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Und? Wird am Ende alles gut? // @sinnsense

16 Jan

Aufstehen

Er saß an ihrem Schreibtisch und suchte sie. Denn sie war weg. Und der Schreibtisch war ihr Leben gewesen. Sie hatte nicht viel hinterlassen, aber alles im Chaos. Dabei war sie immer so ordentlich gewesen. Er sah sie noch vor sich, alles ordnend, und die vorherrschende Unordnung machte ihm Angst. Was hatte sie nur geritten, so gänzlich gegen sich zu handeln?

Sie hatten über das Leben gesprochen, als er sie zuletzt gesehen hatte.

Die oberste Lade, die immer verschlossen war, stand halb offen. Der Schlüssel steckte. Das war ihre Gedankenlade gewesen, wie man noch auf einem halb heruntergerissenen Etikett lesen konnte. Bestimmt hatte sie sie geleert, jeden einzelnen Zettel mitgenommen, wohin sie auch immer gegangen ist. Was wäre sie schon ohne ihre Gedanken?

Sie hatten über das Ende gesprochen, als er sie zuletzt gesehen hatte.

Er fühlte sich wie ein Einbrecher, als er einen Blick in ihr geheiligtes Reich warf, in ihre Schatzkiste der Ideen. Aber nein, als er die Lade ganz aufzog, sah er, dass sie voll war. Sie hatte ihre Worte hier gelassen. Er nahm ein Blatt heraus, um es zu lesen, doch er konnte es nicht. Er nahm noch eines heraus, doch auch dieses war nicht lesbar. Sie hatte ihre Papiere in Tinte getränkt, ihre Geschichten gelöscht. Wer wird sie jetzt sein ohne ihren Ideen?

Sie hatten über das Anfangen gesprochen, als er sie zuletzt gesehen hatte.

Auf dem Tisch lagen Bücher aufgeschlagen übereinander. In manchen waren Passagen markiert, die Seiten der meisten waren aber vollgesogen mit Tinte, wie der Inhalt der Schublade. Über einer Seite war mit dickem Filzer geschrieben: „Gedanken denken. Gedanken machen.“ In einem anderen Wälzer waren die Worte „Das Glück ist das Ziel“ unterstrichen. Ist sie nun glücklich, fernab von hier?

Sie hatten über das Glück gesprochen, als er sie zuletzt gesehen hatte.

Nachdem er die Bücher wieder geschlossen hatte und sie in seiner Not am Boden gestapelt hatte, konnte er den restlichen Dingen, welche die Holzplatte bewohnten, Aufmerksamkeit zuwenden. Da lag eine Kassette, die mit „Der Weg“ beschriftet worden war, er erkannte ganz klar ihre Handschrift. Im nächsten Moment legte er die Kassette in den alten MC-Spieler ein. Zunächst konnte er keine Sprache erkennen, man hörte nur ein unbestimmtes Summen. Offensichtlich hatte sie es überspielt. Er wollte schon die Stop-Taste drücken, als plötzlich laut eine alte Stimme zu vernehmen war. „Es geht immer um das Machen. Wer nicht handelt, wird gehandelt.“ Hat sie die entscheidende Aktion gesetzt?

Sie hatten über das Tun gesprochen, als er sie zuletzt gesehen hatte.

In ihm wuchs mit jeder Schicht, die er in ihrer kleinen Welt freilegte, ein Gefühl der Neugier. Sie hatte etwas herausgefunden und das hatte sie dazu gebracht, zu gehen. „Wer nicht geht, kommt niemals an.“, stand auf der Tischplatte, als er zu ihr durchgedrungen war. Da war ihre Erkenntnis. Seine Spurensuche erschien ihm jetzt wie eine Expedition, die er unternommen hatte und welche diese Erkenntnis, gleichsam ihr Herz, zum Ziel hatte. Hat sie ihre Welt wahr gemacht?

Sie hatten über die Wahrheit gesprochen, als er sie zuletzt gesehen hatte.

Er nahm sich noch einmal des Inhaltes der Gedankenlade an. Irgendetwas müsste sie doch aus diesen Blättern herausgelesen haben, irgendeine Phrase aus ihrem Ideenschatz hätte sie bestimmt dazu bewegt, zu tun, was sie nun tat. Aber die Bögen waren, so wie er es zuvor gesehen hatte, zur Gänze geschwärzt. Sie hatte die Inhalte aus der Welt geschafft, um ihr schweres Herz von ihrem Gewicht zu befreien. Sie hatte Platz für Neues geschaffen. Womit hat sie vor, es zu füllen?

Sie hatten über das Aufstehen gesprochen, als er sie zuletzt gesehen hatte.

Als er den letzten Gedankenzettel auf der Lade nahm, sah er, dass dieser anders war. Er war nicht schwarz wie die anderen. Er war leer, keine ihrer Notizen hatten ihn geschmückt. Nur ein Satz stand darauf, wie eine Botschaft an ihn kam es ihm vor: „Ich habe mein Glück gefunden, ich gehe es jetzt holen.“

geschrieben von @sinnsense, der hier Kopftheater veranstaltet. 

Und? Wird am Ende alles gut? // @kotzend_einhorn

15 Jan

Weniger nachdenken, mehr küssen. Das sollte mein Motto werden.

Ich denke zu viel. Das klingt jetzt unglaublich sophisticated, ist aber eigentlich genau das Gegenteil. Nämlich dumm. Wenn ich denke sind das Assoziationsketten. Eine Verkettung von Wissen das ich habe oder was ich mir einbilde zu haben. Ich bin nicht übermäßig intelligent und ich denke auch nichts Sinnvolles. Es ist nicht so als ob ich mathematische oder sonstige Probleme löse. Meist denke ich daran wie alles kaputt geht oder was alles kaputt gehen könnte und merke nicht, wie das alles kaputt macht.

Sie schneidet mir die Haare während ich auf einem Stuhl sitze und dreht sich zu mir während ihre Hand vom Nacken zum Gesicht streicht und auf der Wange liegen bleibt. Sie beugt sich runter und fragt, ob sie wirklich mehr abschneiden solle. Ich sage ja. Und sie bleibt stehen und schaut mir in die Augen. Ich möchte sie küssen und dann denke ich nach. Wie das damals war, was schief ging, wie wir uns weh taten und ich sehe wie alles kaputt geht. Dann ist es vorbei. Ich bilde mir noch ein ihre Hand genommen zu haben, habe ich aber wahrscheinlich nicht. Sie schneidet weiter.

Meine letzte Bahn ist schon weg und sie sagt, dass ich bei ihr bleiben könne. Ich lege meine Kleider ab und sie liegt im Bett und meint, dass ich entscheiden könne. Ich dürfe auf dem flauschigen Teppich schlafen oder bei ihr. Wir liegen nebeneinander und starren an die Decke. Manchmal guckt sie rüber und manchmal gucke ich rüber.  Und ich denke nach. Dass sie bald wegzieht, ob ich das will. Ob ich nur diese Nacht will, ob ich mehr will. Ob ich wenn ich mehr wollen würde auch sie besuchen fahren würde und wenn ja wie oft. Und ich schlafe ein und als wir aufstehen und frühstücken wollen sitzt ihre Mitbewohnerin da und guckt erst mich, dann sie an und ich merke wie sie mit dem Kopf schüttelt.

Und nein, ich glaube nicht daran, dass am Ende alles gut wird. Ich hoffe es vielleicht,  aber denken tue ich stets ans Ende. Daran wie alles zerbricht. Und wenn Du mich das erste Mal küsst schmeckst Du bestimmt den Fatalismus und merkst wie ich Dich anstarre, weil ich in Gedanken schon da bin wo wir nicht mehr miteinander reden.

geschrieben von @kotzend_einhorn, der hier ganz grandios bloggt!

Und? Wird am Ende alles gut? // @dramalovesme

12 Jan

„Ob ich glaube, dass am Ende alles gut wird?“ Ich würde die Stirn runzeln, verächtlich die Augenbraue heben und die Lippen aufeinander pressen, damit mir ja nichts unglaublich verletzendes für mein Gegenüber herausrutschen würde. Ich würde mich auf meine Hände setzten und verkrampft mit den Schultern zucken. Und dann würde ich das Thema wechseln, ganz schnell.

Aber das ist alles rein hypothetisch. Mich hat das noch nie jemand von Angesicht zu Angesicht gefragt, also musste ich mir auch noch nie wirklich eine Antwort überlegen. Auch wenn mein ganzes Leben eigentlich die Antwortfindung auf eben diese Frage ist.

Wird am Ende alles gut?Wir alle wurden dazu erzogen, positiv zu sein, daran zu glauben, an was auch immer, an das Glück oder das Schicksal, also würde man natürlich gerne: „Ja, ja, auf jeden Fall, anders kann es doch gar nicht sein!“ antworten – aber wen will man hier verarschen? Wenn man ein bisschen älter als 8 Jahre ist, dann weiß man meistens schon ziemlich gut, dass nicht immer alles gut wird – warum dann das Ende? Diese Vorstellung ist eigentlich sogar ziemlich unlogisch. Wie oft sind die Dinge gut gelaufen und wie oft schlecht? Sie sind so viel öfter schlecht gelaufen. Bei mir zumindest. Oder eben mittelmäßig. Mittelmäßig ist nicht schlecht, das weiß ich, aber es ist eben auch nicht gut und es fällt eher in den Minus- als den Plusbereich. Wie viele Plus kann man bis jetzt verbuchen? Wie viele Minus? Hält sich die Waage? Nein, bei mir nicht.

Ich bin jung, gerade 16 geworden und bis zum Ende ist es noch ein Stück. (Hoffen wir es mal.) Ich werde noch einige Chancen bekommen, es richtig zu machen, hinzubiegen, den richtigen Weg einzuschlagen, Entscheidungen zu revidieren und kluge Sachen zu sagen und hoffentlich auch ein paar zu machen. Ich kann noch Pläne machen und Träume haben, sie sogar realisieren, weil ich in einer ziemlich guten Zeit lebe. Meine Wunden können noch heilen, wenn die Zeit wirklich das Zaubermittel ist, denn davon habe ich massenweise.

All diese Dinge sollten mich doch dazu veranlasse, zu glauben, dass am Ende alles gut wird, nicht? Ja. Die Antwort auf diese Frage kann nur ja lauten. Aber ich kann doch nicht dieses Ziehen, diesen Widerwillen in meinen Fingern und auf meiner Zunge, dieses heftige Kopfschütteln, das ich automatisiert habe, ignorieren, oder? Das kann und ich will ich nicht tun. Selbst wenn es nur schwarz und weiß gibt, gibt es immer noch schwarz und nicht nur weiß. Man muss beide Seiten sehen, versuchen, das Ganze zu verstehen. Und bei dieser Frage ist das Ganze das Leben. Das Leben! Es gibt keine größere Sache als das Leben und wenn man eine Sekunde zu lang darüber nachdenkt, wird man wahnsinnig.

Ich hab‘ dieses eine Leben, ich hab’s in meinen Händen, denn dort halte ich auch die Rasierklingen und Pistolen und mit ihnen knote ich den Strick. Das Leben ist mehr als atmen oder eben nicht, das wissen die meistens. Ich will gar nicht versuchen, es in Worte zu fassen, denn ich habe einfach nicht genug Ahnung und selbst für das bisschen, was ich weiß, reichen meine Worte nicht. Ich will nur sagen: Wie kann man sich bei gesundem Menschenverstand darauf verlassen, das etwas wie das Leben gut ausgeht? Das ist doch Irrsinn. Das ist doch pure Dummheit. Und trotzdem, ich will es glauben. So sehr.

Es gab so viele Menschen bis jetzt. Wieso sollte man zu den Glücklichen, zu den Gewinnern gehören? Weil man sich genug angestrengt hat, die guten Entscheidungen getroffen hat, weil man eine Menge für’s Karma gemacht hat?

Selbst wenn das alles nichts gebracht hat oder bringt, dann braucht trotzdem jeder etwas, an dem er sich festhalten kann. Sogar ich. Irgendwo tief drinnen habe ich diesen Kompromiss mit mir selbst geschlossen, mir ein bisschen Hoffnung erlaubt. Denn vielleicht zeichnet sich das gute Ende durch etwas aus, das man sich nicht vorstellen konnte, all die Jahre, in denen es nicht so lief, wie man wollte.

Vielleicht wird alles gut, wenn das Verlangen gestillt wird. Das Verlangen nach etwas, das ausreicht.  Ausreicht, um all die Dinge, die man niemals hinbekommen wird, die immer ein bisschen falsch sein werden, in den Hintergrund und dort ins richtige Licht zu rücken.

Ich weiß nicht, was das ist. Die Liebe, die Weisheit mit dem Alter, Eltern werden, irgendwas großes erschaffen, ein Meisterwerk malen, schreiben, aufnehmen, Freundschaften, die alles überstehen werden, den Ort finden, an dem allein sein überhaupt nicht mehr wehtut. Oder etwas ganz anderes.

Ich weiß nicht, ob am Ende alles gut wird. Das weiß nämlich keiner. Ich hoffe nur eine einzige Sache wirklich. Ich hoffe, dass mich eines Tages irgendwas davon überzeugen wird, dass manche Sachen, manche Schmerzen, nicht ganz so wichtig sind – und das es sich verdammt noch mal gelohnt hat, die ganze Zeit zu zweifeln und so viele Tage am Abgrund des Wahnsinns zu verbringen, weil man nicht wusste, wofür man das gerade tut. Dass es sich gelohnt hat, durchzuhalten. Bis zum Ende. Diese Gewissheit möchte ich haben. Und wenn’s nur eine Sekunde ist und die nicht mal am Ende, dann wäre das trotzdem genug. Nur passieren muss es. Nur gut werden muss es irgendwann mal.

// geschrieben von @dramalovesme!

Und? Wird am Ende alles gut? – 01 / @girlontravel

9 Jan

Die Erste in der Reihe: @girlontravel und ihre Antwort auf die Frage „Und? Glaubst Du, dass am Ende alles gut wird?“

„Und was willst du mal werden?“ – „Ich werde Prinzessin. Und Tierärztin. Ich werde Seiltänzerin und Autorin. Und irgendwann werde ich mal glücklich. Das weiß ich und das wird ganz sicher auch so kommen“. So oder ähnlich könnte meine Antwort auf die Fragen aller Fragen aussehen. Tut sie aber nicht. Und warum tut sie das nicht? Weil ich absolut keine Ahnung habe.

Ich bin vielleicht eine von Wenigen, die ihr Leben schon geplant hat. Eine von Wenigen, die weiß, was sie nach dem Abi machen will.

Ich beende mein Abi mit einem Notendurchschnitt, der besser ist, als 2,5. Ich ziehe für ein Jahr nach Berlin, mache dort FSJ und studiere anschließend in Kiel Kommunikationsdesign. Dann arbeite ich wo auch immer, lerne dort meinen zukünftigen Mann kennen, gründe eine Familie und wenn die Kinder aus dem Haus sind mache ich mit meinem Mann eine Weltreise. Danach setzen wir uns an einem Haus am Meer zur Ruhe.

Denkste.

Nichts kommt so, wie man denkt. Mein Abi kann ich bei meinen derzeitigen Leistungen in die Tonne hauen. Wenn ich überhaupt eins bekomme. Lehrer haben da ja immer so ihre Eigenarten.  Und ob meine anderen Planungen auch nur in ähnlicher Weise in Erfüllung gehen steht auch noch in den Sternen.

Das Leben macht, was es will. Du entscheidest da gar nichts. Ich weiß nicht, was kommt, ich weiß nicht, wohin der Weg des Lebens führt, ob er sich vielleicht auch ständig ändert.

Ich kann mir gut vorstellen, wie irgendwer in einer großen Regiezentrale vor einem riesigen Monitor sitzt, mit einem Butterbrot in der Hand, Krümel auf seinem runden Bauch und ein Krümel auf der Tastatur. Und der muss da weg. Pusten hilft nichts, also mit spitzen Fingern zugreifen und dabei zufällig durch irgendeine Tastenkombination die Richtung des Lebens der unten stehenden Figuren ändern. Und dann geht der Weg halt in eine andere Richtung. Egal, ob es eine positive oder negative Richtung geht. Der Krümel ist ja weg, also ist ja alles gut.

Enttäuschungen kommen und werden durch tolle Erlebnisse schön geschmückt mit Lametta und bunten Sternchen. In einem Moment ist alles gut, im anderen alles scheiße.

Letztendlich entscheidest nicht du über dein Leben, sondern jeder andere. Man kann noch so viele Pläne und Wünsche haben, auf die man hinarbeitet. Die Regeln macht jemand anderes. Und dieser jemand ist wahrscheinlich irgendein fetter, alter Sack, der keinen anderen Beruf gefunden hat, als uns das Leben zu ruinieren und Mauern in den Weg zu stellen, nur weil da irgendwelche dämlichen Krümel stören. Er ist ja nicht Schuld. Das Brot ist Schuld. Oder wir, denn wir sind ja immer Schuld. Jeder ist ja für das verantwortlich für das, was er tut. Aber ob man diesen Weg hätte gehen wollen, fragt niemand.

Trotzdem glaube ich, dass alles gut wird. Auch, wenn es anders wird, als man es sich vorgestellt hat, denke ich, dass wir irgendwann ein Ziel erreichen. Das wiederum finde ich allerdings beängstigend. Nicht zu wissen, was mich erwartet und doch zu wissen, dass mich etwas erwartet. Vielleicht wird es ein Ziel sein, welches wir selbst  nicht gewählt hätten, welches auf den ersten Blick aussieht wie ein schwarzes Loch, aber bei genauerem Betrachten vielleicht genau das richtige Ende für die Geschichte unseres Lebens ist.

Some people never go crazy.

8 Apr

Ich habe den wundervollen, grandiosen, großartigen, erotischen, hübschen, intelligenten Snow_One dazu gebracht, sich hier wörtlich zu übergeben. Viel Spaß.

Tschelli hat mir dieses Zitat vom guten alten Charles Bukowski gegeben:

„Some people never go crazy. What truely horrible lives they must lead.“

Ich kannte Bukowski nicht. Bildungslücke, ich weiß. Naja, nicht die einzige, da fällt der auch nicht mehr ins Gewicht. Habe nachgelesen. Bukowski war so eine Art Ernest Hemmingway in etwas unbekannter. Oder auch vergleichbar mit dem Hauptdarsteller aus Fear and Loathing in Las Vegas, nur dass er nicht so einen guten Anwalt hatte (den Film kennt ihr. Nämlich.). Bukowski war ein famoser Schriftsteller, der aber wie viele seiner Gattung regelmäßig sternhagelvoll war. Außerdem war er mal im Knast und in der Psychiatrie, hatte kein besonderes Glück bei den Frauen und hat auch sonst viel an die Wand gefahren. Allerdings war er eloquent und wusste seine Misere immer geschickt in Worten zu beschreiben. Das klingt jetzt alles sehr nach Twitter und euch, ich weiß. Leider ist er schon 94 gestorben. Das wird ihn auch ärgern, falls er dazu noch fähig ist. Noch 12 Jahre dann wäre er unter seinesgleichen gewesen. Er gehörte zum Gonzo Journalismus, also ebenjenen, bei denen die Protagonisten des Romans gewissermaßen autobiographisch waren, man sich aber immer noch rausreden konnte, dass nicht alles exakt so passiert ist, weil man sonst gleich wieder hinter schwedischen Gardinen säße und wie gesagt: Er hatte einen eher mäßigen Anwalt.

Nun ist es aber Zeit, euch intuitiv zu erzählen, was für Gedanken bei dem Zitat in mir aufsteigen.
Ich werde bewusst nicht jeden Satz mit meinen (wie gewohnt miesen) Gags garnieren. Humor ist eine gar wundervolle Sache, aber wenn ich etwas mir wichtiges vermitteln will, streue ich ihn eher sanft ein, damit er meine Message nicht überlagert. Ich hoffe, ihr versteht. Oder auch nicht. Dann habe ich immer noch meine Saubsaugerbots als treue Follower. Und Tschelli.

Der Typ hatte einiges am Start, was den Grad an Verrücktheit anbelangt. Sieht man auch gut in allen seinen 40 Romanen, die ich als Vorbereitung auf diesen Blogpost aufs penibelste durchgearbeitet habe. Ok, aber man kann es zumindest aus seiner Biographie herauslesen. Klar erscheint mir intuitiv richtig, dass an gewisser Grad an Verrücktheit, eindeutig dazu beiträgt, ein glückliches Leben zu führen, das sich einen selbst verwirklichen lässt (kann man das so schreiben? Favt es einfach trotzdem). Dennoch ist dies natürlich keine Aufforderung deswegen gleich „ein bisschen crazy“ in seine Bio zu schreiben. Nehmt lieber ein Scooter Zitat, das erscheint da weitaus tiefgründiger („Love, Peace and Unity, Siberia the place to be“).

Wenn ich allerdings das Zitat und das Leben von Bukowski auf mich wirken lasse, gilt es gewiß auch, etwas aufzupassen und genauer hinzuschauen. Wenn man crazy als individuell und seiner Bestimmung folgend verstehen kann, hat er meine Zustimmung. Basiert es allerdings auf dem massenhaften Konsum bestimmter Substanzen und Eskapismus würde ich vielleicht einen kleinen Schritt von meiner absoluten Zustimmung zurücktreten. Man kann von Charlie Sheen ja auch kein Selbstbewusstsein lernen, da es ein fragiles Konstrukt ist, das bei einem Beben der Stärke 2.0 ziemlich kläglich in sich zusammenfallen würde. Drogen kreieren eben manchmal (naja, oft) einen Mantel der Diffusheit und Illusion, der authentische, von Herzen kommende Individualität eher verdeckt.

Ganz ohne Frage finde ich es toll, das Charles die Menschen erinnert über ihre (eingebildeten?) Grenzen hinauszugehen. Dennoch will ich an dieser Stelle anmerken, dass innerer Frieden meiner Meinung immer wichtiger als Individualität sein sollte. Auch ich hatte in meinem Leben Phasen, in denen ich um jeden Preis individuell und exquisit sein wollte. Das funktioniert meiner Erfahrung nach nicht lange, beziehungsweise hängt damit zusammen, wie lang es dauert bis sich die Intelligenz des eigenen Herzens meldet. Sie warf in meinem Fall Zweifel über mich, die sich solang verdichteten , bis ich etwas wohl sehr wichtiges einsehen musste: Dieser verdammte innere Frieden scheint wichtiger zu sein als Geld. Scheint wichtiger zu sein als Dinge, in denen ich erfolgreich bin, aber die ich nur weiterhin betreibe, weil ich eben erfolgreich darin bin. Er scheint wichtiger zu sein als Individualität, die nur von meinem Ego kommt. Von meinem bloßen Bedürfnis die (illusorische) Trennung zwischen mir und anderen zu verstärken.

Ich will damit etwas aufgreifen, was mir in unserem Individualismuskult oft auffällt. Diese Einzigartigkeit um jeden Preis, die nicht daher kommt meditativ nach innen zu schauen und mich ernsthaft zu fragen, was mein wahres Wesen denn nun wirklich will. Ich weiß, dass es Zeitpunkte in meinem Leben gab, da hätte ich einer vollkommen glücklichen Gesellschaft den Rücken zugewendet, um nicht zu diesem pseudo dauergrinsenden LSD Pack dazuzugehören. Dies war der Holzweg. Ich kenne den mittlerweile sehr gut. Ich bin den Holzweg auf und ab gelaufen. Habe mir aber irgendwann zu viele Spreißel eingefangen und befinde mich nun auf einem neuen Holzweg, den ich noch nicht genau identifiziert habe, aber diese Zeit wird kommen. (Hoffentlich, ey)

Eine Frage, die ich mir in meinem Leben mittlerweile gerne stelle, ist, ob ich in irgendeiner Form eine Rolle spiele. Ich weiß ja, wie anfällig ich dafür bin. Ich will individuell sein und zack spricht durch mich nicht mehr mein wundervolles Herz sondern irgendetwas, dass ich mal für cool befand und immer weiter in mich aufnahm. Ihr versuche dies in letzter Zeit nebenbei erwähnt auch bei Twitter. Klar ist die Resonanz dort meist eher positiv und ein Sternenhagel bricht über einen herein, wenn man jemanden gekonnt verurteilt. Aber mir fiel im Laufe der letzten Jahre immer mehr auf, dass dies etwas ist, was ich nicht will. Ich will andere nicht verurteilen, weil ich in meinem Kern ein tiefes Verständnis entwickelt habe, dass ich dies gar nicht könnte, selbst wenn ich wollte. Menschen sind zu komplex. Mir ein wirkliches Urteil über jemanden bilden, ist bei genauerer Betrachtung eine ziemliche Unmöglichkeit.

Noch etwas, das mir eher bei anderen auffiel: Könnte es sein, dass ich versuche jemand zu sein, der besonders dramatisch wirkt? Der jemand anderen, und zwar nur eine einzelne Person, besonders vergöttert? Ich tat dies sicher auch einmal. Bis irgendwann das Verlangen auftrat, die Liebe auszudehnen. Ich finde es ehrlich gesagt immer wieder famos, dass Twitter ein Netzwerk ist, in dem der Liebe ein so großer Stellenwert zugemessen wird. Alles andere würde jegliche Ästhetik zugrunde gehen lassen. Dennoch ist mein Traum, dass sich diese Liebe erweitert. Warum in meiner Rolle bleiben, einen einzigen Menschen zu vergöttern, wenn ich ein wahrer Philanthrop werden könnte, der nach innen lauscht und spürt, dass er mit anderen Menschen mehr verbunden ist, als diese optisch getrennte Welt uns vorspielt.

Was ist also ein „truely horrible life“. Meiner Ansicht nach gewiss ein Leben ohne den richtigen Grad an Durchgedrehtheit. Da hat Charlieboy Recht! Aber mir persönlich ist die Quelle wichtig. Woher kommt meine Verrücktheit? Von Alkoholkonsum? Irgendwelchem anderen Zeug? Vom Kopieren anderer Leute, die ich für cool befand? Von der Glorifizierung meines Verstandes, der sich von anderen um jeden Preis absetzen will? Oder aus meinem wahren Selbst, dem was wir umgangssprachlich Herzen nennen? Nur die letzte Möglichkeit eröffnet die Chance ein Leben zu führen, das nun wirklich keinesfalls „truely horrible“ ist. Alles andere steht auf einem sehr brüchigen Boden. Vielleicht hat man einen doppelten Boden, aber der wäre ja auch nur dünnes Eis, das wiederum auf wackligen Beinen steht.

Cheers, Stephan (Snow_One)

Glücklicher und heiterer

9 Mrz

Hier heute für euch: Der wunderbare Timm Kandziora, der nicht nur twittert, sondern auch bloggt und sich etwas mit einem Zitat aus Das Glasenperlenspiel von Hermann Hesse auseinander gesetzt hat.

„Wenn wir einen Menschen glücklicher und heiterer machen können, so sollten wir es in jedem Fall tun, mag er uns darum bitten oder nicht.“

Der Satz ist schön. Wahr.
Ich las ihn einmal, zweimal und noch viele weitere Male.
Ich dachte lange darüber nach, bevor ich wirklich darüber nachdachte. Ich dachte zuerst nur oberflächlich, dann aber nahm ich mir die einzelnen Worte ins Auge. Mir fiel der nicht vorhandene Unterschied zwischen „glücklicher“ und „heiterer“ auf. Glücklich? Wie kann man einen Menschen glücklich machen? Ich dachte das erste Mal allgemein darüber nach, da meine geistige Gesinnung eher zum Egoismus und zur Misanthropie gehört. Glücklich, dachte ich, kommt nicht von „Glück“. Ich meinte zu wissen, was glücklich bedeutet, doch ich konnte mir nicht viel darunter vorstellen, weil ich selbst nicht wirklich glücklich bin. Glücklich sein, denke ich, bedeutet einfach, wenn man im Inneren lacht. So, zurück zum Grundsatz, wie kann man jemanden dazu bringen, im Inneren zu lachen? Mit Witzen? Nein, das verschiebe ich auf das Wort heiter. Glücklich machen. Ich bilde mir eine Metapher:
Du klammert Dich an einem Stein fest, der in der Mitte eines riesigen Wasserfalls verwurzelt ist. An der Seite steht ein Freund, Du blickst ihn an.

Heiterer machen: Man erzählt Dir einen Witz oder stellt die Situation als ganz und gar nicht schlimm dar. Du bekommst ein leichtes Schmunzeln auf die Lippen. Du willst Dich nicht fallen lassen, hältst an dem Stein fest, bis Du kraftlos abrutscht und in die Tiefe stürzt.
Glücklich machen: Dir wird gesagt, was in Deinem Leben toll war. Man sagt Dir, dass, selbst wenn Du gleich stirbst, Dein Leben rückblickend ein schönes war. Du erinnerst Dich, denkst daran, bekommst dieses innere Lachen. Du lässt Dich fallen, zufrieden.

Ein wirklich guter vergleich ist das nicht, wer ist beim Sterben schon glücklich.
Egal, das „glücklicher“-Thema haben wir geklärt. Das „heiterer“-Thema auch, weil ich heiter nur als Synonym zu lustig kenne. Mir kam sowieso der Gedanke, dass heiter nur ein Bestandteil von glücklich sein kann. Ein minimaler. Deswegen die explizite Gleichstellung von Hesse.
In Anbetracht dessen, dass Hesse bei den Worten „glücklich“ und „heiter“ den Komparativ verwendet, erschließe ich mir, dass mein einen Menschen, der nicht glücklich/heiter ist, auch nicht dazu bewegen kann, dies zu werden. (Ob es Menschen gibt, die kein Stück glücklich/heiter sind, bleibt dahingestellt.)
Hesse sagt, man soll einen Menschen immer glücklicher und heiterer machen.
Hesse sagt, man soll einen Menschen glücklicher und heiterer machen, wenn man kann.
Wann kann man das? Ich denke, dass man das immer kann. Man kann das zu jedem Zeitpunkt, an jedem Ort, bei jeder Stimmungslage. Sogar bei jedem Menschen, ob Feind oder Freund.
Ob uns jemand darum bittet oder nicht, machen sollte man es immer. – So Hesse.
Ich finde, man sollte es als Zeichen ansehen, wenn Du nicht darum gebeten wird. Man sollte sich ernsthaft Gedanken machen, wenn niemand nur einmal mit Dir das glücklich-Sein teilen will. Wenn einen keiner darum bittet, ist es eine sogar noch größere Bitte nach dem glücklich-Sein als die Bitte darum.
Deshalb pflichte ich Hermann Hesse bei und bitte euch, genau das zu tun. Macht jemanden glücklicher und heiterer, wenn ihr könnt. Ihr könnt!
Es tut nicht nur den Anderen gut, das eigene Gewissen lacht doch auch mit. <3

Der glücklichste und traurigste Tag in meinem Leben.

7 Mrz

Ihr Herzen. Heute für euch der wundervolle Malte, der nicht nur twittert und bloggt, sondern sich auch ganz schnell in kleinen, österreichischen Facellaherzen einnistet.

Aufbauend auf einem Zitat aus dem Buch „Die Geschichte der Liebe“ von Nicole Krauss, hat er hier etwas für mich, für euch, aber vor allem für sich selbst geschrieben. Zurücklehnen, lesen, genießen.

 

„Ganz und gar nicht. Die Tatsache, dass du heute etwas glücklicher geworden bist, ändert nichts an der Tatsache, dass du auch etwas trauriger geworden bist. Jeden Tag wirst du beides etwas mehr, was bedeutet, dass du genau jetzt, in diesem Augenblick, so glücklich und so traurig bist, wie noch nie in deinem Leben.“

 

Ich habe lange über diesen Satz nachgedacht.
Verstanden habe ich nicht.
Es gab in meinem Leben schon glücklichere Tage als heute.
Es gab in meinem Leben auch schon traurigere Tage als heute.
Wenn man aber jetzt das gesamte Glück und die gesamte Trauer meines Lebens zusammennimmt und dann diesen Tag drau fpackt, dann ist das tatsächlich der glücklichste und gleichzeitig traurigste Tag in meinem Leben.

Vielleicht ist es in mir drin, das gesamte Glück meines noch jungen Lebens.
Es ist in meinen Erinnerungen an die wundervollen Momente, in denen alles leicht war und bunt und die mir viel bedeuten.
Es ist in meinen Träumen.
In den Träumen, die ich vergessen habe, denen die ich aufgegeben habe, den Träumen, die ich verwirklichen konnte und den Träumen, die noch zu Momenten und schließlich zu Erinnerungen werden sollen.
Vielleicht ist sie in mir drin, die Trauer.
In den Erinnerungen an die Momente, in denen ich keinen Ausweg gesehen habe und in den Erinnerungen an die Momente, in denen ich nicht mehr nach einem Ausweg gesucht habe.

Heute war ein guter Tag.
Der Himmel war blau, die Luft warm.
Ich war einen großen Teil des Tages mit meinem Hund im Wald spazieren.
Ich habe ein Kind lachen gehört und konnte das Glück seines Vaters in dessen Augen erahnen.
Ich habe Musik wiederentdeckt, die ich vor langer Zeit verloren hatte.
Ich habe einen Teil meines Lebens geteilt, mit den Menschen die mich verstehen.
Dieser Tag war voller Glück.
Voller kleiner, guter Momente, an die ich mich schon bald nicht mehr erinnern werde.
Dieser Tag war nur selten traurig.
Als das kleine rote Auto vor der Einfahrt stand und ich für einen Moment glaubte, in dem Auto säße meine Mutter und würde mich abholen.
Nach diesem kurzen Moment des Glücks kam ein Moment der Trauer.
Aber dieser Moment war auch nicht sehr lang.
Heute war kein Tag für Trauer.

Ich habe dieses Zitat oft gelesen.
Ich habe es nicht verstanden.
Man muss es, glaube ich, nicht verstehen.
Jeder kann dieses Zitat anders deuten.
Ich glaube, dass es nicht darauf ankommt, ob das heute der glücklichste Tag in meinem Leben war, ob es ein Tag war, der bereits lange vergangen ist oder ob es ein Tag sein wird, der noch vor mir liegt.
Ich glaube, es kommt darauf an, am Ende jeden Tages, ein bisschen mehr glücklich zu sein und nicht ganz so sehr viel mehr traurig.
Jeder Tag mit Glück ist ein guter Tag.
Und wenn ich dann am Ende meines Lebens, mehr Glück erleben durfte als Trauer, dann hatte ich gutes Leben.

Lebensschnittstelle mit Headset und Webcam

3 Feb

Heute ein Gastbeitrag von dem werten Herrn @gedankenkosmos.

Jeden Abend saßen wir beisammen.

Mal bist Du mit deiner neuen Wollmütze vor mir herum hüpft. Oder schriebst mir kleine Botschaften auf gelbe „Post its“.

Wir verbrachten viele dieser Nächte, in dem einsame Herzen, einfach Zuspruch brauchen oder einen Menschen, der irgendwie da ist. So waren wir füreinander da , bis halt dann nicht mehr. Nicht mehr kann man schwer erklären, die Gründe kaum verstehen. Es hat einfach nicht mehr gepasst, aus ohne wirkliche Gründe.

Uns gab es auch nur im Internet. Eine Lebensschnittstelle mit Headset und Webcam. Dann philosophierten wir einfach herum. Lachten und trafen uns, manchmal auch im Herzen. Auf jeden Fall in unseren Worten. Du gabst mir Mut, meinen Gedanken Spuren und ein Zuhause auf Zeit. Keine Ahnung, was du damals in mir fandest. Wahrscheinlich entsprach ich einem Gefühl, das du gerade gebraucht hast.

Es hat uns niemals außerhalb der Schutzmauern von Twitter und Internet gegeben. Wir beide wollten diesen Schritt nicht tun, jeder für sich selbst, auf seine Weise nicht. Ich gebe zu so wirklich Recht war es mir nicht. Du warst damals das Laute in mir selbst und ein berauschendes Wesen. Verrückt genug mich eine Zeitlang zu tragen.

Die Mechanismen sich im Netz voneinander loszusagen sind so leicht, dass es mit blocken oder löschen getan scheint. Ein Klick da, oder zwei dort, und du löschst den Menschen scheinbar aus. Eine dumme Lüge der Wut, denn alles was bleibt, ist ein Gefühl, dass sie nun zwischen „vergessen wollen und noch da“ in dir feststeckt.

Monate später sind wir uns wieder begegnet. Unbedarft, leise, im Internet. Ein Sternchen an eine Nachricht, ein paar kleine Nachrichten wieder. Es ist nicht das Damals, aber irgendwo wieder ein Jetzt. Denken über die damalige Zeit nicht nach und wissen nicht, was die heutige bringen wird. Eine Freundin von mir sagt gern: „Was soll es bringen, es ist Internet“. Gerade diese Unbedarftheit ist es, was uns eine Weile hält. Es ist doch nur Internet, aber auch ein Mensch dahinter. Mit all seinen Wünschen, Träumen und Fantasien. Unsere sind nun ein Stück gewandert, sind in neuen Menschen gefunden, aber vielleicht erreicht es seinen Ursprung in neuen Schritten, die wir gehen. Auch zusammen.

Am Ende bleibt mir nur zu sagen: „Danke, dass du wieder da bist.“

Kopfkrankheit: Verlieben.

30 Jan

Ihr Herzen! Heute ein Gastbeitrag von dem werten Herrn @kotzend_einhorn. Der übrigens hier auch bloggt.

Facella bat mich etwas über Kopfkrankheiten der heutigen Gesellschaft zu schreiben. Und ich dachte, ich widme mich dem schlimmsten Ungetüm von allen, dem Verliebt sein.

Versteht mich nicht falsch, ich verliebe mich gerne, wenn es klappt. Ich verliebe mich anderseits nicht häufig, was wohlmöglich ein Fehler sein mag. Denn wenn ich es tue, will ich Dich fressen. Mit Haut und Haaren. Das kann durchaus recht anstrengend sein, nicht nur für Dich, sondern auch für mich. Wenn es dann auseinanderbricht – und glaub mir, das wird es – dann sterbe ich, und da ich dann ein wenig Arschloch bin werde ich Dich teilhaben lassen. Am Zerfall. Während mein Herz so verrottet schicke ich Dir Bilder von jedem Stadium. Das Schönste wird das sein, wo sich allerlei Gewürm über die mickrigen fauligen Überreste hermachen.

Die Ironie an der Sache, das Scheißteil wächst immer nach und dann passiert das alles wieder. Verfickte Biochemie, denn seien wir ehrlich, Verliebt sein ist keine Magie. Da ist nichts Mystisches dran. Man lernt jemanden kennen und die Floskel „man kann sich gut riechen“ trifft es ziemlich genau. Dann setzen die körperlichen Dinge ein. Kribbeln und so weiter. Verliebt sein ist so ähnlich wie eine Zwangserkrankung. Menschen, die sich 100-mal am Tag die Hände waschen, ständig putzen oder Schlösser kontrollieren, weisen eine ähnliche Hirnchemie auf wie Verliebte. Teile des Gehirns werden lahm gelegt und andere aktiviert. Vor allem Bereiche im limbischen System, so wie beim Kokainkonsum. Es gibt Überlappungen zwischen Liebe und Sucht. Und wie das so mit Junkies ist, die Typen nerven tierisch. Verliebte auch.

Und dann nach einer Zeit die ausreicht um sich kennenzulernen, ein Kind zu zeugen und wieder abzuhauen, ist alles wieder vorbei. Es gibt kaum was Schlimmeres als jemanden zu verlieren, der neben einem liegt. Ein Freund sagt, er verliebt sich nicht mehr, weil er dann ein Idiot wäre. Bin ich auch, sind viele, vielleicht jeder. Eine Freundin dagegen ist süchtig nach dem Verliebt sein und meint, dieses Gefühl müsse ewig bestehen. Sobald es nachlässt beginnt sie mit der Suche nach jemand Neuem, nur um es wieder zu fühlen. Ich dagegen, ich hab entdeckt, dass nach dem Verliebt sein manchmal was viel Besseres kommt. Allerdings nur, wenn alles gut läuft, wenn man sich anstrengt und weiß was man aneinander fand. Ich mag das Wort Liebe dafür nicht, es ist überstrapaziert, ich habe mal ein neues Wort dafür erfunden. Das haben die Leute dann auch missbraucht und vergewaltigt. Es ist egal wie Du das Danach nennen magst. Dir sollte klar sein, dass das Danach weniger aufregend ist, weniger kribbelt und all das. Aber das ist okay. Und es ist so verdammt erstrebenswert und lass Dir das von jemandem sagen, der das schon versaut hat: Halt Dich dran. Gebe Dir Mühe, halt Dich daran fest, aber klammer nicht. Arbeite dafür, es wird sich lohnen. Und sei es nur für einen Tag.

Und das alles wäre auch gar nicht so schlimm und so problematisch, wäre da nicht dieser Virus. Diese blöde Krankheit, die sich ausbreitet wie ein Feuer im Buschland. Ein dreckiges Ungetüm, nervtötend, triefend und eklig. Aber da musst Du durch um an das Bessere zu kommen. Ihr nennt es Verliebt sein, ich suche noch nach einem Wort dafür. Bisher gefällt mir Passion.