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Was ich euch zu Weihnachten und sonst auch wünsche

24 Dez

Ich wünsche euch, dass ihr Frieden mit euch selbst findet – nicht nur heute, sondern an allen anderen Tagen. Dass ihr begreift, was ihr habt, anstatt nur zu sehen, was euch fehlt. Dass ihr beginnt ein Fundament zu bauen – in euch, nicht auf dem Rücken anderer. Dass ihr wisst, dass ihr immer genug Kraft habt, auch wenn ihr glaubt am Ende zu sein. Dass ihr am Ende des Tages mehr gelacht als geweint zu haben. Dass ihr immer etwas mehr hofft, immer etwas mehr glaubt. Dass ihr wisst, dass ihr immer noch ein Stück weitergehen könnt, auch wenn die Füße unter der Last des Herzen schmerzen. Dass ihr glücklich mit euch seid und eure Glück nicht von anderen abhängig machen müsst.

Ich wünsche euch, dass ihr Menschen habt, die euch zum Lachen bringen, auch wenn euch zum Weinen ist. Dass immer jemand da ist, der euren Anruf entgegen nimmt, um euch zu sagen, dass alles gut wird. Dass ihr seht, dass alles gut werden kann, wenn man nur dran arbeitet. Dass ihr merkt, dass Dinge, die nicht gut werden wollen, verbannt werden müssen. Dass ihr Hände zum Halten habt. Dass ihr den Wert solcher Hände begreifen könnt. Dass ihr zweite Chancen geben und verzeihen könnt. Dass ihr Liebe geben und annehmen könnt.

Ich wünsche euch, dass ihr aber auch Frieden schließen könnt, mit all den Menschen, die euch Leid angetan habt. Dass ihr aber auch seht, dass man manchmal nicht auf Menschen zugehen kann, wenn sie sich dagegen wehrt. Dass ihr das akzeptiert und weitergehen könnt, ohne all den Ballast mit euch rumtragen zu müssen. Dass ihr all die Negativität aus eurem Leben verbannen könnt – auch wenn das bedeutet, dass ihr Menschen gehen lassen müsst. Dass ihr euch Bilder macht, anstatt sie euch malen zu lassen. Dass ihr offen auf Menschen zugehen könnt, ohne über Vorurteile zu fallen.

Ich wünsche euch, dass ihr lebt – ganz grandios lebt.

5.Stock

4 Feb

Sie singen Lieder,
meine Gedanken und der Wind.
Ich sitze auf dem Geländer.
Es ist der 5.Stock.
Ich könnte fallen,
aber tue es nicht.

Und ich will schreien,
so laut, dass Du es hörst,
und lass es doch.
Weil ich schon immer leise
besser schreien konnte.

Macht den Mund auf!

25 Jan

So, ich geb auch mal meinen Senf auf die Wurst.

Die Welt ist ungerecht. Wissen wir alle. Und es passieren ungerechte Dinge. Und nicht nur sexistische Dinge. Frauen machen sich über Frauen lustig. Männer machen sich über Männer lustig. Frauen über Männer. Männer über Frauen. Jeder ist irgendwann Opfer, genauso wie jeder irgendwann Täter ist. Und jetzt sagen alle: „NEIN! Ich doch nicht!“

Pustekuchen!

Jeder hat schon mal etwas getan, was eine andere Person verletzt hat. Jede Frau hat sich schon mal über eine andere Frau das Maul zerrissen. Jeder Mann hat schon mal über irgendeinen Kerl geschimpft. Jeder hat schon mal jemanden in eine Schublade gesteckt.

Und das ist, was mich hier heute am meisten stört. Die Schublade, die sich hier heute bildete, wird größer und größer.

Männer sind scheiße!
Wisst ihr was? Frauen auch!

Alle Männer werden nur von ihren Trieben geleitet. Alle Männer tun jegliche weibliche Handlung mit „ah, sie hat ihre Tage!“ ab. Männer reduzieren. Männer sind scheiße. Männer verallgemeinern. Männer stecken uns in eine Schublade. Und baaam, da ist sie, die Schublade, in die viele Frauen gerne alle Männer stecken.

Sexistische Kommentare und diverse Handgreiflichkeiten, sei es ’nur‘ ein Klaps auf den Hintern, sind nicht in Ordnung. Das will ich gar nicht schön reden. Das ist scheiße. Der Mensch, der so handelt, ist vielleicht nicht als Ganzes scheiße, aber hat eindeutig Charaktereigenschaften, die man sich nicht auf die Stirn schreiben sollte.

Wisst ihr was auch nicht in Ordnung ist? Eine Frau, die eine andere Frau als fett und hässlich bezeichnet. Ein Kind, das glaubt, die Mutter beschimpfen zu müssen. Ein Kerl, der ohne mit der Wimpern zu zucken seine Freunde belügt. Der kleine Junge von neben an, der mit Steinen nach Tieren wirft. Das Mädchen, das meint ihren kleinen Bruder im Wandschrank einsperren zu müssen. Der Vater, der seine Kinder schlägt. Der Mensch, der andere ständig verurteilt. Der Mensch, der sich ohne Punkt und Komma über seine Mitmenschen lustig macht. Der Mensch, der ohne Rücksicht auf Verluste durchs Leben geht. Der Mensch, der meint, diese Welt wäre sein Spielplatz, dessen Regeln er aufstellen darf.

Aber wisst ihr, was auch nicht in Ordnung ist? Still zu bleiben! Klar, viele mögen es ihrer Mutter, ihrer besten Freund oder ihrem besten Freund, dem Bruder, der Schwester oder sonst wem erzählen. Da stößt man ja auch auf Verständnis. Aber diese Wut, die man in sich trägt, die wird man dadurch nicht los.

Und der Mensch, der auch zu nahe trat, der, der auch beleidigt oder eure Grenzen überschritten hat, der, dem diese Wut eigentlich gebührt, der bekommt nichts davon ab. Der läuft durch sein Leben und sieht, dass seine Taten funktionieren, solange er nicht einmal Konsequenzen zu spüren bekommt. Glaubt ihr, dass wenn ein Ladendieb nie erwischt wird, dass er wirklich damit aufhört? Glaubt ihr, dass ein Mensch, der ständig auf Kosten anderer lebt, morgens aufwacht und drauf kommt, dass er schlechte Dinge tut? Pustekuchen. Wird nicht passieren. Und da können die Freunde auch mal sagen, dass sie die Handlungen nicht gut finden, das wird nichts ändern. Seine ‚Opfer‘ müssen aufstehen.

Wenn euch etwas Ungerechtes passiert, dann steht auf und gebt Kontra. Kriegt eure Fresse auf. Und ich weiß, das ist alles leichter gesagt als getan. Ich kenne das. Ich weiß das alles. Mir sind auch schon genug Dinge passiert. Ich hab auch schon oft genug geschwiegen und Dinge über mich ergehen lassen. Und wisst ihr was mir das gebracht hat? Nichts. Außer einer innerlichen Wut, die nicht weichen wollte. Die nur größer wurde. Die vor sich hinköchelte. Und die Menschen, die mir dieses Leid einbrockten, die hatten keine Ahnung. Weil viele, die anderen Menschen Dinge antun, kennen deren Konsequenzen nicht. Die wissen nicht, was es mit Dir anstellt. Und sie wissen ganz oft nicht, wie tief einen etwas treffen kann.

Ich bitte euch, macht euren Mund auf. Nicht für andere. Nicht, um demjenigen in die Schranken zu weisen. Sondern nur für euch. Und wenn er es nicht einsieht, dann wird er es vielleicht, vielleicht auch nicht. Aber ihr seid für euch eingestanden und habt für euch gesprochen. Etwas, das euch niemand nehmen kann.

Und vielleicht, wenn nicht nur einer, sondern mehrere Menschen mal den Mund aufbekommen und anmerken, wenn etwas ungerecht wird, vielleicht verändert das was. Aber solange die meisten schweigen, passiert nichts. Und die Menschen, die euch ungerecht behandelt haben, werden nie wissen, dass es für euch nicht in Ordnung war.

Und schreit einmal wirklich auf. Nicht hier auf Twitter, sondern da draußen.

So, mein Senf.

Heb die Hand.

9 Jan

Es ist schon ein paar Jahre her, als ich mit einem Freund in eine Schule ging, um dort über Mobbing zu sprechen. Es war die Klasse seiner kleinen Schwester. Entzückendes Ding. Zu alt für ihr Alter. Kleine Stimme mit riesigem Volumen. Introvertiert ohne Ende. Eines dieser stillen Wasser, die unergründlich tief sind. Sie wurde gemobbt. Wie viele andere in ihrer Klasse. Eine, dieser Klassen, in denen niemand sein möchte, der nur irgendwie anders sein möchte.

Niko und ich stellen uns vor einen Haufen 14-Jähriger und werden erst, stilecht, beschimpft. Das gehört zum guten Ton. Man weiß ja, was der Bauer nicht kennt, das frisst er nicht.
Wir hatten unseren kleinen Vortrag gründlich einstudiert. Wir hatten eine Präsentation mit Mems. Wir hatten alles geplant. Nur nicht einen Haufen 14-Jähriger, die sich nichts sagen lassen wollen. Es brauchte den strengsten Lehrer der Schule, um Ruhe in das Klassenzimmer zu bekommen.

Als alle so taten, als würden sie zuhören, fingen wir langsam an zu reden. Niko versucht seine Schwester zu verteidigen ohne sie beim Namen zu nennen. Ich erzähle, dass ich früher viel gemobbt wurde. Ein Junge, der die ‚Coolness‘ anscheinend mit Löffeln gefressen hat, schreit: „Du? Warum? Du bist doch voll heiß!“

„Geht es nur darum?“, frage ich ihn.
„Natürlich, Alter!“

Ich erzähle ihm von einem Mädchen, das ich einst kannte. Bildhübsch. Klug. Lustig. Und krame in den Untiefen meines MacBooks ein Foto von ihr hervor. „Glaubt ihr, sie wurde gemobbt?“, frage ich. „Alter! Die ist doch ein Model.“, kommt es aus der letzten Reihe. Dann erzähle ich ihnen, wie sie Tag für Tag von ihren Mitschülern fertig gemacht wurde. Erzähle von ihrer Essstörung. Erzähle von Narben und Alkohol. Erzähle von ihrem Selbstmord. Und alles wird ruhig. Ein „Warum?“ ertönt. Dann wird getuschelt.

Niko erzählt von Angriffsflächen, die jeder bietet. Von Wunden, die offen liegen und nur so aufs Salz warten. Von Ängsten, die ausgenutzt werden. Von Unsicherheiten, die zum Spott einladen. Ich sage, dass jeder Mensch all das hat, dass jeder Mensch Angst hat, dass jeder Mensch unsicher ist. Aus der letzten Reihe ertönt ein „Nee! Ich sicher nicht!“ Es ist der Coolness-Junge, der lässig seine Beine auf dem Tisch abgelegt hat.

Ich gehe zu ihm, setze mich neben seinen Beinen auf den Tisch und sage: „Nehmen wir mal an, dass irgendwann mal jemand kommt und erkennt, dass all das nur Fassade ist und anfängt in Deinen Wunden zu graben. Wie würde es Dir gehen?“ Er habe keine Wunden, sagt er selbstsicher.

„Hast Du keine Angst davor, mal alleine dazustehen?“
„Nein.“
„Und wenn Du plötzlich Familie und Freunde verlierst?“
„Dann suche ich mir neue.“
„Und wenn Du aus der Schule raus bist, was dann?“
„Keine Ahnung.“
„Glaubst Du, Du schaffst die Schule?“
„Kann sein.“
„Und wenn nicht?“
„Alter! Keine Ahnung.“
„Und was, wenn Du die Schule nicht schaffst? Was dann? Was, wenn Du fliegst?“
„Alter! Halt’s Maul.“
„Kriegst Du dann Stress mit Deinen Eltern?“
„Halt die Klappe!“
„Wie viel Stress bekommst Du dann mit Deinen Eltern?“
„Geht Dich nichts an.“
„Hast Du Angst davor, was dann passiert?“
„Fick Dich!“
„Siehst Du. So einfach ist es Wunden zu finden.“

Ich stehe auf und gehe zurück nach vorne. Niko sagt, dass alle hier irgendetwas gemeinsam haben. Und dass niemand mit einem Gefühl alleine dasteht.
„Wir spielen jetzt ein Spiel.“, sage ich. „Wir stellen euch Fragen und wer eine Frage mit ‚ja‘ beantworten kann, der hebt die Hand.“ Einer zeigt uns seinen Mittelfinger. Einer lacht.

„Habt ihr manchmal Angst in die Schule zu kommen?“
Keine Reaktion.
„Okay. Hattet ihr schon mal Angst, dass euch jemand beschimpfen könnte?“
Keine Reaktion.
„Auch nicht. Das ist doch schon mal was. Hattet ihr schon mal Angst ausgelacht zu werden?“
Nikos Schwester blickt uns an. Nickt zögerlich. Niko und ich heben synchron die Hand.
„Hattet ihr schon mal Angst vor der Zukunft?“
Niko hebt die Hand. Die zwei Professoren heben die Hand. Ich hebe die Hand. Nikos Schwester hebt die Hand.
„Hattet ihr schon mal Angst, eurer Eltern erzählen zu müssen, dass ihr eine Arbeit verkackt habt?“
Der Junge in der letzten Reihe hebt die Hand.

Je mehr Fragen wir stellen, umso mehr machen mit. Als ich meine erste Frage wiederhole, heben alle die Hand. Wir erzählen, dass es jedem so ging. Wegen Mitschülern, wegen Lehrern, wegen der Angst zu versagen. Wir sagen, dass es schon genug Punkte gibt, die einem an einer Schule Angst machen. Mitschüler sollten nicht dazu gehören. Wir sagen, dass die Ängste nicht besser werden, je älter man wird. Dass sie nicht verschwinden. Dass immer nur neue dazukommen. Dass sie manchmal alte überschreiben. Aber dass die Angst an sich immer bleibt.

Als ich zwanzig Minuten später das Klassenzimmer verlasse, läuft mir der Junge aus der letzten Reihe nach.

„Alter! Woher wusstest Du das mit meinen Eltern?“
Ich zucke mit den Schultern. „Gut geraten.“

Er stellt sich als Jo vor. Kurz für Johann. Den Namen mag er aber nicht. Später trinken wir Kaffee, obwohl er Bier wollte und er erzählt mir von seinem Vater, vor dem er manchmal solche Angst hat, dass er weglaufen will. „Willst Du, dass jemand solche Angst vor Dir hat?“, frage ich ihn. Er sagt, wer Angst verbreitet, der hat Macht. Ich sage, dass es keine gute Macht ist. Er sagt, aber es ist wenigstens Macht. Ich frage, ob er das auch über Hitler sagen würde. Er schweigt.

Ich habe an dem Tag viel über mich preisgegeben. Viel, das ich selten von mir erzähle. Ich habe, wie wohl jeder andere Mensch, Probleme mit meinen Schwächen. Ich habe, wie auch jeder andere Mensch, Ängste. Und, wenn ich ehrlich bin, hab ich ganz oft Angst vor Menschen. Angst vor Reaktionen. Angst vor Abneigung. Angst vor Zurückweisung. Angst vor Worten. Angst vor Taten.

Ich glaube, dass ich in jeden x-beliebigen Raum gehen kann, indem sich 2-3 Handvoll Menschen befinden und wette, dass jeder bei irgendeiner Frage die Hand heben würde.

„Hattest Du schon mal Angst vorm Leben?“
„Wusstest Du schon mal nicht weiter?“
„Hast Du schon mal jemanden verloren?“
„Hast Du schon mal Dich verloren?“
„Wolltest Du irgendwann mal nicht mehr?“
„Ging es Dir schon mal so schlecht, dass Du das Haus nicht verlassen konntest?“
„Hattest Du schon mal das Gefühl, dass etwas so schlimm ist, dass es Dir den Atem raubt?“
„Hast Du Angst vor Zurückweisung?“
„Fühlst Du Dich manchmal sinnlos?“
„Fühlst Du Dich manchmal leer?“

Ängste sind etwas, das uns verbindet. Und wir stehen mit keinem Gefühl alleine da. Wenn ich sage, ich lag schon einmal eine Woche im Bett, konnte mich nicht dazu aufraffen aufstehen, hinauszugehen, irgendetwas zu tun. Dass ich mich so mies gefühlt habe, dass das Aufstehen immer schwerer wurde. Dass ich nicht mehr denken wollte. Dass ich nicht mal mehr weinen konnte. Dann glaube ich, dass ich damit nicht alleine bin. Nein, eigentlich weiß ich es. Denn es wurde mir über die Jahre von so vielen Menschen bestätigt. Wenn ich sage, es gab Tage, an denen ich auf einem Hausdach stand und überlegte, wie es sich anfühlt zu springen, weiß ich, dass es genug Leute gibt, die auch schon mal standen und den Gedanken hatten.

Und wenn ich frage:

„Musstest Du schon mal lachen und wusstest nicht warum?“
„Bist Du morgens schon mal aufgestanden und hattest dieses Gefühl, dass heute ein guter Tag wird?“
„Wurdest Du schon mal so geküsst, dass Du die Welt um Dich vergessen hast?“
„Musst Du manchmal lächeln, wenn Du von jemandem eine Nachricht bekommst?“
„Hast Du jemanden in Deinem Leben, der Dich bedingungslos liebt?“
„Hast Du jemanden in Deinem Leben, den Du bedingungslos liebst?“
„Wachst Du manchmal zu früh auf und gehst ans Fenster, um den Sonnenaufgang zu beobachten?“
„Hast Du schon mal so lange mit jemandem gesprochen, dass die Vögel plötzlich ihr Guten-Morgen-Lied sangen?“
„Lachst Du manchmal so sehr, dass Dein Körper schmerzt?“

Dann bin ich mir auch sicher, dass nicht nur einer die Hand heben wird. Gefühle verbinden uns. Geschichten verbinden uns. Und wenn Du Dich mir öffnest, werde ich mich Dir öffnen. Wenn ich Dir meine Geschichte erzähle, wirst Du mir Deine Geschichte erzählen. Wenn Du mir von Ängsten erzählst, werde ich mich darin wiederfinden. Wenn ich Dir von meinen Unsicherheiten erzähle, wirst Du manchmal nicken. Für jeden Plan, den ich habe, wirst Du einen Traum haben. Für jeden Traum, den ich habe, wirst Du eine Hoffnung haben.

Ich glaube daran, mit offenen Augen und Ohren durchs Leben zu gehen. Weiß, dass ich furchtbares sehen und hören werde. Weiß aber auch, dass sobald ein kleiner Funken Glück flüstert, ich ihn hören werde. Dass, sobald ein Traum still in der Ecke seufzt, ich ihn hören kann. Dass es Menschen gibt, die mir Dinge erzählen können, von denen ich keine Ahnung habe. Dass ich Menschen in eine andere Richtung blicken lassen kann. Dass es Geschichten gibt, in denen ich mich verlieren kann. Und dass jeder schon mal die Hand nicht heben konnte, obwohl er es wollte. Dass jeder diese eine Wunde mit sich rumschleppt, die zu gerne aufreißt. Aber auch, dass jeder dieses Lachen hat, das dazu veranlasst, mitzulachen.

Balanceakt

27 Nov

„Wo warst Du?“, fragt sie mich und ich balanciere weiter auf den Schienen.
„In Gedanken.“, sage ich und stelle mir vor, die Eisenschiene unter mir wäre ein Seil, gespannt parallel zum Äquator. Tausend Meter hoch. Und ich laufe, einmal quer um die Erde. Beobachte Sonnenaufgänge und -untergänge, gebrochen Versprechen und Herzen, ineinander verschlungene Hände und Leben.

Sie erzählt von Männern und Misserfolgen. Von Leben und Lieben. Von den kleinen Dingen, denen sie zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt hat. Von dem großen Ganzen, das sie nicht versteht. Ich setze einen Fuß vor den anderen. Tausend Meter über mir erzählen Sterne Geschichten vom Universum.

„Ich bin schwanger.“, sagt sie. Und ich setze Fuß vor Fuß, während wenige Meter neben mir neues Leben entsteht. Ich balanciere mein Ungleichgewicht, sie ihre Optionen. Und zeitgleich verlieren wir den Halt.

Ich klopfe mir das Gras von den Beinen, sie wischt sich die Tränen aus dem Gesicht. „Ich hab verloren.“, sagt sie und meint damit ihn, während ich meine Arme weit ausstrecke und erneut versuche die Balance zu halten.

Der Wind weht durch meine Haare und ich lasse mich fallen. Innerlich. Die Arme so weit von mir gestreckt, als wollte ich versuchen all den Schmerz von ihr abzuschotten.

„Was hab ich falsch gemacht?“, fragt sie. Ihre Hände und Lippen zittern synchron, als sie begreift, dass sie ihn zu sehr geliebt hat, sich selbst aber zu wenig. Und ich sehe am Horizont das Licht, das sich aus dem Ende des Tunnels traut.

„Wo warst Du?“, fragt sie. Und fragt mehr nach dem Grund meiner Abwesenheit in ihrem Leben, als nach dem Grund meiner Flucht.
„Bei mir.“, sage ich und gehe einen Schritt auf das Licht zu.

„Wo warst Du?“, frage ich und lasse mich von dem Licht umhüllen. „Ganz woanders.“, sagt sie und der Zug rast auf mich zu wie Katrina auf New Orleans. Und ich springe. Nicht hoch, nicht weit. Aber genug, um für einen Augenblick zu fliegen.

Valentinstagskacke

1 Feb

In genau zwei Wochen ist Valentinstag und ich bin wieder mal Single. Wenn ich mich so im Freundeskreis umhöre, bricht die Panik aus. Die haben zwar alle Kind und Kegel und wenn nicht Kind, dann immerhin Partner und Kegel, aber trotz allem Panik. Wegen meines Wohlbefindens an diesem Tag. Ich dürfe nicht alleine sein. Ich müsste doch mit jemanden feiern. Jemanden haben, der mir Essen und Hof macht.

Wenn ich ehrlich bin, habe ich noch nie diesen Valentinstag gefeiert. Wobei, doch. Einmal. Ich war 18 und wild, er 25 und in irgendeiner selbsterfunden Krise. Da gab es dann Plastikrosenblütenblätter aus dem Ein-Euro-Laden und billigen Sekt von Lidl. Für mehr reichte das Geld nicht. In den Jahren davor und danach gab’s (glücklicherweise) nicht viele Festivitäten. Entweder war ich gerade Single oder in einer Beziehungskrise, nach der ich Single war.

Ich glaube, meine Mentalität verbietet es mir, dass mir dieser Tag wichtig ist. Valentinstag, Weihnachten, Silvester – alles große Daten, große Tage mit viel Bedeutung. Aber eigentlich sind es nur Tage. Und eigentlich ist es egal, ob man diese Tage mit jemandem verbringt. Wichtiger ist es, jemanden zu haben, mit dem man bewegende Dinge teilen kann. Das muss kein Partner sein. Das kann der bester Freund, die Mama oder die Lieblingskellnerin sein. Man braucht nur jemanden, der da ist, wenn etwas passiert, das Dich verändert, das Dir wichtig ist, das Dir so viel bedeutet, dass Du vor lauter Gefühl gar nicht weißt, wohin mit Dir. Wenn man so jemanden gefunden hat, ist es eigentlich egal, ob da jemand ist, dem man am Valentinstag Rosen schenken kann.

Ich wehre mich dagegen jemandem zu gehören. Denn ich gehöre zu mir. Hier und jetzt. In mein Bett, das MacBook auf dem Schoss, die Katze unter der Decke, die Tasse Tee in der Hand. Mit wenig Wissen darüber, was ich eigentlich vom Leben will, dafür mit viel Wissen darüber, was ich so gar nicht will. Und wenn ich den Valentinstag genauso verbringe, werde ich mir nur eines denken: Strike! Im Kühlschrank ist noch Schokokuchen!

die einzige Konstante

9 Jan

Ich gehe davon. Den bitteren Nachgeschmack noch in meinem Mund. Diesen Nachgeschmack, den nur das Versagen hinterlassen kann. Dieses Gefühl, das kommt und geht, wann es will. Das nicht greifbar, dafür umso spürbarer ist. Das sich einnistet und sich wie Kaugummi in Haaren festklebt.

Habe ich versagt? Etwas, das ich mich immer wieder frage. Eine Antwort darauf finde ich nicht. Vielleicht finde ich auch nur zu viele. Ein Ja. Ein Nein. Ein Vielleicht. Ein Waswärewenn. Etwas zu viel Wissen um den Lauf des Lebens. Ein Leben, das manchmal mehr nimmt, als es gibt, manchmal aber mehr gibt, als es nimmt. Immer im Wechsel. Hoch und Tief. Himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt. Und das Wissen um die einzige Konstante in meinem Leben: Ungewissheit.

Was war die Frage?

17 Dez

a) Ich habe vor nicht allzu langer Zeit ein Interview gegeben.
b) Wird es wahrscheinlich irgendwann in einem Buch veröffentlicht.
c) sollte man mich nie Monologe führen lassen.
d) so schriftlich liest sich mein Gelaber ganz schön komisch.
e) wtf?!

„Meine Oma sagte immer, dass bis zum Heiraten eh alles gut wird. Ich hab sie dann immer mit weit aufgerissenen Augen angesehen und sie gefragt: ‚Und was wenn mich niemand heiraten will?‘. Darauf wusste sie natürlich keine Antwort. Das hat mir immer Spaß gemacht. Also, nicht nur das, aber ich hab immer schon gerne Fragen gestellt, auf die mein Gegenüber keine Antwort wusste. Das sind dann nämlich die Fragen, die man sich gedanklich dann selbst beantworten muss und über die man sich zu Tode denken kann. Ich mein, ich nicht, ich antworte auf alles. Aus Prinzip einfach. Nicht, dass ich danach nicht drüber nachdenken würde, aber ich würde mir nie nie niemals eine verbale Niederlage erlauben. Einfach mal reden, irgendwas halbwegs Sinnvolles wird dabei schon rauskommen und wenn nicht, dann jongliere ich eben mit Fremdwörtern, das klingt dann wenigstens schlau.

Was war die Frage? Ach ja. Ich glaube daran, dass am Ende alles gut wird. Natürlich ist das völlig pathetisch. Aber ganz ehrlich, dann bin ich halt pathetisch. Ich meine, es gibt ja schlimmeres als pathetisch zu sein. Tot zum Beispiel, wobei das ja sowieso das Schlimmste ist, was einem passieren kann. Aber man kann ja auch dumm sein, da biste dann machtlos.

Ich glaube, ich erklär das am besten an einem Beispiel, um das Ganze hübsch anschaulich zu machen. Stell Dir mal vor, Du bist ein Kind und tollst am Spielplatz rum. Irgendwann fällst Du dann auf die Fresse und blutest ohne Ende. Was machst Du? Du stehst auf. Das ist ja ganz natürlich, wieso solltest Du denn liegen bleiben? Du stehst auf, wischt Dir die Fresse sauber und rennst weiter. Weil, was passiert, wenn Du liegen bleibst? Genau, es wird dunkel und dann? Dann kommt irgendwann so ein pädophiler Spast ums Eck und rammt Dir seinen Penis in den Arsch. Grandios, nicht? Klar, wenn Du dann mal erwachsen bist, fällst Du meistens nur noch im übertragenen Sinne auf die Fresse, was dann ja noch viel mehr weh tut. Da hast Du dann kein Blut, was Du einfach so wegwischen kannst. Da fickt Dich dann auch kein Pädophiler, sondern das Leben selbst und Du kannst nur hoffen, dass es Gleitgel mit hat und es Dir nicht ganz so weh tut. Wobei das Leben ja selten Gleitgel benutzt.

Das Leben ist an sich eigentlich ganz einfach. Wir machen es uns nur kompliziert. Da jammern Menschen jahrelang darüber, wie unglücklich sie doch sind, anstatt sich einmal auf ihren Arsch zu setzen und was dran zu ändern. Klar, sind Veränderungen nicht einfach und man muss sich dazu auch aufrappeln und was tun. Aber keiner kann mir sagen, dass es einfacher ist unglücklicher zu sein. Gut, einfacher schon. Unzufriedenheit ist ja so ein Gefühl, das sich leicht leben lässt und das man wunderbar ernähren kann. Man findet einfach alles solange scheiße, bis man selbst so scheiße ist, dass einen niemand mehr erträgt. Dann ist man noch unglücklicher und verkriecht sich noch mehr in seinem Schneckenhaus. Da lässt es sich ja auch ganz gut unglücklich leben. Und den letzten Freunden, die einem dann noch geblieben sind, erzählt man dann, wie scheiße das Leben ist und die erzählen Dir, wie scheiße ihre Leben sind und alle finden alles scheiße und finden das ganz grandios. Dabei ist alles prinzipiell ziemlich einfach. Unglücklich mit Deinem Job? Na, dann such Dir einen neuen. Unglücklich mit Deinem Partner? Such Dir einen neuen. Oder fick rum, bis was Anständiges dabei ist. Oder bleib einfach mal alleine. Oder such Dir ein Hobby. Irgendwas.

Im Endeffekt ist es nur schwierig etwas zu ändern. Und wir machen uns das alles noch viel schwieriger, indem wir so eine Heidenangst davor haben. Aber ganz ernsthaft, viel schlimmer kann’s nicht kommen. Manchmal muss man der Angst halt einen Arschtritt geben und dann sich und dann seinem Leben und was ändern. Geht nicht anders. Außer man möchte sein Leben lang in seiner lethargischen Unzufrieden versumpfen und am Ende sagen: ‚Ja, war ganz schön scheiße. Hätte ich bloß irgendwas anders gemacht.‘ Dann ist es natürlich zu spät. Und die Moral von der Geschichte? Einfach dann was ändern, wenn es juckt. Wenn mir eine Hose nicht passt, zieh ich doch auch eine andere an und laufe nicht den ganzen Tag in ihr rum.

Also, ja, ich glaube, dass am Ende alles gut wird. Natürlich ist das Arbeit. Natürlich muss man Dinge anpacken, verdrehen, erschlagen, ändern und was weiß ich alles damit machen, aber wenn man immer genau das tut, was einem das Herz sagt, dann kann nicht viel schief gehen und man kann am Ende wenigstens halbwegs stolz auf sein Leben zurückblicken und sagen: ‚War vielleicht manchmal scheiße, aber wenigstens war es ganz schön grandiose Scheiße!‘.“

Antwort an F, Teil II.

8 Dez

 Ich sehe, Du hast dieses Internet noch nicht ganz verstanden. Ich erkläre Dir das mal: Das ist überall und immer da. Nur nie dann, wenn man es braucht. Aber damit Du, falls Du es erneut finden solltest, Lesestoff hast, hier etwas mehr. Ein paar Gedanken. Über Dich, mich, das Leben. Du weißt schon.

Ich habe Dich immer etwas bewundert. Du bist davongegangen ohne wegzulaufen. Ich weiß nicht, wie oft ich mir darüber den Kopf zerbrochen habe. Wieder und wieder. Bis ich vor einigen Jahren eine Platte fand, die Du mir mal geschenkt hast. Die große Janis Joplin. Ich hab sie gestern erst gehört. Und gestern kam auch wieder die Erkenntnis, die ich lange versucht habe zu verdrängen, weil Erkenntnisse Helden immer in ein etwas schlechteres Licht stellen. Nichtsdestotrotz möchte ich vorweg nehmen: Du bist ein Held für mich. Denn auch, wenn es eigentlich heißt, dass die legendären Helden und nicht die wahren Eindruck auf die Massen gemacht haben, so traf das nie auf mich zu. Auf mich haben immer nur wahre Helden Eindruck gemacht. Und Du, mein Lieber, Du warst schon immer ein wahrer Held. Dazu brauchtest Du kein Pferd, keine Lanze, keine Rüstung, nichts was schimmert und glitzert, denn das konntest Du immer schon selbst.

Aber was ich eigentlich wollte: Janis sang es gang treffend: Freedom is just another word for nothing left to lose. Ich glaube, Du hattest nichts mehr zu verlieren. Deswegen konntest Du davongehen. Deswegen bist Du aber auch weggelaufen. Weil es einfach war, als sich diesem Nichts zu stellen. Dass Du Dich diesem anderen Ding gestellt hast, das will ich gar nicht totschweigen, aber das war nur der kleinste Part. Sich Menschen zu stellen war schon immer einfach im Vergleich zu der Schwierigkeit sich selbst zu stellen. Und ich glaube, das konntest Du damals nicht. Davor hattest Du zu viel Angst. Denn was wäre dann auch geblieben? Etwas Erkenntnis? Etwas Versöhnung? Aber vor allem viel Angst.

Weißt Du, ich habe manchmal Angst. Nein, eigentlich habe ich ganz oft Angst. Nein, ich habe ständig Angst. Vor allem. Vor Spinnen und komischen Krabbelviechern, vor komischen Geräuschen und Menschen in der Dunkelheit, vor Anfängen und Enden, vor dem, was ich nicht schaffen könnte, viel mehr vor dem, was ich schaffen könnte, vor der Zukunft und der Wirkung der Vergangenheit, vor Worten und Taten. Aber am meisten hatte ich Angst vor diesen Ängsten. Wer Angst hat und diese auch noch zeigt, der, ja der zeigt Schwäche. Wer schwach ist kann sowieso gleich einpacken. Es dauerte lang zu begreifen, dass Angst eines dieser ganz grandiosen Gefühle ist. Sie kommt schleichend, breitet sich aus, nimmt Dich völlig ein. Aber das, was die Angst so grandios macht, ist, dass man sie überwinden kann. Die Angst, die erschaffst Du Dir selbst und kannst sie Dir demnach nur selbst wieder nehmen. Das, das ist großes Kino. Weil eigentlich müsste man keine Angst haben, aber so sind wir Menschen. Angst ist ein ganz großer Teil unseres Lebens. Im Endeffekt geht es nicht um die Angst an sich, sondern darum, sie als Punching Bag zu benutzen. Eins, zwei, drei. Angst ist raus!

Ängste verbinden Menschen. Das war ja schon immer so. Ich erspare Dir hier nun geschichtliche Anspielungen, die darfst Du Dir gerne selbst ausmalen. Wenn wir es genauer betrachten, gibt es eigentlich nur eine Angst, die Menschen wirklich verbindet: die Angst vor dem Alleinsein. Wer will schon alleine sein? Dann sucht man sich Leute, mit denen man kann, denen man seine Ängste, Gefühle, Wünsche, Gedanken, diesen ganzen wirren Kopfbrei vor die Füße kotzen und sagen kann: „Nimm’s oder lass es.“ Ganz einfach, ganz schwer.

Es gab eine Zeit, da versuchte ich zu wollen, dass mich jeder mag. Anpassungsfähigkeit wie es so hässlich heißt. Aber das stand mir nicht. Dazu habe ich zu viel Meinung und noch mehr Ecken. Es ist halt so, dass man immer auf Leute trifft, die einen nicht mögen und jeder, der sagt, dass es dann nicht an Dir liegt, lügt. Wenn ich einen Menschen nicht mag, dann nicht, weil mir seine Nase nicht passt oder er komische Augen hat oder der Bauch zu dick ist. Solche oberflächlichen Dinge sind Blödsinn. Aber dann mag ich diesen Menschen nicht, weil ich seine Ansichten nicht mag, weil seine und meine Interessen nicht aufeinander passen, weil sein Weltbild nicht in meines passt. Natürlich liegt es da an ihm, dass ich ihn nicht mag. Natürlich auch an mir. Manche Menschen sind nicht kompatible. Manche Menschen werden nie Freunde. Weil man nicht mit allen Menschen auf dieser Welt einen gemeinsamen Konversationshintergrund finden kann, der über Smalltalk hinausgeht. Oder man, wenn es verbal tiefer geht, eben merkt, dass Meinung A und Meinung B nicht zusammenpassen. Manchmal kann das natürlich grandiose Diskussionen hervorbringen, aber ganz oft ist es so, dass man merkt, dass man auf keinen grünen Zweig kommt.

Du kennst mich, ich bin weder ein halbvoll noch ein halbleer Mensch. Entweder voll oder leer, keine halben Sachen, ganz oder gar nicht. Und ich mag Menschen, die ähnlich denken.

Um auf den Ausgangspunkt zurückzukehren: Du warst immer ein weder halbvoll noch halbleer Mensch. Du hast gelebt, bis zum Maximum und am Minimum. Du hattest immer nur ganze Meinungen und feste Standpunkte.

Und Du bist ganz gegangen. Etwas, was ich Dir nie verzeihen kann. Etwas, für das ich Dich immer bewundern werde.

Du warst mein erster wahrer Held. Du wirst mein letzter sein.

Mel Brooks & ich.

8 Nov

Kennt ihr Mel Brooks? Wenn nicht, dann solltet ihr bitte umgehend eure nächste Videothek Schrägstrich iTunes-Library aufsuchen und euch dort ein paar seiner Filme leihen. Obwohl ihr zumindest Spaceballs kennen solltet. Oder The Producers. Aber ich will euch jetzt nicht vor die Nase halten, wie doof ihr eigentlich seid, dass ihr noch nie was von Mel Brooks gehört habt.

Mel Brooks war an sich sowieso ein sehr intelligentes Kerlchen und sagte auch so intelligente Sachen, die ich mir schon quasi fast auf den Körper tätowieren würde. Aber nur fast, weil das auch zu viel Text wäre und ich, Dank einer Körpergröße von nicht mal 1,60m, ziemlich wenig Körperfläche besitze.
Worauf ich eigentlich hinaus will ist dieses eine Zitat, das mich schon etwas länger verfolgt und auch schon mehrmals in vielen Variationen und Designs meine Wand schmückte:

“Look, I really don’t want to wax philosophic, but I will say that if you’re alive, you’ve got to flap your arms and legs, you got to jump around a lot, you got to make a lot of noise, because life is the very opposite of death. And therefore, as I see it, if you’re quiet, you’re not living. You’ve got to be noisy, or at least your thoughts should be noisy, colorful and lively.”

Was der gute Mister Brooks sagte ist schon sehr wahr. Das fällt mir immer wieder auf. In allen Lebenssituationen und bei allen Menschen. Still da sitzen und nichts machen bringt einen nicht weiter. Dann lieber einmal zu oft die Fresse aufreißen, immer etwas zu weit gehen, etwas zu laut sein, etwas mehr leben.

Ich hab ja gestern schon getwittert, dass es prinzipiell ganz simpel ist und mit es meine ich das Leben: Wenn Du fällst, dann fällst Du. Und dann stehst Du wieder auf und läufst weiter. Simple as that. Ganz ernsthaft. Ich hab mir das dann mal bildlich vorgestellt und merkwürdige mathematische Formeln in meinen Kopf durchgerechnet, die nur für mich Sinn ergeben. Man muss sich nur mal vorstellen, dass Menschen, die wenig wagen meist auch selten hinfallen, ergo einen ziemlich kurzen Weg von A nach B haben, wobei A für Geburt steht und B für Tod. Aber das ist ja eigentlich klar. Bei diesen Leuten ist dieser Weg sehr gerade, weswegen er auch sehr kurz ist. Gerade durch ist ja meist der kürzeste Weg.

Wenn Mensch aber risikofreudig war und oft und gerne mal Fehler gemacht hat, fällt er, bleibt kurz liegen, steht wieder auf und läuft weiter, nimmt Umwege und Abwege, rennt im Kreis und wieder ein Stück zurück. Ergo ist der Weg von A nach B viel länger.

Gut, vielleicht nicht länger, aber erfahrungsreicher und lebendiger, weswegen eigentlich auch länger. Weil man Leben nicht in Zeit, ergo in Jahren, missen sollte, sondern in Erfahrungen, Augenblicken und Momenten. Was uns zum Schluss führt: Sei laut, lebendig, verrückt, waghalsig, aktiv, wahnsinnig, mutig, impulsiv.

Weil es letztendlich darum geht, dass man, wenn man dann mal 80 ist, nicht auf sein Leben zurückblickt und sagt: „Hey, damals, als ich so ein kleiner Mitzwanziger war, damals, diese vier Tage, das war die Zeit meines Lebens.“ Man sollte viel mehr sagen: „Hey! Mein Leben! Das war die Zeit meines Lebens. Jeder Tag. Jede Minute. Alles.“