie tun. Aber der Gedanke bringt mich zum Schmunzeln.

Die restliche Nacht verbringe ich im Gemeinschaftsraum. Rauche, trinke verdünnten Himbeersaft, starre den Mond an und warte darauf, dass jemand kommt, um nach mir zu sehen. Das passiert nicht. Denn es ist Wochenende. Und am Wochenende müssen die Irren unter sich bleiben.

Ich hebe mein Glas, halte es genau vor den Mond und sehe zu, wie er sich langsam rot einfärbt. Und leere es in einem Schluck.

Ex und hopp.

Das Ding mit der Vier

7 Mrz

Heute schlafen wir nicht miteinander. Heute schläft er nur mit mir. Nicht, dass es mich sonderlich stören würde, was vielleicht nur daran liegen mag, dass ich es nicht spüre. Sonst spüre ich eigentlich auch nichts. Nur diese klaffende Leere in mir, die Tag für Tag größer wird.

Bene liegt keuchend auf mir. Ich zähle die Risse in der Wand zu meiner linken. Es sind vierundzwanzig, falls ich mich nicht verzählt habe. Vierundzwanzig durch sechs sind vier. Vier ist eine gute Zahl. Wieso das so ist, kann ich nicht erklären. Dennoch versuche ich in allem die Vier zu finden. Das nimmt manchmal merkwürdige Züge an. Vor allem wenn man versucht eine Arbeit zu schreiben, deren Zeichen sich am Ende durch vier dividieren lassen. Aber auch hier gilt: Übung macht den Meister. Prinzipiell ist vier aber eine hässliche Zahl, wenn man zumindest das Äußere betrachtet. Viel zu hart, zu eckig, zu kantig. Da ist die Drei schon schöner. Aber an der finde ich kein Interesse.

Bene liegt noch immer auf mir. Ich spüre ihn erst, als sich seine Zähne in meiner Schulter verfangen und er sich wenig später von mir rollt. Schweigend teilen wir uns eine Zigarette. Vielleicht sind es auch vier.

Benes Wohnung ist dreckig. Bene selbst ist dreckig. Wir sind dreckig. Genüßlich suhlen wir uns im Dreck und vergessen dabei, dass wir irgendwann mal, mit uns selbst im Reinen sein wollten. Aber mit sich selbst im Reinen sein funktioniert nicht, wenn der Dreck dein Gewissen verklebt. Ein reines Gewissen funktioniert da noch weniger.

Das Wort Gewissen besteht aus acht Buchstaben. Acht durch zwei ergibt vier. Es ist ein gutes Wort. Dreck lässt sich weder durch vier noch durch zwei dividieren. Eigentlich nur durch fünf und eins. Demnach ist es ein schlechtes Wort. Ein dreckiges Wort, im wahrsten Sinne des Wortes.

die Leidenschaft des Wahns – I

6 Mrz

Mit zittrigen Fingern stecke ich mir meine fünfte Zigarette an. Oder meine zehnte. Ich zähle nicht mehr, seitdem ich weiß, dass ich immer welche bekomme, wenn ich sie brauche. Wenn man in der Psychiatrie ist, bekommt man nur eine begrenzte Anzahl. Nicht so, wenn man mit dem Krankenpfleger Paul schläft. Ich weiß nicht, ob er mir Zigaretten gibt, weil ich mit ihm schlafe oder ob ich mit ihm schlafe, um Zigaretten zu bekommen. Aber das spielt keine Rolle.

Die Bäume verlieren ihre Blätter und ich langsam meinen Verstand. Aber auch das spielt keine Rolle mehr. Nichts spielt noch eine Rolle. Aber das gebe ich nicht zu, zumindest nicht vor mir. Diese Erkenntnis wird mir erst Jahre später kommen. Schlagartig und meine neu aufgebaute, heile Welt zerstören. Aber bis dahin gibt es noch viele Leichen zu beseitigen und viele Löcher zu füllen. Aber auch Löcher füllen funktioniert nie ganz. Es ist mehr, als würde man feste Stämme drüber legen, ein Gitter bilden und es dann mit Laub verdecken. Um es nicht zu sehen, aber irgendwo im Hinterkopf weiß man genau, wo es sich befindet und wie man es zum Einstürzen bringt. Aber zuerst gilt es diese Gitter zu bauen. Das funktioniert aber nicht mit Medikamenten. Das ist mir sehr wohl klar. Nur sonst niemandem hier.

Es funktioniert eigentlich nicht mehr viel. Außer das Atmen, an guten Tagen, wenn die Panik mir nicht die Luft abschnürt. Oder Paul, der seine Brust so fest an meine presst, wenn er nachts auf mein Zimmer kommt, dass ich Angst habe, meine Rippen würden brechen. Aber das spüre ich in Wirklichkeit auch nicht mehr. Weder den Schmerz auf meiner Brust, noch den verschwitzen, laut stöhnenden Paul.

Gegen Löcher in Wänden gibt es Spachtelmasse. Gegen Löcher in Zähnen gibt es Amalgan oder Kunststoff. Gegen Löcher im Selbst gibt es nichts. Antidepressiva und Rum fallen einfach so hindurch, betäuben für den Hauch einer Sekunde, um dann gänzlich in der Leere zu verschwinden.

Ich bin alleine. Eine Erkenntnis, die mich Tag für Tag schlagartig aufs Neue trifft. Nur Henry ist noch da. Seine Hand liegt auf meiner, während er mir erzählt, dass alles gut wird, wenn ich daran arbeite. Henry war schon immer der rationale Teil meiner Selbst. Dass er nicht existiert, weiß ich. Trotzdem halte ich an ihm fest, weil er das einzig, nicht verrückte in mir ist. Das einzige, was mich noch dazu bringt morgens aufzustehen. Ich liebe Henry. Weil er der gute Teil von mir ist. Dass mein Unterbewusstsein sich dafür einen Mann erdacht hat, erscheint merkwürdig. Aber das ist es nicht. Weil Männer immer mehr für mich waren, besser. Weil sie meine Stützen sind. Weil sie meine Familie sind. Und weil sie immer diese Ruhe für mich ausstrahlen. Henry ist ruhig, rational, ehrlich und dabei einfühlsam, direkt und immer neben mir.

Emma ist da anders. Emma ist wie ich, an ganz schlechten Tagen. Ginge es nach ihr, wäre alles schon längst zu Ende. Emma wird am Längsten bleiben. Sie ist hartnäckiger als Henry. Sie hat sich in mir festgebissen und saugt mir das Leben aus, flößt mir den Wahn ein. Mit ihrer zuckersüßen Stimme. Der sanften Melodie. Emma ist die Leidenschaft des Wahns. Emma ist der Wahn. Emma ist mein Wahn. Der krankmachende, sich verbeißende, mich auffressende Wahn. Die Hand, die mich ins Dunkle führt. Die Hand, die mich in den Abgrund drückt. Die Hand, die auf meinen Brustkorb drückt, wenn die Angst kommt. Die mir die Luft abschneidet. Die mein Herz hält und presst und presst, bis der Schmerz so groß wird, dass ich ohnmächtig werde.

Emma ist das Ende. Entweder sie oder ich. Der letzte Kampf. Die große Schlacht. Gegen den Wahn verlieren heißt sich ihm völlig hingeben, alles zerstören, alles beenden. Gewinnen erscheint utopisch. Weil man gegen sich selbst nicht gewinnen kann. Denn Emma bin ich. Mein schlechtes Ich, mein sich selbst zerstörendes Ich. Emma ist mein Endgegner. Ich bin mein Endgegner. Diesen Kampf werde ich mit blutverschmierten Händen und Wunden, die tiefer gehen als jedes Fleisch, verlassen, egal wie er ausgeht. Der Schmerz wird bleiben. Die Wunden auch. Weil gegen diese Art von Wunden kein Kraut gewachsen ist.

Henry wird mir mehr wie eine Erinnerung an einen guten Freund bleiben. Jemand Reales. Erinnerungen an Gespräche in Cafés über das Leben, die Liebe und den ganzen Rest. Erinnerungen an eine imaginäre Hand, die mich gehalten hat, die mich am Leben gehalten hat. Henry war immer Sinn. Henry war Leben. Henry war, was ich sein wollte. Henry war in Wirklichkeit nur eine Verkörperung von Dominik, den ich noch nicht gehen lassen konnte. Den ich nie gehen lassen werden kann.

Mein Mittagessen besteht aus Kartoffelpüree, grauem Fleisch, zerkochtem Gemüse, fünf Tabletten und vier Zigaretten. Dazu gibt es Himbeersaft. Etwa vierzig Patienten, verteilt auf Vierertischen. Ich sitze alleine. Weil ich es so will. Weil niemand mehr bei mir sitzen will. Sie nennen mich den Todesengel.

Ich teilte mir ein Zwei-Bett-Zimmer mit vier verschiedenen Mädchen, zwei haben sich verlegen lassen, zwei haben sich umgebracht. Die nächste werde ich am kommenden Morgen finden, wenn ich im Badezimmer in ihrem Blut ausrutsche. Meine Ärzte sagen mir, dass es mich aufregen, verletzen, schockieren müsste. Aber das tut es nicht. Das wird es auch nie.

Nach dem Essen irre ich verloren durch die Gänge. Ohne Gefühl für Zeit und Raum. Gefangen. In Mir. Emma folgt mir auf Schritt und Tritt. Ich höre ihr zu, aber antworte nicht mehr. Das habe ich mir abgewöhnt. Es hat sowieso keinen Sinn mit ihr zu diskutieren, sie gewinnt. Immer. Ausnahmslos. Außerdem ist die ganze Anstalt videoüberwacht. Keiner lässt dich gehen, wenn du mit der Leere sprichst. Nicht so, wenn die Leere mit dir spricht.

Und dann ist alles vorbei

16 Jan

Montag,  07.Dezember  2009
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Klack. Klack. Klack.

Verärgert über die Dreistigkeit, dass es jemand wagt mit High Heels über den schwarzen Marmor zu laufen, drehe ich mich um und suche nach dem Übeltäter. Und muss erkennen, dass ich es selber bin. Ich verlagere mein Gewicht auf meine Ballen und tappe ungeschickt auf Zehenspitzen in viel zu unbequemen Schuhen durch die Gänge.

Nur kein Geräusch machen. Unsichtbar bleiben, solange es noch geht.

Klack. Klack. Klack.

Diesmal sind es nicht meine Schritte, die durch die steinerne Halle klackern. Ich kenne die Frau nicht, doch erkenne sie augenblicklich. Die schwarze Lockenmähne versteckt zu wenig von ihrem überschminktem Gesicht. Die Lippen formen sich zu einem Lächeln und entblößen gelbe Zähne, auf denen noch Reste des Lippenstifts kleben. Ich könnte ihr sagen, dass sie Lippenstift auf den Zähnen hat, aber so nett bin ich heute nicht. So nett bin ich, ehrlich gesagt, nie.
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Liebe ist alles

14 Jan

Therapie, Teil 2 – Februar 2010

„Ich kann nicht lieben und will es ehrlich gesagt auch nicht mehr.“, höre ich mich sagen und weiß, dass es eine Lüge ist.

Mein Therapeut schreibt es nieder, sieht mich an, durchschaut mich. Aber tut so, als würde er mir glauben.

Die Wahrheit ist, dass ich davor Angst habe. Vor der Liebe, vor dem Leben und vor dem ganzen dreckigen Rest. Aber das sage ich ihm nicht, denn so weit öffnen kann ich mich ihm nicht. So weit öffnen kann ich mich eigentlich niemandem.

Das mit der Liebe habe ich schon versucht, so ist es nicht. Den einen hab ich verloren, weil ich ihn nicht am Leben festhalten konnte. Den anderen habe ich verlassen, weil er meine Liebe nicht zu schätzen wusste.

Was blieb ist ein Loch. Ein Riss im Herzen. Eine Leere in mir. Aber das sage ich meinem Therapeuten auch nicht. Eigentlich sage ich ihm nicht viel, aber das was ich sage, schmücke ich mit vielen Wörtern. Es ist meine zweite Sitzung bei ihm und er beschreibt schon den vierten Din-A4-Bogen. Eine Diagnose will er noch nicht stellen. Mein alter Psychiater war da um einiges schneller. Nach einem fünfminütigen Gespräch mit mir, nahm er meine Mutter zur Seite und sagte ihr, ich sei hochgradig schizophren und sollte umgehend eingeliefert werden. Wie er zu dieser Diagnose kam, wollte (und konnte) er ihr aber nicht sagen.

Mein erster Kaffee ist bereits leer. Aber ich habe vorgesorgt. Noch zwei Becher stehen vor mir. Er fragt mich plötzlich nach dem Grund meine gescheiterten Beziehungen. Und ohne meine Antwort zu überdenken, sage ich: „Die einzige Konstante bin ich. Ergo bin wohl ich der Grund.“ Kaum hab ich es ausgesprochen, versuche ich Wahrheit darin zu sehen. Erkenne sie jedoch nicht. Denn eigentlich war ich nie Schuld. Zumindest nie alleine.

Die Wahrheit ist, dass ich mir zu oft die Schuld gebe. Als D starb, fühlte ich mich schuldig. Es waren nur ein paar Wörter, die ich schlussendlich so verinnerlicht hatte, dass es schwer war, mich selbst des Gegenteils zu überzeugen: „Hätten wir uns nicht gestritten, wäre er in dieser Nacht nicht zu mir gefahren, hätte er nicht diesen Unfall gehabt, wäre er nicht gestorben.“ Das Furchtbarste an der Sache war, dass ich die Einzige war, die mir die Schuld gab.

Es gibt Tage, an denen ich mir nicht mehr die Schuld gebe. Weder an Ds Tod, noch an meinen gescheiterten Beziehungen. Aber es gibt auch Tage, an denen mich die Schuld erdrückt. Aber das sage ich meinem Psychiater auch nicht. Ich sage nur: „Wenn man es genauer betrachtet, ist nie nur einer alleine schuld. Auch ich nicht.“

Ich versuche eine Antwort zu finden. Versuche die Liebe und ihre Bedeutung für mich zu erklären. Es reduziert sich auf ein Wort: Alles. Denn Liebe ist alles.