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Besuch von A.

24 Dez

Ich öffne ihm die Tür und spüre den Drang sie gleich wieder zuzuschlagen. „Ist das richtig?“, will ich ihn fragen. Doch mehr als drei Buchstaben bekomme ich nicht raus: „Hey!“
Er nickt und gibt mir so die Antwort auf meine ungestellte Frage, während er seine Hände tiefer in seinen Hosentaschen vergräbt. Ich weiß, dort sucht er Halt. Ich verschränke meine Arme vor meiner Brust und er weiß, ich habe Halt in mir gefunden.

„Ich habe uns Tee gemacht.“
„Mit Milch?“
„Immer.“

Er folgt mir in mein Schlafzimmer und setzt sich neben mich auf den Boden. Vor uns stehen zwei Tassen Tee, um uns schlängeln sich die Tatsachen.

„Wann beginnen die 60 Minuten eigentlich?“
„Ab dem ersten Schluck.“

Wir starren auf die Tassen in unseren Händen und keiner wagt es, den ersten Schluck zu nehmen. Ich tue es schließlich doch. Nicht, weil ich ihn loswerden will. Nicht, weil ich will, dass das hier endlich vorbei ist. Bloß, weil ich will, dass er seinen Radiergummi von meinem Schlussstrich entfernt.

Mit leiser Stimme erzählt er von seinem Umzug, der tollen Küche und dem zu kleinen Bad. Ich erzähle von neuen Menschen in meinem Leben, die das Leben wieder gut machen, von der Uni und meinem neuen Shampoo. Er erzählt von Ängsten, die ihn nachts nicht schlafen lassen, von neuen Lieblingsfilmen und seinen neuen Schuhen. Ich erzähle von Vorhaben, Ex-Freunden und meinem Plan zur Weihnachtsstimmung. Und treffe damit einen wunden Punkt.

„Ich werde nie wieder Weihnachten feiern können.“

Ich nehme seine Hand und male Kreise auf seinen Handrücken. Draußen wird es dunkel, während wir aneinander festhalten. Hier drinnen wird es dunkler, als wir einander loslassen.

Er sagt, er hätte zugenommen. Ich sage, es wäre noch lange nicht genug. Er sagt, er könne wieder lachen. Ich sage, ich könne wieder vertrauen. Er sagt, er hätte was Dummes getan. Ich sage, ich täte das ständig.

Dann schiebt er den Ärmel seines Pullovers nach oben und entblößt nicht nur sein Handgelenk, sondern die Visualisierung seines Schmerzes. Und wir zittern synchron.
Ich muss nicht nach dem Grund fragen, aber tue es doch.

„Ich wollte wissen, wie es sich für sie angefühlt hat.“
„Und? Hast Du es herausgefunden?“
„Nein. Ich habe um Hilfe gerufen, bevor es zu Ende war.“

Seine Stimme zittert, während er mir erzählt, wie er sich Mut antrank, sich in die Badewanne legte, das Messer nahm und nicht schneiden konnte, seine Mutter anrief, weinte und es dann doch tat. Zuerst wurde alles rot, dann schwarz. Als er aufwachte, war alles weiß und er sich bewusst, was er getan hatte.

„Ich wäre gekommen.“
„Ich weiß.“
„Ich hätte Dir helfen können.“
„Ich weiß.“

Mein Kopf spielt mir Szenarien vor. Wären wir damals nicht auseinander gegangen, wäre ich da gewesen, hätte ich Anzeichen gesehen, hätte retten können, was nicht zu retten war.

„Du hättest anrufen können.“
„Ich weiß.“
„Ich hätte…“
„Du hättest es nicht gekonnt.“

Ich lege meinen Kopf auf seine Schulter, da die Erkenntnis zu schwer wird. Ich hätte ihn nicht retten können. Ich sage es mir immer wieder und wieder. Nur um es zu begreifen. Kann es aber doch nicht. Seine kalten Finger liegen auf meiner Wange, als er sagt, er musste es versuchen. Der Versuch war der einzige Weg, um weiter zu kommen.

„Du musstest Dich selbst retten, erinnerst Du Dich?“
Ich nicke.
„Du hast dumme Dinge dafür getan.“
Ich nicke.
„Das musste ich auch.“
Ich verstehe.

Das Schweigen kriecht aus seiner Ecke und hüllt uns in Stille. Wir klammern aneinander fest. Mein Kopf auf seiner Schulter, sein Kopf auf meinem. Seine Tränen fallen auf meine Wange und vermischen sich mit meinen.

Er sagt, seine Therapeutin riet ihm mich zu treffen. Ich sage, wenn das der Grund wäre, solle er gehen. Er sagt, er wäre hier, weil er so wollte. Ich weiß, dass es nicht so ist. Weil es Zeit wurde. Weil es sonst zu spät dafür wäre. Ich sage, es wäre nie zu spät. Er nickt. Ich nicke.

„Die 60 Minuten waren vor sechs Minuten um.“
„Gehst Du jetzt?“
„Ja.“
„Okay.“
„Machst Du auch nach Weihnachten Tee?“
„Für Dich immer.“

Bevor er geht, umarmt er mich. So wie früher. So wie damals. So, als wären wir wieder Freunde. Als er zur Türe raus ist, räume ich die Tassen in die Spülmaschine, halte mich an der Arbeitsfläche fest, um etwas Halt zu finden und weiß, dass ich nach Weihnachten keinen Tee machen werde.

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Manchmal muss man eben springen

2 Mai

Es ist der vierte Tag unserer Reise. Ich sitze auf der Terrasse, trinke Kaffee, während Alex in der Küche steht und uns das weltbeste Frühstück der Welt zaubert. Jay schläft noch und schnarcht so laut, dass ich ihn hier draußen noch höre.

Es riecht nach Kaffee, verbranntem Speck und Meer. So so so viel Meer. Es ist das erste Mal seit drei Jahren, dass ich es sehe. Nicht, weil ich nie die Möglichkeit dazu hatte, sondern weil ich mich ohne ihn nicht getraut hatte. Meer war immer unser Ding. Spontan losfahren, egal wohin, Hauptsache ans Meer. Es ist auch das erste Mal seit drei Jahren, dass ich einfach lachen kann.

„Speck ist alle!“
„Ach, mir reichen auch Eier mit Brötchen.“
„Brötchen sind auch alle.“
„Eier reichen auch.“
„Die sind nicht alle, die sind sogar gut durch.“

Alex setzt sich neben mich und wir essen fast verbranntes Rührei mit zu viel Salz aus der Pfanne. Dennoch ist es das weltbeste Frühstück der Welt. Jay schnarcht noch immer.

„Also? Gehen wir zu den Klippen?“
„Wer kann denn dazu nein sagen?“
„Jay.“
„Wenn, dann schnarcht er es.“

Zehn Minuten später leere ich Jay den letzten Schluck von meinem kalten Kaffee ins Gesicht. Er erschreckt sich so, dass er aus dem Bett fällt. Alex macht etwa hundert Bilder davon.

„Klippen?“
„Erst Kaffee, dann Klippen.“
„Den hast Du im Gesicht.“
„Gibt’s den auch in Tassen?“
„Wenn Du welche im Schrank hast.“

Vier Stunden später erreichen wir die höchste Klippe. Fünfzehn Meter unter mir schlagen die Wellen gegen die Felsen, tausende Meter über mir zieht ein Gewitter auf. Alex und Jay gucken ängstlich über den Rand und überlegen laut, was passieren kann, wenn man runter springt. Währenddessen ziehe ich mir Hose, Schuhe und Shirt aus, gehe einige Meter nach hinten, atme noch einmal tief durch und renne los.

Als ich abspringe, höre ich Alex schreien. „Fuck, Ash!“ Ich fühle mich komplett schwerelos. Darüber, dass ich nicht wirklich schwimmen kann, denke ich erst nach, als ich untertauche. Darüber, dass es nicht klug ist, kurz vorm Sturm ins Meer zu springen, denke ich erst nach, als mich die erste Welle gegen die Felsen drückt.

Doch während ich falle ist mein Kopf völlig leer. Die Zeit scheint kurz still zu stehen. Ich schreie so laut ich kann. Nicht vor Angst, sondern vor Freude. Und sehe nur das Wasser unter mir, den Horizont vor mir. Da eine Welle, dort schwarze Wolken und alles fühlt sich so so so unglaublich an.

Das Wasser ist kälter, als ich erwartet habe. Aber eigentlich hatte ich mir darüber keine Gedanken gemacht. In Wahrheit habe ich mir über diese Aktion insgesamt keine Gedanken gemacht. Ich tauche tief ins Wasser ein, drehe mich im Kreis, weiß kurz nicht, wo oben oder unten ist und dann tauche ich auf. Lachend.

Als die erste Welle auf mich zu kommt, tauche ich unter. Als ich wieder auftauche, erwischt mich eine. Ich versuche wieder zu tauchen, schaffe es aber kaum und werde gegen die Felswand gedrückt. Kurz spüre ich meinen Rücken schmerzen, vergesse es aber sobald, ich die nächste Welle auf mich zu rasen sehe.
Ich tauche unter, presse meine Füße gegen die Felsen und versuche gegen das Gewicht des Wassers zu kämpfen.

Irgendwann schaffe ich es ein Stück die Felswand hochzuklettern und mich an einem kleinen Vorsprung festzuhalten. Dort klammere ich mich fest, bis mich zwei Männer von der Küstenwache dort runter zerren und mich zu einem Boot bringen.

Als wir am Ufer ankommen, werde ich von Alex und Jay empfangen, die so aufgewühlt sind, dass sie mich abwechselnd beschimpfen und fest an sich drücken.

„Bist Du irre? Du kannst doch nicht so einfach springen.“
„Konnte ich eigentlich ganz gut.“

Erst jetzt merke ich, dass meine Knie bluten. Und meine Ellbogen. Und meine Handflächen. Und mein Rücken. Kaum sehe ich die Wunden schmerzen sie auch schon. Doch mein Kopf macht sich darüber keinen Kopf.

„Du blutest.“
„Das tut sie eh einmal im Monat. Da ist ein zweites Mal sicher nicht so schlimm.“
„Orrr, Jay!“
„Alter, Jay. Ich will das gar nicht hören.“

Ich grinse. Alex zerrt mich zu einer ersten Hilfe Station. Jay verdreht die Augen.

„Alter. Wieso tust Du so was?“
„Ich glaube, manchmal muss man einfach springen.“

September war immer mein liebster Monat.

3 Apr

September war immer mein liebster Monat. Alles ist auf einmal einem Wandel ausgesetzt, den nichts aufhalten kann. Die erdrückende Hitze weicht der kühlen Abendluft. Die Natur wird so unerträglich bunt. Die Stille so unerträglich leise.

Dieser eine September hätte der beste aller Zeiten werden können. Ich sehe uns noch, zwischen all den Landkarten, Büchern und leeren Gläsern, im Schneidersitz am Boden sitzend. Du lachst, ich lache mit, weil Du schon immer das schönste Lachen hattest. Vier kleine Sommersprossen auf Deiner Nase. Die kleine Narbe auf Deinem Handrücken. Diese unglaublich unglaublich unglaublich blauen Augen.

Kleine, gelbe Post-Its auf der Landkarte markieren unsere Wunschziele. Eigentlich hätten wir ein großes Post-It über die gesamte Landkarte kleben können. “Na, wo wollt ihr hin?”, höre ich Deine Mutter fragen. Wir sehen uns an, grinsen und antworten synchron: “Überall hin.”

Sie schüttelt lachend den Kopf: “Dann seid ihr aber länger als drei Wochen unterwegs.” Wir sehen uns an, grinsen und nicken synchron.

“Wir sollten Atlantis suchen!”
“Und im Bermuda Dreieck schwimmen!”
“Und nach Fantastica flüchten!”
“Ich glaube, das ist realistisch.”
“Ja, das glaube ich auch.”

September war immer mein liebster Monat. Wir sitzen abends auf der Hollywoodschaukel. Du suchst Sternkombinationen, ich gebe ihnen Namen. Während wir den selbstgemachten Eistee Deiner Mutter trinken und Pläne schmieden, so strahlend, so funkelnd, dass sie den besten Goldschmied neidisch machen würden.

Dein Arm um mich. Mein Kopf auf Deiner Schulter. Eine Decke um uns. Es wird abends langsam frisch, aber das stört uns nicht. Wir sitzen so nah aneinander, dass wir uns wärmen. Die restliche Wärme spendet das Lachen, das durch die Nacht hallt.

“Siehst Du die acht Sterne da? Rund um den großen Stern?”
“Ich glaube, das ist der Känguruelefant.”
“Der große oder der kleine?”
“Mama Känguruelefant.”

September war immer mein liebster Monat. Du schläfst noch, während ich versuche leise aus dem Bett zu krabbeln und dabei genug Lärm mache, um das ganze Haus zu wecken. Auf nackten Zehen tapse ich aus Deinem Zimmer, die Treppe hinunter, ins Wohnzimmer. Deine Mutter hat nichts weggeräumt. Alle Möbel haben wir ganz an den Rand geschoben. In der Mitte, ein Chaos aus Landkarten, Büchern, Kissen und Post-Its.

Ich setze mich genau dazwischen und betrachte, was wir unseren Masterplan nennen. Da ein Ziel, dort ein Traum, dazwischen ein paar Wünsche. Als Deine Schritte hinter mir ertönen, lächle ich. Als Du Dich neben mich setzt, lächle ich mehr.

“Wo genau ist das Ende der Welt?”
“Dort, wo sie aufhört und irgendetwas anderes beginnt?”
“Aber woran erkennt man das?”
“Am Gefühl. Ganz sicher am Gefühl.”

September war immer mein liebster Monat. Dieser September ist ein Jahr und eine halbe Ewigkeit her. Unser Lied tönt in meinen Ohren, während ich langsam zu Dir gehe. Schritte, die mir noch nie so schwer fielen. Mein Herz schlägt wie wild. Meine Lungen wagen es kaum nach Luft zu schnappen.

Nina singt. Es erinnert mich an damals. Wir fuhren, wohin wusste ich nicht. Was ich jedoch wusste, dass der CD-Player Deines Autos nicht wirklich funktioniert. So sang Nina ganze fünf Stunden lang dieses Lied.

Als ich bei Dir ankomme, setze ich mich auf den Boden. Und versuche Worte für etwas zu finden, für das ich nie Worte finden werde. Ich will sagen, dass es mir leid tut. Dass ich dumm war. Dass ich an allem Schuld bin. Dass ich manchmal weiß, dass dem nicht so ist. Dass ich Dich vermisse. Immer mehr mehr mehr.

“Du fehlst.”
Stille.
“Ich weiß nicht mehr, wo ich hin gehöre.”
Stille.
“Ich hätte früher kommen sollen. Ich konnte nicht.”
Stille.
“Komm zurück.”
Stille.

September war immer mein liebster Monat. Es wird dunkel und kalt. Meine Finger zittern. Ich beiße so fest auf meine Lippen, dass sie bluten. Und versuche aufzustehen, finde jedoch keinen Halt. Ich bleibe sitzen. Lege meinen Kopf, auf die Stelle, an der ich Deine Brust vermute. Lausche. Suche nach einem Geräusch, das sich so sehr nach Dir anfühlt.

“Bist Du da?”
Stille.
“Wo bist Du?”
Stille.
“Wieso musstest Du gehen?”
Stille.
“Wieso hast Du mich nicht mitgenommen?”
Stille.

Die Leidenschaft des Wahns – II

11 Jun

(So. Der zweite Teil des Kapitels „Die Leidenschaft des Wahns“. Den ersten Teil gibt es hier. Ich habe lange überlegt, ob ich ihn wirklich veröffentlichen soll. Länger werde ich wohl bei Teil drei überlege. Aber ja. Viel Spaß beim Lesen. Oder auch nicht. Ich weiß nicht, was man bei sowas wünscht. Aber ich warne: Ich hab es noch nicht wirklich überarbeitet. Rohfassung quasi.)

Zeit bedeutet nichts mehr. Tage zähle ich nicht mehr, geschweige denn Stunden. Manche führen Strichlisten. Manche haken die Tage in ihrem Kalender ab. Aber das ist die Minderheit. Der Rest vegetiert vor sich hin. Zu mehr ist man auch nicht fähig. Zu mehr will man irgendwann nicht mehr fähig sein.

Die Uhr über meinem Bett verrät mir, dass es kurz vor halb sechs ist. Ich kann nicht sagen, ob abends oder morgens. Aber ich bin wach. Nach gefühlten vierzig Stunden Schlaf. Schlaf, der herbeigeführt wird, wenn Du irgendetwas tust. Was, das ist egal, solange sich nur einer der Pfleger auf den Schlips getreten fühlt. Oder er Dich einfach nicht mehr reden hören wollte. Oder wenn er einfach Lust dazu hatte.

Im Gemeinschaftsraum sitzt nur Jörg. Was er hat, das weiß ich nicht. Was er hat, ist mir egal. Manchmal schreit er. Manchmal holt er sich einen runter. Manchmal macht er auch beides. Dagegen getan wird nicht viel. Zumindest, wenn er ruhig vor sich hin masturbiert. Sobald er anfängt zu schreien, werden die Spritzen gezückt und er, sobald er schläft, ans Bett gefesselt. Meist mit heruntergelassener Hose, damit auch wirklich jeder mindestens zwanzig Mal seinen kleinen Penis gesehen hat.

Auch die Leute, die an der Bushaltestelle vor der Klinik auf ihren Bus warten. Das sind meist Leute, die gerade von Ikea kamen, nach dem Motto: Erst das Bett kaufen und dann sehen, wen man dort auf keinen Fall haben will.

Jörg darf, im Gegensatz zu mir, ins Freie. Wieso, weiß ich nicht. Vielleicht, weil ich nicht in der Öffentlichkeit masturbiere. Vielleicht aber auch, weil ich noch fit genug bin, um über Zäune zu klettern. Und Bus zu fahren. Und vielleicht davor bei Ikea noch eine Runde zu drehen. Ganz nach dem Motto: Die Irre aus der Anstalt hat Lust auf Köttbullar.

Ich nehme diesen ganzen Wahn um mich nicht mehr wirklich wahr. Ich schlürfe durch die Anstalt, suche vergebens nach Ausgängen. Suche noch vergebener nach etwas frischer Luft. Nach Sonnenstrahlen, die meine Haut kitzeln. Nach feuchtem Gras unter meinen Füßen. Nach etwas Gefühl. Nach etwas, das mich spüren lässt.

Es wird Mittag und ich bekomme meine zweite Ladung Medikamente. Mit Ladung meine ich eine LKW-Ladung. Mit LKW-Ladung meine ich so viele Pillen, die ich nicht an einer Hand abzählen kann. Anfänglich schluckte ich eine nach der andere, jede mit etwa einem Liter Wasser. Irgendwann zwischen damals und heute habe ich auf merkwürdige Art gelernt sie alle auf einmal zu schlucken. Mit zu wenig Wasser. Ex und hopp.

Ex und hopp hat sich wohl auch Zimmergenossen Nummer Zwei gedacht, als sie sich eines Nachts eine Schlinge, die sie aus dem Bettlaken gebastelt hatte, um den Hals band, das andere Ende an der Gardinenstange befestigte und von dem Plastikstuhl sprang. Obwohl sie in ihrem Falle wohl eher „hopp und ex“ gedacht hat. Aber ich kann noch keine Gedanken lesen. Schon gar nicht, nachdem sich jemand das Leben genommen hat.

Bemerkt habe ich es erst, als mein Beruhigungsmittel nachließ und ich mich wunderte, wieso der Vollmond mich nicht mehr blendete. Da war sie aber schon merkwürdig kalt. Als ich sie anfasse, beginnt sie zu schwingen. Wir sehen uns eine Zeit lang an. Viel mehr starre ich in ihre geöffneten Augen und versuche dort irgendetwas zu finden, das mir sagt, was ich jetzt tun sollte. Ich tue, was jeder in dieser Situation tun würde: Ich zünde mir eine Zigarette an. Setze mich im Schneidersitz auf den Boden und betrachte sie. Wie lange, das weiß ich nicht. Wieso, das weiß ich noch viel weniger.

Da sitzen wir. Und starren uns an. Gut, ich sitze. Sie hängt und baumelt. Ich starre sie an und sie ins Leere. Und ich überlege, ob ihr Genick gebrochen ist und wenn, ob ich es dann nicht hätte hören müssen und dann, ob Genicke laut brechen, wenn sie brechen. Oder ob sie einfach erstickt ist. Wobei einfach hier auch ein sehr unpassender Begriff ist.

Wenig später betrete ich das Pflegerzimmer mit den Worten: „Da hängt eine Leiche in meinem Zimmer.“ Ich hatte nicht wirklich überlegt, was ich sagen wollte, das hätte ich vielleicht nicht gesagt, wenn ich überlegt hätte. Aber es war treffend. Zumindest sage ich mir das und mir fällt auch nichts Anderes ein, was ich hätte sagen können.

Ich werde zuerst unglaubwürdig angestarrt, dann steht Herta auf und quetscht sich an mir vorbei. Herta wiegt geschätzte 200 Kilo und hat einen volleren Schnauzer als mein Onkel Michael. Sollte ich hier jemals rauskommen, werde ich ihr Wachsstreifen und einen Zettel schicken. Auf dem Zettel wird stehen „Den ganzen Tag fressen macht fett, fette Herta.“ Natürlich werde ich das nie tun. Aber der Gedanke bringt mich zum Schmunzeln.

Die restliche Nacht verbringe ich im Gemeinschaftsraum. Rauche, trinke verdünnten Himbeersaft, starre den Mond an und warte darauf, dass jemand kommt, um nach mir zu sehen. Das passiert nicht. Denn es ist Wochenende. Und am Wochenende müssen die Irren unter sich bleiben.

Ich hebe mein Glas, halte es genau vor den Mond und sehe zu, wie er sich langsam rot einfärbt. Und leere es in einem Schluck.

Ex und hopp.

Und dann ist alles vorbei

16 Jan

Montag,  07.Dezember  2009
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Klack. Klack. Klack.

Verärgert über die Dreistigkeit, dass es jemand wagt mit High Heels über den schwarzen Marmor zu laufen, drehe ich mich um und suche nach dem Übeltäter. Und muss erkennen, dass ich es selber bin. Ich verlagere mein Gewicht auf meine Ballen und tappe ungeschickt auf Zehenspitzen in viel zu unbequemen Schuhen durch die Gänge.

Nur kein Geräusch machen. Unsichtbar bleiben, solange es noch geht.

Klack. Klack. Klack.

Diesmal sind es nicht meine Schritte, die durch die steinerne Halle klackern. Ich kenne die Frau nicht, doch erkenne sie augenblicklich. Die schwarze Lockenmähne versteckt zu wenig von ihrem überschminktem Gesicht. Die Lippen formen sich zu einem Lächeln und entblößen gelbe Zähne, auf denen noch Reste des Lippenstifts kleben. Ich könnte ihr sagen, dass sie Lippenstift auf den Zähnen hat, aber so nett bin ich heute nicht. So nett bin ich, ehrlich gesagt, nie.
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