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Heb die Hand.

9 Jan

Es ist schon ein paar Jahre her, als ich mit einem Freund in eine Schule ging, um dort über Mobbing zu sprechen. Es war die Klasse seiner kleinen Schwester. Entzückendes Ding. Zu alt für ihr Alter. Kleine Stimme mit riesigem Volumen. Introvertiert ohne Ende. Eines dieser stillen Wasser, die unergründlich tief sind. Sie wurde gemobbt. Wie viele andere in ihrer Klasse. Eine, dieser Klassen, in denen niemand sein möchte, der nur irgendwie anders sein möchte.

Niko und ich stellen uns vor einen Haufen 14-Jähriger und werden erst, stilecht, beschimpft. Das gehört zum guten Ton. Man weiß ja, was der Bauer nicht kennt, das frisst er nicht.
Wir hatten unseren kleinen Vortrag gründlich einstudiert. Wir hatten eine Präsentation mit Mems. Wir hatten alles geplant. Nur nicht einen Haufen 14-Jähriger, die sich nichts sagen lassen wollen. Es brauchte den strengsten Lehrer der Schule, um Ruhe in das Klassenzimmer zu bekommen.

Als alle so taten, als würden sie zuhören, fingen wir langsam an zu reden. Niko versucht seine Schwester zu verteidigen ohne sie beim Namen zu nennen. Ich erzähle, dass ich früher viel gemobbt wurde. Ein Junge, der die ‚Coolness‘ anscheinend mit Löffeln gefressen hat, schreit: „Du? Warum? Du bist doch voll heiß!“

„Geht es nur darum?“, frage ich ihn.
„Natürlich, Alter!“

Ich erzähle ihm von einem Mädchen, das ich einst kannte. Bildhübsch. Klug. Lustig. Und krame in den Untiefen meines MacBooks ein Foto von ihr hervor. „Glaubt ihr, sie wurde gemobbt?“, frage ich. „Alter! Die ist doch ein Model.“, kommt es aus der letzten Reihe. Dann erzähle ich ihnen, wie sie Tag für Tag von ihren Mitschülern fertig gemacht wurde. Erzähle von ihrer Essstörung. Erzähle von Narben und Alkohol. Erzähle von ihrem Selbstmord. Und alles wird ruhig. Ein „Warum?“ ertönt. Dann wird getuschelt.

Niko erzählt von Angriffsflächen, die jeder bietet. Von Wunden, die offen liegen und nur so aufs Salz warten. Von Ängsten, die ausgenutzt werden. Von Unsicherheiten, die zum Spott einladen. Ich sage, dass jeder Mensch all das hat, dass jeder Mensch Angst hat, dass jeder Mensch unsicher ist. Aus der letzten Reihe ertönt ein „Nee! Ich sicher nicht!“ Es ist der Coolness-Junge, der lässig seine Beine auf dem Tisch abgelegt hat.

Ich gehe zu ihm, setze mich neben seinen Beinen auf den Tisch und sage: „Nehmen wir mal an, dass irgendwann mal jemand kommt und erkennt, dass all das nur Fassade ist und anfängt in Deinen Wunden zu graben. Wie würde es Dir gehen?“ Er habe keine Wunden, sagt er selbstsicher.

„Hast Du keine Angst davor, mal alleine dazustehen?“
„Nein.“
„Und wenn Du plötzlich Familie und Freunde verlierst?“
„Dann suche ich mir neue.“
„Und wenn Du aus der Schule raus bist, was dann?“
„Keine Ahnung.“
„Glaubst Du, Du schaffst die Schule?“
„Kann sein.“
„Und wenn nicht?“
„Alter! Keine Ahnung.“
„Und was, wenn Du die Schule nicht schaffst? Was dann? Was, wenn Du fliegst?“
„Alter! Halt’s Maul.“
„Kriegst Du dann Stress mit Deinen Eltern?“
„Halt die Klappe!“
„Wie viel Stress bekommst Du dann mit Deinen Eltern?“
„Geht Dich nichts an.“
„Hast Du Angst davor, was dann passiert?“
„Fick Dich!“
„Siehst Du. So einfach ist es Wunden zu finden.“

Ich stehe auf und gehe zurück nach vorne. Niko sagt, dass alle hier irgendetwas gemeinsam haben. Und dass niemand mit einem Gefühl alleine dasteht.
„Wir spielen jetzt ein Spiel.“, sage ich. „Wir stellen euch Fragen und wer eine Frage mit ‚ja‘ beantworten kann, der hebt die Hand.“ Einer zeigt uns seinen Mittelfinger. Einer lacht.

„Habt ihr manchmal Angst in die Schule zu kommen?“
Keine Reaktion.
„Okay. Hattet ihr schon mal Angst, dass euch jemand beschimpfen könnte?“
Keine Reaktion.
„Auch nicht. Das ist doch schon mal was. Hattet ihr schon mal Angst ausgelacht zu werden?“
Nikos Schwester blickt uns an. Nickt zögerlich. Niko und ich heben synchron die Hand.
„Hattet ihr schon mal Angst vor der Zukunft?“
Niko hebt die Hand. Die zwei Professoren heben die Hand. Ich hebe die Hand. Nikos Schwester hebt die Hand.
„Hattet ihr schon mal Angst, eurer Eltern erzählen zu müssen, dass ihr eine Arbeit verkackt habt?“
Der Junge in der letzten Reihe hebt die Hand.

Je mehr Fragen wir stellen, umso mehr machen mit. Als ich meine erste Frage wiederhole, heben alle die Hand. Wir erzählen, dass es jedem so ging. Wegen Mitschülern, wegen Lehrern, wegen der Angst zu versagen. Wir sagen, dass es schon genug Punkte gibt, die einem an einer Schule Angst machen. Mitschüler sollten nicht dazu gehören. Wir sagen, dass die Ängste nicht besser werden, je älter man wird. Dass sie nicht verschwinden. Dass immer nur neue dazukommen. Dass sie manchmal alte überschreiben. Aber dass die Angst an sich immer bleibt.

Als ich zwanzig Minuten später das Klassenzimmer verlasse, läuft mir der Junge aus der letzten Reihe nach.

„Alter! Woher wusstest Du das mit meinen Eltern?“
Ich zucke mit den Schultern. „Gut geraten.“

Er stellt sich als Jo vor. Kurz für Johann. Den Namen mag er aber nicht. Später trinken wir Kaffee, obwohl er Bier wollte und er erzählt mir von seinem Vater, vor dem er manchmal solche Angst hat, dass er weglaufen will. „Willst Du, dass jemand solche Angst vor Dir hat?“, frage ich ihn. Er sagt, wer Angst verbreitet, der hat Macht. Ich sage, dass es keine gute Macht ist. Er sagt, aber es ist wenigstens Macht. Ich frage, ob er das auch über Hitler sagen würde. Er schweigt.

Ich habe an dem Tag viel über mich preisgegeben. Viel, das ich selten von mir erzähle. Ich habe, wie wohl jeder andere Mensch, Probleme mit meinen Schwächen. Ich habe, wie auch jeder andere Mensch, Ängste. Und, wenn ich ehrlich bin, hab ich ganz oft Angst vor Menschen. Angst vor Reaktionen. Angst vor Abneigung. Angst vor Zurückweisung. Angst vor Worten. Angst vor Taten.

Ich glaube, dass ich in jeden x-beliebigen Raum gehen kann, indem sich 2-3 Handvoll Menschen befinden und wette, dass jeder bei irgendeiner Frage die Hand heben würde.

„Hattest Du schon mal Angst vorm Leben?“
„Wusstest Du schon mal nicht weiter?“
„Hast Du schon mal jemanden verloren?“
„Hast Du schon mal Dich verloren?“
„Wolltest Du irgendwann mal nicht mehr?“
„Ging es Dir schon mal so schlecht, dass Du das Haus nicht verlassen konntest?“
„Hattest Du schon mal das Gefühl, dass etwas so schlimm ist, dass es Dir den Atem raubt?“
„Hast Du Angst vor Zurückweisung?“
„Fühlst Du Dich manchmal sinnlos?“
„Fühlst Du Dich manchmal leer?“

Ängste sind etwas, das uns verbindet. Und wir stehen mit keinem Gefühl alleine da. Wenn ich sage, ich lag schon einmal eine Woche im Bett, konnte mich nicht dazu aufraffen aufstehen, hinauszugehen, irgendetwas zu tun. Dass ich mich so mies gefühlt habe, dass das Aufstehen immer schwerer wurde. Dass ich nicht mehr denken wollte. Dass ich nicht mal mehr weinen konnte. Dann glaube ich, dass ich damit nicht alleine bin. Nein, eigentlich weiß ich es. Denn es wurde mir über die Jahre von so vielen Menschen bestätigt. Wenn ich sage, es gab Tage, an denen ich auf einem Hausdach stand und überlegte, wie es sich anfühlt zu springen, weiß ich, dass es genug Leute gibt, die auch schon mal standen und den Gedanken hatten.

Und wenn ich frage:

„Musstest Du schon mal lachen und wusstest nicht warum?“
„Bist Du morgens schon mal aufgestanden und hattest dieses Gefühl, dass heute ein guter Tag wird?“
„Wurdest Du schon mal so geküsst, dass Du die Welt um Dich vergessen hast?“
„Musst Du manchmal lächeln, wenn Du von jemandem eine Nachricht bekommst?“
„Hast Du jemanden in Deinem Leben, der Dich bedingungslos liebt?“
„Hast Du jemanden in Deinem Leben, den Du bedingungslos liebst?“
„Wachst Du manchmal zu früh auf und gehst ans Fenster, um den Sonnenaufgang zu beobachten?“
„Hast Du schon mal so lange mit jemandem gesprochen, dass die Vögel plötzlich ihr Guten-Morgen-Lied sangen?“
„Lachst Du manchmal so sehr, dass Dein Körper schmerzt?“

Dann bin ich mir auch sicher, dass nicht nur einer die Hand heben wird. Gefühle verbinden uns. Geschichten verbinden uns. Und wenn Du Dich mir öffnest, werde ich mich Dir öffnen. Wenn ich Dir meine Geschichte erzähle, wirst Du mir Deine Geschichte erzählen. Wenn Du mir von Ängsten erzählst, werde ich mich darin wiederfinden. Wenn ich Dir von meinen Unsicherheiten erzähle, wirst Du manchmal nicken. Für jeden Plan, den ich habe, wirst Du einen Traum haben. Für jeden Traum, den ich habe, wirst Du eine Hoffnung haben.

Ich glaube daran, mit offenen Augen und Ohren durchs Leben zu gehen. Weiß, dass ich furchtbares sehen und hören werde. Weiß aber auch, dass sobald ein kleiner Funken Glück flüstert, ich ihn hören werde. Dass, sobald ein Traum still in der Ecke seufzt, ich ihn hören kann. Dass es Menschen gibt, die mir Dinge erzählen können, von denen ich keine Ahnung habe. Dass ich Menschen in eine andere Richtung blicken lassen kann. Dass es Geschichten gibt, in denen ich mich verlieren kann. Und dass jeder schon mal die Hand nicht heben konnte, obwohl er es wollte. Dass jeder diese eine Wunde mit sich rumschleppt, die zu gerne aufreißt. Aber auch, dass jeder dieses Lachen hat, das dazu veranlasst, mitzulachen.

Worte von E.

24 Dez

Von meiner Mutter an euch.

Einst gab es unüberwindbare Gebirge,
alles mit sich reißende Flüsse
und endlos scheinende Ozeane,
die uns Grenzen auferlegten.

Wir lernten zu klettern und
die höchsten Gipfel zu erklimmen,
um von oben auf Täler zu blicken.

Wir lernten zu schwimmen,
Flöße und Brücken zu bauen,
um das Land auf der anderen
Seiten kennen zu lernen.

Wir lernten große Schiffe zu bauen,
nach Sternen zu navigieren,
um andere Kontinente zu entdecken.

Wir lernten wie Vögel zu fliegen,
Raketen und Raumschiffe zu bauen,
um die Erde von oben zu sehen
und den Mond zu erforschen.

Doch dann bauten wir Zäune
aus Holz und Stacheldraht,
um unser Hab und Gut zu beschützen.

Wir zogen endlose Mauern hoch,
aus Steinen, lang und breit,
um andere Menschen auszuschließen.

Wir errichteten Länder und Staaten,
mit eigenen Regierungen,
um unsere Interessen zu wahren.

Wir verbarrikadierten unser Herz
vor Leuten mit fremder Religion und
Hautfarbe, um unsere Seele vor
vermeintlichen Schaden zu bewahren.

… und ich wünsche mir,
wir wären wieder am Anfang.

Besuch von A.

24 Dez

Ich öffne ihm die Tür und spüre den Drang sie gleich wieder zuzuschlagen. „Ist das richtig?“, will ich ihn fragen. Doch mehr als drei Buchstaben bekomme ich nicht raus: „Hey!“
Er nickt und gibt mir so die Antwort auf meine ungestellte Frage, während er seine Hände tiefer in seinen Hosentaschen vergräbt. Ich weiß, dort sucht er Halt. Ich verschränke meine Arme vor meiner Brust und er weiß, ich habe Halt in mir gefunden.

„Ich habe uns Tee gemacht.“
„Mit Milch?“
„Immer.“

Er folgt mir in mein Schlafzimmer und setzt sich neben mich auf den Boden. Vor uns stehen zwei Tassen Tee, um uns schlängeln sich die Tatsachen.

„Wann beginnen die 60 Minuten eigentlich?“
„Ab dem ersten Schluck.“

Wir starren auf die Tassen in unseren Händen und keiner wagt es, den ersten Schluck zu nehmen. Ich tue es schließlich doch. Nicht, weil ich ihn loswerden will. Nicht, weil ich will, dass das hier endlich vorbei ist. Bloß, weil ich will, dass er seinen Radiergummi von meinem Schlussstrich entfernt.

Mit leiser Stimme erzählt er von seinem Umzug, der tollen Küche und dem zu kleinen Bad. Ich erzähle von neuen Menschen in meinem Leben, die das Leben wieder gut machen, von der Uni und meinem neuen Shampoo. Er erzählt von Ängsten, die ihn nachts nicht schlafen lassen, von neuen Lieblingsfilmen und seinen neuen Schuhen. Ich erzähle von Vorhaben, Ex-Freunden und meinem Plan zur Weihnachtsstimmung. Und treffe damit einen wunden Punkt.

„Ich werde nie wieder Weihnachten feiern können.“

Ich nehme seine Hand und male Kreise auf seinen Handrücken. Draußen wird es dunkel, während wir aneinander festhalten. Hier drinnen wird es dunkler, als wir einander loslassen.

Er sagt, er hätte zugenommen. Ich sage, es wäre noch lange nicht genug. Er sagt, er könne wieder lachen. Ich sage, ich könne wieder vertrauen. Er sagt, er hätte was Dummes getan. Ich sage, ich täte das ständig.

Dann schiebt er den Ärmel seines Pullovers nach oben und entblößt nicht nur sein Handgelenk, sondern die Visualisierung seines Schmerzes. Und wir zittern synchron.
Ich muss nicht nach dem Grund fragen, aber tue es doch.

„Ich wollte wissen, wie es sich für sie angefühlt hat.“
„Und? Hast Du es herausgefunden?“
„Nein. Ich habe um Hilfe gerufen, bevor es zu Ende war.“

Seine Stimme zittert, während er mir erzählt, wie er sich Mut antrank, sich in die Badewanne legte, das Messer nahm und nicht schneiden konnte, seine Mutter anrief, weinte und es dann doch tat. Zuerst wurde alles rot, dann schwarz. Als er aufwachte, war alles weiß und er sich bewusst, was er getan hatte.

„Ich wäre gekommen.“
„Ich weiß.“
„Ich hätte Dir helfen können.“
„Ich weiß.“

Mein Kopf spielt mir Szenarien vor. Wären wir damals nicht auseinander gegangen, wäre ich da gewesen, hätte ich Anzeichen gesehen, hätte retten können, was nicht zu retten war.

„Du hättest anrufen können.“
„Ich weiß.“
„Ich hätte…“
„Du hättest es nicht gekonnt.“

Ich lege meinen Kopf auf seine Schulter, da die Erkenntnis zu schwer wird. Ich hätte ihn nicht retten können. Ich sage es mir immer wieder und wieder. Nur um es zu begreifen. Kann es aber doch nicht. Seine kalten Finger liegen auf meiner Wange, als er sagt, er musste es versuchen. Der Versuch war der einzige Weg, um weiter zu kommen.

„Du musstest Dich selbst retten, erinnerst Du Dich?“
Ich nicke.
„Du hast dumme Dinge dafür getan.“
Ich nicke.
„Das musste ich auch.“
Ich verstehe.

Das Schweigen kriecht aus seiner Ecke und hüllt uns in Stille. Wir klammern aneinander fest. Mein Kopf auf seiner Schulter, sein Kopf auf meinem. Seine Tränen fallen auf meine Wange und vermischen sich mit meinen.

Er sagt, seine Therapeutin riet ihm mich zu treffen. Ich sage, wenn das der Grund wäre, solle er gehen. Er sagt, er wäre hier, weil er so wollte. Ich weiß, dass es nicht so ist. Weil es Zeit wurde. Weil es sonst zu spät dafür wäre. Ich sage, es wäre nie zu spät. Er nickt. Ich nicke.

„Die 60 Minuten waren vor sechs Minuten um.“
„Gehst Du jetzt?“
„Ja.“
„Okay.“
„Machst Du auch nach Weihnachten Tee?“
„Für Dich immer.“

Bevor er geht, umarmt er mich. So wie früher. So wie damals. So, als wären wir wieder Freunde. Als er zur Türe raus ist, räume ich die Tassen in die Spülmaschine, halte mich an der Arbeitsfläche fest, um etwas Halt zu finden und weiß, dass ich nach Weihnachten keinen Tee machen werde.

Worte über B.

17 Dez

Immer, wenn jemand von uns geht, hat man diesen einen Gedanken im Kopf: “Ach, hätten wir doch bloß mehr Zeit gehabt!” – Das Problem an dem Gedanken ist jedoch, dass man eigentlich genug Zeit hatte, nur einsehen muss, dass diese Zeit, die wirkte, als würde sie nie enden, plötzlich doch ein Ende hat. Und dann tauchen all die ungestellten Fragen auf, die man noch hätte stellen wollen; all die Dinge, die man hätte tun wollen; all die Worte, die ungesagt blieben. All das lastet dann auf Deinen Schultern. Und Du selbst weißt nicht so recht, wohin mit all dem.

Aber das Hauptproblem ist, dass man, während man um diese ungetanen Dinge und ungesagten Worte trauert, vergisst, wie viel Zeit man eigentlich hatte und wie man diese auch genutzt hat.

So erging es mir zumindest die letzten Tage. Da waren noch so viele Fragen und so viele Dinge, aber vor allem so viele Worte, die ich hätte sagen wollen, aber die keinen Raum mehr fanden.

Und ich habe so fest an all das gedacht, was noch hätte sein können, dass es mir schwer fiel, mich an Dinge zu erinnern, die waren.

Es brauchte seine Zeit, damit ich begriff, wie viel von meinem Großvater eigentlich in mir ist. Wie viel ich von ihm gelernt habe. Manchmal ganz banale, alltägliche Dinge – manche so groß, dass sie meine Welt verändert haben.

Ich war etwa sechs Jahre alt. Der alljährliche Urlaub mit meinen Großeltern und meinem Bruder stand an. Italien, Bibione. Ich war ungeduldig und die Autofahrt fühlte sich an, wie eine halbe Ewigkeit. Als wir dann endlich dort ankamen, gab es ganz viel Meer, noch viel mehr Eis und einen Minigolfplatz. Meer und Eis waren plötzlich ganz uninteressant. Ich wollte nur zu diesem Minigolfplatz. Der Rest war völlig egal. Also habe ich genörgelt und genervt und gebettelt und noch etwas mehr genervt, bis wir dann eines Abends endlich dorthin gingen. Wahrscheinlich war es eh am zweiten Abend, aber die Wartezeit kam mir vor wie eine Ewigkeit.

An der ersten Bahn, umarmte mich mein Großvater von hinten. Seine Hände hielten meine, meine den Schläger und er erklärte mir, wie ich am besten diesen kleinen Ball in das noch kleinere Loch befördere.

Irgendwann kamen wir bei der letzten Bahn an. Bei der schwersten. Ich blickte mich hilfesuchend zu meinem Großvater um. Er nickte zuversichtlich und sagte: “Hau drauf! So fest wie Du kannst!” Das tat ich dann auch. Ich holte aus und schwang den Schläger mit voller Wucht. Und ich traf! Zwar nicht den Ball, dafür das Kinn meines Großvaters. Und anstatt mich zu schellen, sagte er nur: “Das war ein guter Schlag, Liebes.”

Mein Großvater lehrte mich, dass es manchmal wichtiger ist zu verzeihen, als nachtragend zu sein. Dass man in allen Situationen, so schlecht sie auch sein mögen, etwas Gutes sehen kann. Dass man, egal ob beim Minigolf oder im Leben, immer alles geben sollte.

Irgendwann wurde ich älter, aber nicht sonderlich weiser. Ich wollte irgendetwas demonstrieren, was, das wusste ich selbst nicht so genau. Mein Weg war mehr ein Labyrinth als eine Gerade. Da gab es Misserfolge und falsche Abzweigungen, Abwege und Einbahnen. Und der Weg zu meinem Großvater war immer der schwerste. Da musste ich dann gestehen, was ich falsch gemacht habe, welche Entscheidung ich getroffen hatte. Mehr aber musste ich indirekt gestehen, dass ich nicht weiter wusste. Und immer dachte ich, dass mein Großvater so sehr enttäuscht von mir sein würde.

Doch mein Großvater hat immer an mich geglaubt. Und er war nicht enttäuscht von mir, sondern davon, dass ich manchmal selbst nicht mehr an mich glaubte. Denn er wusste damals schon, was ich lange nicht sah, dass ich alles erreichen kann, wenn ich nur an mich glaube.

Mein Großvater lehrte mich, dass der Anspruch, den Du an Dich selbst hast, wichtiger ist, als der, den andere an Dich haben. Dass es in Ordnung ist, hinzufallen, wenn man danach wieder aufsteht. Aber vor allem lehrte er mich, dass, wenn ich mal selbst nicht an mich glaube, es immer jemanden geben wird, der an mich glaubt.

Mein Großvater war immer mehr wie ein Vater für mich. Und ich glaube auch, dass er manchmal so empfand. Er fiebterte und kämpfte mit mir, er lachte und weinte mit mir. Und letztendlich war er immer da, egal wie brennzlich die Situation auch war.

Er lehrte mich, dass man die Menschen, die man liebt an die erste Stelle stellen muss, manchmal sogar vor sich selbst. Dass man immer gemeinsam lebt, nie alleine. Und dass man Wege zusammen geht, egal wie schwer sie auch sein mögen. Und dass, obwohl alles irgendwann endet, es doch immer bleibt.

Balanceakt

27 Nov

„Wo warst Du?“, fragt sie mich und ich balanciere weiter auf den Schienen.
„In Gedanken.“, sage ich und stelle mir vor, die Eisenschiene unter mir wäre ein Seil, gespannt parallel zum Äquator. Tausend Meter hoch. Und ich laufe, einmal quer um die Erde. Beobachte Sonnenaufgänge und -untergänge, gebrochen Versprechen und Herzen, ineinander verschlungene Hände und Leben.

Sie erzählt von Männern und Misserfolgen. Von Leben und Lieben. Von den kleinen Dingen, denen sie zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt hat. Von dem großen Ganzen, das sie nicht versteht. Ich setze einen Fuß vor den anderen. Tausend Meter über mir erzählen Sterne Geschichten vom Universum.

„Ich bin schwanger.“, sagt sie. Und ich setze Fuß vor Fuß, während wenige Meter neben mir neues Leben entsteht. Ich balanciere mein Ungleichgewicht, sie ihre Optionen. Und zeitgleich verlieren wir den Halt.

Ich klopfe mir das Gras von den Beinen, sie wischt sich die Tränen aus dem Gesicht. „Ich hab verloren.“, sagt sie und meint damit ihn, während ich meine Arme weit ausstrecke und erneut versuche die Balance zu halten.

Der Wind weht durch meine Haare und ich lasse mich fallen. Innerlich. Die Arme so weit von mir gestreckt, als wollte ich versuchen all den Schmerz von ihr abzuschotten.

„Was hab ich falsch gemacht?“, fragt sie. Ihre Hände und Lippen zittern synchron, als sie begreift, dass sie ihn zu sehr geliebt hat, sich selbst aber zu wenig. Und ich sehe am Horizont das Licht, das sich aus dem Ende des Tunnels traut.

„Wo warst Du?“, fragt sie. Und fragt mehr nach dem Grund meiner Abwesenheit in ihrem Leben, als nach dem Grund meiner Flucht.
„Bei mir.“, sage ich und gehe einen Schritt auf das Licht zu.

„Wo warst Du?“, frage ich und lasse mich von dem Licht umhüllen. „Ganz woanders.“, sagt sie und der Zug rast auf mich zu wie Katrina auf New Orleans. Und ich springe. Nicht hoch, nicht weit. Aber genug, um für einen Augenblick zu fliegen.

Manchmal muss man eben springen

2 Mai

Es ist der vierte Tag unserer Reise. Ich sitze auf der Terrasse, trinke Kaffee, während Alex in der Küche steht und uns das weltbeste Frühstück der Welt zaubert. Jay schläft noch und schnarcht so laut, dass ich ihn hier draußen noch höre.

Es riecht nach Kaffee, verbranntem Speck und Meer. So so so viel Meer. Es ist das erste Mal seit drei Jahren, dass ich es sehe. Nicht, weil ich nie die Möglichkeit dazu hatte, sondern weil ich mich ohne ihn nicht getraut hatte. Meer war immer unser Ding. Spontan losfahren, egal wohin, Hauptsache ans Meer. Es ist auch das erste Mal seit drei Jahren, dass ich einfach lachen kann.

„Speck ist alle!“
„Ach, mir reichen auch Eier mit Brötchen.“
„Brötchen sind auch alle.“
„Eier reichen auch.“
„Die sind nicht alle, die sind sogar gut durch.“

Alex setzt sich neben mich und wir essen fast verbranntes Rührei mit zu viel Salz aus der Pfanne. Dennoch ist es das weltbeste Frühstück der Welt. Jay schnarcht noch immer.

„Also? Gehen wir zu den Klippen?“
„Wer kann denn dazu nein sagen?“
„Jay.“
„Wenn, dann schnarcht er es.“

Zehn Minuten später leere ich Jay den letzten Schluck von meinem kalten Kaffee ins Gesicht. Er erschreckt sich so, dass er aus dem Bett fällt. Alex macht etwa hundert Bilder davon.

„Klippen?“
„Erst Kaffee, dann Klippen.“
„Den hast Du im Gesicht.“
„Gibt’s den auch in Tassen?“
„Wenn Du welche im Schrank hast.“

Vier Stunden später erreichen wir die höchste Klippe. Fünfzehn Meter unter mir schlagen die Wellen gegen die Felsen, tausende Meter über mir zieht ein Gewitter auf. Alex und Jay gucken ängstlich über den Rand und überlegen laut, was passieren kann, wenn man runter springt. Währenddessen ziehe ich mir Hose, Schuhe und Shirt aus, gehe einige Meter nach hinten, atme noch einmal tief durch und renne los.

Als ich abspringe, höre ich Alex schreien. „Fuck, Ash!“ Ich fühle mich komplett schwerelos. Darüber, dass ich nicht wirklich schwimmen kann, denke ich erst nach, als ich untertauche. Darüber, dass es nicht klug ist, kurz vorm Sturm ins Meer zu springen, denke ich erst nach, als mich die erste Welle gegen die Felsen drückt.

Doch während ich falle ist mein Kopf völlig leer. Die Zeit scheint kurz still zu stehen. Ich schreie so laut ich kann. Nicht vor Angst, sondern vor Freude. Und sehe nur das Wasser unter mir, den Horizont vor mir. Da eine Welle, dort schwarze Wolken und alles fühlt sich so so so unglaublich an.

Das Wasser ist kälter, als ich erwartet habe. Aber eigentlich hatte ich mir darüber keine Gedanken gemacht. In Wahrheit habe ich mir über diese Aktion insgesamt keine Gedanken gemacht. Ich tauche tief ins Wasser ein, drehe mich im Kreis, weiß kurz nicht, wo oben oder unten ist und dann tauche ich auf. Lachend.

Als die erste Welle auf mich zu kommt, tauche ich unter. Als ich wieder auftauche, erwischt mich eine. Ich versuche wieder zu tauchen, schaffe es aber kaum und werde gegen die Felswand gedrückt. Kurz spüre ich meinen Rücken schmerzen, vergesse es aber sobald, ich die nächste Welle auf mich zu rasen sehe.
Ich tauche unter, presse meine Füße gegen die Felsen und versuche gegen das Gewicht des Wassers zu kämpfen.

Irgendwann schaffe ich es ein Stück die Felswand hochzuklettern und mich an einem kleinen Vorsprung festzuhalten. Dort klammere ich mich fest, bis mich zwei Männer von der Küstenwache dort runter zerren und mich zu einem Boot bringen.

Als wir am Ufer ankommen, werde ich von Alex und Jay empfangen, die so aufgewühlt sind, dass sie mich abwechselnd beschimpfen und fest an sich drücken.

„Bist Du irre? Du kannst doch nicht so einfach springen.“
„Konnte ich eigentlich ganz gut.“

Erst jetzt merke ich, dass meine Knie bluten. Und meine Ellbogen. Und meine Handflächen. Und mein Rücken. Kaum sehe ich die Wunden schmerzen sie auch schon. Doch mein Kopf macht sich darüber keinen Kopf.

„Du blutest.“
„Das tut sie eh einmal im Monat. Da ist ein zweites Mal sicher nicht so schlimm.“
„Orrr, Jay!“
„Alter, Jay. Ich will das gar nicht hören.“

Ich grinse. Alex zerrt mich zu einer ersten Hilfe Station. Jay verdreht die Augen.

„Alter. Wieso tust Du so was?“
„Ich glaube, manchmal muss man einfach springen.“

die einzige Konstante

9 Jan

Ich gehe davon. Den bitteren Nachgeschmack noch in meinem Mund. Diesen Nachgeschmack, den nur das Versagen hinterlassen kann. Dieses Gefühl, das kommt und geht, wann es will. Das nicht greifbar, dafür umso spürbarer ist. Das sich einnistet und sich wie Kaugummi in Haaren festklebt.

Habe ich versagt? Etwas, das ich mich immer wieder frage. Eine Antwort darauf finde ich nicht. Vielleicht finde ich auch nur zu viele. Ein Ja. Ein Nein. Ein Vielleicht. Ein Waswärewenn. Etwas zu viel Wissen um den Lauf des Lebens. Ein Leben, das manchmal mehr nimmt, als es gibt, manchmal aber mehr gibt, als es nimmt. Immer im Wechsel. Hoch und Tief. Himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt. Und das Wissen um die einzige Konstante in meinem Leben: Ungewissheit.

2011 – Twitter, Herzen, öpve, danke! <3

24 Dez

Was soll ich sagen? 2011 ist fast rum.

Es war ein merkwürdiges, grandioses, lustiges, verrücktes, trauriges, leuchtendes, glorreiches, anstrengendes, vielsagendes, schweigendes, lautes, leises, illustres und ulkiges Jahr.

Es war alles, aber vor allem ein Jahr mit vielen wundervollen Menschen. Ich danke euch für grandiose, lustige, traurige, weinende, lachende, lange, gute, tiefsinnige, emotionale, wunderwunderwundervolle Gespräche. Für lange Nächte und kurze Ewigkeiten. Für Stunden, die sich anfühlten wie Minuten. Und für Momente, die sich anfühlten wie kleine Ewigkeiten. (keine bestimmte Reihenfolge, außer Lady first.)

  • Ein Herz, eine Seele, ein Mädchen wie kein anderes. Meine Liebe @nachtblau.
  • Mein Schutzkind, mein Mafiamensch, mein :D-Mann. Schnuffelwuffel, @eingenickt.
  • Fotoboxen, Kaffee und High-Five-Deluxe! Stecher! @randalez.
  • Nur ein halber Grieche, dafür ein ganzes Herz. Liebster, liebster @halbgrieche.
  • Lieblingsnerd. Lieblingsfreund. Lieblings@eFrane!
  • Kaffee, Currywurst und die süßeste Nase der Welt: @ZweiCent.
  • Stille Wasser sind tief, lustig, grandios und haben ein eigenes U-Boot. @oOtrinityOo.
  • Geschunden, geeky und irgendwas mit Videospielen. @Graupause.
  • Süßer Dialekt, grandiose Menschen. Mein Schweizfetisch, @Jack_Rackham, @prunio, @souslik.
  • Die wundervolle Grazer Twitteria: @rhisdilien, @lisazora, @beinfreiheit, @pascottini, @ acertainlevin.

Sollte ich jemanden vergessen haben, dann liegt es nicht an euch, sondern an meiner grandiosen Vergesslichkeit.

Ich herze euch.
Immens.

<3

Was war die Frage?

17 Dez

a) Ich habe vor nicht allzu langer Zeit ein Interview gegeben.
b) Wird es wahrscheinlich irgendwann in einem Buch veröffentlicht.
c) sollte man mich nie Monologe führen lassen.
d) so schriftlich liest sich mein Gelaber ganz schön komisch.
e) wtf?!

„Meine Oma sagte immer, dass bis zum Heiraten eh alles gut wird. Ich hab sie dann immer mit weit aufgerissenen Augen angesehen und sie gefragt: ‚Und was wenn mich niemand heiraten will?‘. Darauf wusste sie natürlich keine Antwort. Das hat mir immer Spaß gemacht. Also, nicht nur das, aber ich hab immer schon gerne Fragen gestellt, auf die mein Gegenüber keine Antwort wusste. Das sind dann nämlich die Fragen, die man sich gedanklich dann selbst beantworten muss und über die man sich zu Tode denken kann. Ich mein, ich nicht, ich antworte auf alles. Aus Prinzip einfach. Nicht, dass ich danach nicht drüber nachdenken würde, aber ich würde mir nie nie niemals eine verbale Niederlage erlauben. Einfach mal reden, irgendwas halbwegs Sinnvolles wird dabei schon rauskommen und wenn nicht, dann jongliere ich eben mit Fremdwörtern, das klingt dann wenigstens schlau.

Was war die Frage? Ach ja. Ich glaube daran, dass am Ende alles gut wird. Natürlich ist das völlig pathetisch. Aber ganz ehrlich, dann bin ich halt pathetisch. Ich meine, es gibt ja schlimmeres als pathetisch zu sein. Tot zum Beispiel, wobei das ja sowieso das Schlimmste ist, was einem passieren kann. Aber man kann ja auch dumm sein, da biste dann machtlos.

Ich glaube, ich erklär das am besten an einem Beispiel, um das Ganze hübsch anschaulich zu machen. Stell Dir mal vor, Du bist ein Kind und tollst am Spielplatz rum. Irgendwann fällst Du dann auf die Fresse und blutest ohne Ende. Was machst Du? Du stehst auf. Das ist ja ganz natürlich, wieso solltest Du denn liegen bleiben? Du stehst auf, wischt Dir die Fresse sauber und rennst weiter. Weil, was passiert, wenn Du liegen bleibst? Genau, es wird dunkel und dann? Dann kommt irgendwann so ein pädophiler Spast ums Eck und rammt Dir seinen Penis in den Arsch. Grandios, nicht? Klar, wenn Du dann mal erwachsen bist, fällst Du meistens nur noch im übertragenen Sinne auf die Fresse, was dann ja noch viel mehr weh tut. Da hast Du dann kein Blut, was Du einfach so wegwischen kannst. Da fickt Dich dann auch kein Pädophiler, sondern das Leben selbst und Du kannst nur hoffen, dass es Gleitgel mit hat und es Dir nicht ganz so weh tut. Wobei das Leben ja selten Gleitgel benutzt.

Das Leben ist an sich eigentlich ganz einfach. Wir machen es uns nur kompliziert. Da jammern Menschen jahrelang darüber, wie unglücklich sie doch sind, anstatt sich einmal auf ihren Arsch zu setzen und was dran zu ändern. Klar, sind Veränderungen nicht einfach und man muss sich dazu auch aufrappeln und was tun. Aber keiner kann mir sagen, dass es einfacher ist unglücklicher zu sein. Gut, einfacher schon. Unzufriedenheit ist ja so ein Gefühl, das sich leicht leben lässt und das man wunderbar ernähren kann. Man findet einfach alles solange scheiße, bis man selbst so scheiße ist, dass einen niemand mehr erträgt. Dann ist man noch unglücklicher und verkriecht sich noch mehr in seinem Schneckenhaus. Da lässt es sich ja auch ganz gut unglücklich leben. Und den letzten Freunden, die einem dann noch geblieben sind, erzählt man dann, wie scheiße das Leben ist und die erzählen Dir, wie scheiße ihre Leben sind und alle finden alles scheiße und finden das ganz grandios. Dabei ist alles prinzipiell ziemlich einfach. Unglücklich mit Deinem Job? Na, dann such Dir einen neuen. Unglücklich mit Deinem Partner? Such Dir einen neuen. Oder fick rum, bis was Anständiges dabei ist. Oder bleib einfach mal alleine. Oder such Dir ein Hobby. Irgendwas.

Im Endeffekt ist es nur schwierig etwas zu ändern. Und wir machen uns das alles noch viel schwieriger, indem wir so eine Heidenangst davor haben. Aber ganz ernsthaft, viel schlimmer kann’s nicht kommen. Manchmal muss man der Angst halt einen Arschtritt geben und dann sich und dann seinem Leben und was ändern. Geht nicht anders. Außer man möchte sein Leben lang in seiner lethargischen Unzufrieden versumpfen und am Ende sagen: ‚Ja, war ganz schön scheiße. Hätte ich bloß irgendwas anders gemacht.‘ Dann ist es natürlich zu spät. Und die Moral von der Geschichte? Einfach dann was ändern, wenn es juckt. Wenn mir eine Hose nicht passt, zieh ich doch auch eine andere an und laufe nicht den ganzen Tag in ihr rum.

Also, ja, ich glaube, dass am Ende alles gut wird. Natürlich ist das Arbeit. Natürlich muss man Dinge anpacken, verdrehen, erschlagen, ändern und was weiß ich alles damit machen, aber wenn man immer genau das tut, was einem das Herz sagt, dann kann nicht viel schief gehen und man kann am Ende wenigstens halbwegs stolz auf sein Leben zurückblicken und sagen: ‚War vielleicht manchmal scheiße, aber wenigstens war es ganz schön grandiose Scheiße!‘.“

Antwort an F, Teil II.

8 Dez

 Ich sehe, Du hast dieses Internet noch nicht ganz verstanden. Ich erkläre Dir das mal: Das ist überall und immer da. Nur nie dann, wenn man es braucht. Aber damit Du, falls Du es erneut finden solltest, Lesestoff hast, hier etwas mehr. Ein paar Gedanken. Über Dich, mich, das Leben. Du weißt schon.

Ich habe Dich immer etwas bewundert. Du bist davongegangen ohne wegzulaufen. Ich weiß nicht, wie oft ich mir darüber den Kopf zerbrochen habe. Wieder und wieder. Bis ich vor einigen Jahren eine Platte fand, die Du mir mal geschenkt hast. Die große Janis Joplin. Ich hab sie gestern erst gehört. Und gestern kam auch wieder die Erkenntnis, die ich lange versucht habe zu verdrängen, weil Erkenntnisse Helden immer in ein etwas schlechteres Licht stellen. Nichtsdestotrotz möchte ich vorweg nehmen: Du bist ein Held für mich. Denn auch, wenn es eigentlich heißt, dass die legendären Helden und nicht die wahren Eindruck auf die Massen gemacht haben, so traf das nie auf mich zu. Auf mich haben immer nur wahre Helden Eindruck gemacht. Und Du, mein Lieber, Du warst schon immer ein wahrer Held. Dazu brauchtest Du kein Pferd, keine Lanze, keine Rüstung, nichts was schimmert und glitzert, denn das konntest Du immer schon selbst.

Aber was ich eigentlich wollte: Janis sang es gang treffend: Freedom is just another word for nothing left to lose. Ich glaube, Du hattest nichts mehr zu verlieren. Deswegen konntest Du davongehen. Deswegen bist Du aber auch weggelaufen. Weil es einfach war, als sich diesem Nichts zu stellen. Dass Du Dich diesem anderen Ding gestellt hast, das will ich gar nicht totschweigen, aber das war nur der kleinste Part. Sich Menschen zu stellen war schon immer einfach im Vergleich zu der Schwierigkeit sich selbst zu stellen. Und ich glaube, das konntest Du damals nicht. Davor hattest Du zu viel Angst. Denn was wäre dann auch geblieben? Etwas Erkenntnis? Etwas Versöhnung? Aber vor allem viel Angst.

Weißt Du, ich habe manchmal Angst. Nein, eigentlich habe ich ganz oft Angst. Nein, ich habe ständig Angst. Vor allem. Vor Spinnen und komischen Krabbelviechern, vor komischen Geräuschen und Menschen in der Dunkelheit, vor Anfängen und Enden, vor dem, was ich nicht schaffen könnte, viel mehr vor dem, was ich schaffen könnte, vor der Zukunft und der Wirkung der Vergangenheit, vor Worten und Taten. Aber am meisten hatte ich Angst vor diesen Ängsten. Wer Angst hat und diese auch noch zeigt, der, ja der zeigt Schwäche. Wer schwach ist kann sowieso gleich einpacken. Es dauerte lang zu begreifen, dass Angst eines dieser ganz grandiosen Gefühle ist. Sie kommt schleichend, breitet sich aus, nimmt Dich völlig ein. Aber das, was die Angst so grandios macht, ist, dass man sie überwinden kann. Die Angst, die erschaffst Du Dir selbst und kannst sie Dir demnach nur selbst wieder nehmen. Das, das ist großes Kino. Weil eigentlich müsste man keine Angst haben, aber so sind wir Menschen. Angst ist ein ganz großer Teil unseres Lebens. Im Endeffekt geht es nicht um die Angst an sich, sondern darum, sie als Punching Bag zu benutzen. Eins, zwei, drei. Angst ist raus!

Ängste verbinden Menschen. Das war ja schon immer so. Ich erspare Dir hier nun geschichtliche Anspielungen, die darfst Du Dir gerne selbst ausmalen. Wenn wir es genauer betrachten, gibt es eigentlich nur eine Angst, die Menschen wirklich verbindet: die Angst vor dem Alleinsein. Wer will schon alleine sein? Dann sucht man sich Leute, mit denen man kann, denen man seine Ängste, Gefühle, Wünsche, Gedanken, diesen ganzen wirren Kopfbrei vor die Füße kotzen und sagen kann: „Nimm’s oder lass es.“ Ganz einfach, ganz schwer.

Es gab eine Zeit, da versuchte ich zu wollen, dass mich jeder mag. Anpassungsfähigkeit wie es so hässlich heißt. Aber das stand mir nicht. Dazu habe ich zu viel Meinung und noch mehr Ecken. Es ist halt so, dass man immer auf Leute trifft, die einen nicht mögen und jeder, der sagt, dass es dann nicht an Dir liegt, lügt. Wenn ich einen Menschen nicht mag, dann nicht, weil mir seine Nase nicht passt oder er komische Augen hat oder der Bauch zu dick ist. Solche oberflächlichen Dinge sind Blödsinn. Aber dann mag ich diesen Menschen nicht, weil ich seine Ansichten nicht mag, weil seine und meine Interessen nicht aufeinander passen, weil sein Weltbild nicht in meines passt. Natürlich liegt es da an ihm, dass ich ihn nicht mag. Natürlich auch an mir. Manche Menschen sind nicht kompatible. Manche Menschen werden nie Freunde. Weil man nicht mit allen Menschen auf dieser Welt einen gemeinsamen Konversationshintergrund finden kann, der über Smalltalk hinausgeht. Oder man, wenn es verbal tiefer geht, eben merkt, dass Meinung A und Meinung B nicht zusammenpassen. Manchmal kann das natürlich grandiose Diskussionen hervorbringen, aber ganz oft ist es so, dass man merkt, dass man auf keinen grünen Zweig kommt.

Du kennst mich, ich bin weder ein halbvoll noch ein halbleer Mensch. Entweder voll oder leer, keine halben Sachen, ganz oder gar nicht. Und ich mag Menschen, die ähnlich denken.

Um auf den Ausgangspunkt zurückzukehren: Du warst immer ein weder halbvoll noch halbleer Mensch. Du hast gelebt, bis zum Maximum und am Minimum. Du hattest immer nur ganze Meinungen und feste Standpunkte.

Und Du bist ganz gegangen. Etwas, was ich Dir nie verzeihen kann. Etwas, für das ich Dich immer bewundern werde.

Du warst mein erster wahrer Held. Du wirst mein letzter sein.