Besuch von A.

24 Dez

Ich öffne ihm die Tür und spüre den Drang sie gleich wieder zuzuschlagen. „Ist das richtig?“, will ich ihn fragen. Doch mehr als drei Buchstaben bekomme ich nicht raus: „Hey!“
Er nickt und gibt mir so die Antwort auf meine ungestellte Frage, während er seine Hände tiefer in seinen Hosentaschen vergräbt. Ich weiß, dort sucht er Halt. Ich verschränke meine Arme vor meiner Brust und er weiß, ich habe Halt in mir gefunden.

„Ich habe uns Tee gemacht.“
„Mit Milch?“
„Immer.“

Er folgt mir in mein Schlafzimmer und setzt sich neben mich auf den Boden. Vor uns stehen zwei Tassen Tee, um uns schlängeln sich die Tatsachen.

„Wann beginnen die 60 Minuten eigentlich?“
„Ab dem ersten Schluck.“

Wir starren auf die Tassen in unseren Händen und keiner wagt es, den ersten Schluck zu nehmen. Ich tue es schließlich doch. Nicht, weil ich ihn loswerden will. Nicht, weil ich will, dass das hier endlich vorbei ist. Bloß, weil ich will, dass er seinen Radiergummi von meinem Schlussstrich entfernt.

Mit leiser Stimme erzählt er von seinem Umzug, der tollen Küche und dem zu kleinen Bad. Ich erzähle von neuen Menschen in meinem Leben, die das Leben wieder gut machen, von der Uni und meinem neuen Shampoo. Er erzählt von Ängsten, die ihn nachts nicht schlafen lassen, von neuen Lieblingsfilmen und seinen neuen Schuhen. Ich erzähle von Vorhaben, Ex-Freunden und meinem Plan zur Weihnachtsstimmung. Und treffe damit einen wunden Punkt.

„Ich werde nie wieder Weihnachten feiern können.“

Ich nehme seine Hand und male Kreise auf seinen Handrücken. Draußen wird es dunkel, während wir aneinander festhalten. Hier drinnen wird es dunkler, als wir einander loslassen.

Er sagt, er hätte zugenommen. Ich sage, es wäre noch lange nicht genug. Er sagt, er könne wieder lachen. Ich sage, ich könne wieder vertrauen. Er sagt, er hätte was Dummes getan. Ich sage, ich täte das ständig.

Dann schiebt er den Ärmel seines Pullovers nach oben und entblößt nicht nur sein Handgelenk, sondern die Visualisierung seines Schmerzes. Und wir zittern synchron.
Ich muss nicht nach dem Grund fragen, aber tue es doch.

„Ich wollte wissen, wie es sich für sie angefühlt hat.“
„Und? Hast Du es herausgefunden?“
„Nein. Ich habe um Hilfe gerufen, bevor es zu Ende war.“

Seine Stimme zittert, während er mir erzählt, wie er sich Mut antrank, sich in die Badewanne legte, das Messer nahm und nicht schneiden konnte, seine Mutter anrief, weinte und es dann doch tat. Zuerst wurde alles rot, dann schwarz. Als er aufwachte, war alles weiß und er sich bewusst, was er getan hatte.

„Ich wäre gekommen.“
„Ich weiß.“
„Ich hätte Dir helfen können.“
„Ich weiß.“

Mein Kopf spielt mir Szenarien vor. Wären wir damals nicht auseinander gegangen, wäre ich da gewesen, hätte ich Anzeichen gesehen, hätte retten können, was nicht zu retten war.

„Du hättest anrufen können.“
„Ich weiß.“
„Ich hätte…“
„Du hättest es nicht gekonnt.“

Ich lege meinen Kopf auf seine Schulter, da die Erkenntnis zu schwer wird. Ich hätte ihn nicht retten können. Ich sage es mir immer wieder und wieder. Nur um es zu begreifen. Kann es aber doch nicht. Seine kalten Finger liegen auf meiner Wange, als er sagt, er musste es versuchen. Der Versuch war der einzige Weg, um weiter zu kommen.

„Du musstest Dich selbst retten, erinnerst Du Dich?“
Ich nicke.
„Du hast dumme Dinge dafür getan.“
Ich nicke.
„Das musste ich auch.“
Ich verstehe.

Das Schweigen kriecht aus seiner Ecke und hüllt uns in Stille. Wir klammern aneinander fest. Mein Kopf auf seiner Schulter, sein Kopf auf meinem. Seine Tränen fallen auf meine Wange und vermischen sich mit meinen.

Er sagt, seine Therapeutin riet ihm mich zu treffen. Ich sage, wenn das der Grund wäre, solle er gehen. Er sagt, er wäre hier, weil er so wollte. Ich weiß, dass es nicht so ist. Weil es Zeit wurde. Weil es sonst zu spät dafür wäre. Ich sage, es wäre nie zu spät. Er nickt. Ich nicke.

„Die 60 Minuten waren vor sechs Minuten um.“
„Gehst Du jetzt?“
„Ja.“
„Okay.“
„Machst Du auch nach Weihnachten Tee?“
„Für Dich immer.“

Bevor er geht, umarmt er mich. So wie früher. So wie damals. So, als wären wir wieder Freunde. Als er zur Türe raus ist, räume ich die Tassen in die Spülmaschine, halte mich an der Arbeitsfläche fest, um etwas Halt zu finden und weiß, dass ich nach Weihnachten keinen Tee machen werde.

Worte über B.

17 Dez

Immer, wenn jemand von uns geht, hat man diesen einen Gedanken im Kopf: “Ach, hätten wir doch bloß mehr Zeit gehabt!” – Das Problem an dem Gedanken ist jedoch, dass man eigentlich genug Zeit hatte, nur einsehen muss, dass diese Zeit, die wirkte, als würde sie nie enden, plötzlich doch ein Ende hat. Und dann tauchen all die ungestellten Fragen auf, die man noch hätte stellen wollen; all die Dinge, die man hätte tun wollen; all die Worte, die ungesagt blieben. All das lastet dann auf Deinen Schultern. Und Du selbst weißt nicht so recht, wohin mit all dem.

Aber das Hauptproblem ist, dass man, während man um diese ungetanen Dinge und ungesagten Worte trauert, vergisst, wie viel Zeit man eigentlich hatte und wie man diese auch genutzt hat.

So erging es mir zumindest die letzten Tage. Da waren noch so viele Fragen und so viele Dinge, aber vor allem so viele Worte, die ich hätte sagen wollen, aber die keinen Raum mehr fanden.

Und ich habe so fest an all das gedacht, was noch hätte sein können, dass es mir schwer fiel, mich an Dinge zu erinnern, die waren.

Es brauchte seine Zeit, damit ich begriff, wie viel von meinem Großvater eigentlich in mir ist. Wie viel ich von ihm gelernt habe. Manchmal ganz banale, alltägliche Dinge – manche so groß, dass sie meine Welt verändert haben.

Ich war etwa sechs Jahre alt. Der alljährliche Urlaub mit meinen Großeltern und meinem Bruder stand an. Italien, Bibione. Ich war ungeduldig und die Autofahrt fühlte sich an, wie eine halbe Ewigkeit. Als wir dann endlich dort ankamen, gab es ganz viel Meer, noch viel mehr Eis und einen Minigolfplatz. Meer und Eis waren plötzlich ganz uninteressant. Ich wollte nur zu diesem Minigolfplatz. Der Rest war völlig egal. Also habe ich genörgelt und genervt und gebettelt und noch etwas mehr genervt, bis wir dann eines Abends endlich dorthin gingen. Wahrscheinlich war es eh am zweiten Abend, aber die Wartezeit kam mir vor wie eine Ewigkeit.

An der ersten Bahn, umarmte mich mein Großvater von hinten. Seine Hände hielten meine, meine den Schläger und er erklärte mir, wie ich am besten diesen kleinen Ball in das noch kleinere Loch befördere.

Irgendwann kamen wir bei der letzten Bahn an. Bei der schwersten. Ich blickte mich hilfesuchend zu meinem Großvater um. Er nickte zuversichtlich und sagte: “Hau drauf! So fest wie Du kannst!” Das tat ich dann auch. Ich holte aus und schwang den Schläger mit voller Wucht. Und ich traf! Zwar nicht den Ball, dafür das Kinn meines Großvaters. Und anstatt mich zu schellen, sagte er nur: “Das war ein guter Schlag, Liebes.”

Mein Großvater lehrte mich, dass es manchmal wichtiger ist zu verzeihen, als nachtragend zu sein. Dass man in allen Situationen, so schlecht sie auch sein mögen, etwas Gutes sehen kann. Dass man, egal ob beim Minigolf oder im Leben, immer alles geben sollte.

Irgendwann wurde ich älter, aber nicht sonderlich weiser. Ich wollte irgendetwas demonstrieren, was, das wusste ich selbst nicht so genau. Mein Weg war mehr ein Labyrinth als eine Gerade. Da gab es Misserfolge und falsche Abzweigungen, Abwege und Einbahnen. Und der Weg zu meinem Großvater war immer der schwerste. Da musste ich dann gestehen, was ich falsch gemacht habe, welche Entscheidung ich getroffen hatte. Mehr aber musste ich indirekt gestehen, dass ich nicht weiter wusste. Und immer dachte ich, dass mein Großvater so sehr enttäuscht von mir sein würde.

Doch mein Großvater hat immer an mich geglaubt. Und er war nicht enttäuscht von mir, sondern davon, dass ich manchmal selbst nicht mehr an mich glaubte. Denn er wusste damals schon, was ich lange nicht sah, dass ich alles erreichen kann, wenn ich nur an mich glaube.

Mein Großvater lehrte mich, dass der Anspruch, den Du an Dich selbst hast, wichtiger ist, als der, den andere an Dich haben. Dass es in Ordnung ist, hinzufallen, wenn man danach wieder aufsteht. Aber vor allem lehrte er mich, dass, wenn ich mal selbst nicht an mich glaube, es immer jemanden geben wird, der an mich glaubt.

Mein Großvater war immer mehr wie ein Vater für mich. Und ich glaube auch, dass er manchmal so empfand. Er fiebterte und kämpfte mit mir, er lachte und weinte mit mir. Und letztendlich war er immer da, egal wie brennzlich die Situation auch war.

Er lehrte mich, dass man die Menschen, die man liebt an die erste Stelle stellen muss, manchmal sogar vor sich selbst. Dass man immer gemeinsam lebt, nie alleine. Und dass man Wege zusammen geht, egal wie schwer sie auch sein mögen. Und dass, obwohl alles irgendwann endet, es doch immer bleibt.

Brief an M.

15 Dez

Meine Süße.

Was für ein Jahr, was für ein Leben. Ich erzähle gerne von Dir, von damals, als Du aus Dir rauskamst. Erinnerst Du Dich? Ich mich sehr gut. Du warst Mutter durch und durch. Ehefrau. Selbstständig. Alles. Immer da, immer am Geben. Nie hast Du was verlangt. Nie hast Du etwas genommen.

Ich war bei weitem kein einfaches Kind. Mehr so ein Debakel. Etwas mehr noch ein „Was zum Teufel ist denn in das Ding gefahren?“-Kind. Noch mehr einfach beschissen. Vor allem zu Dir. Ich kann nichts rückgängig machen. Niemand kann das. Wir haben uns Dinge an den Kopf geworfen. Wütend, schreiend. Ich wollte um jeden Preis etwas demonstrieren, was, das weiß wohl niemand. Anders sein. Mit Gewalt. Zeigen, dass ich nicht so sein will, so sein kann, wie man es sich von mir wünscht.

Ich wollte viel. Alles. Etwas anderes vom Leben. Mehr vom Leben. Was ich am meisten wollte: Grenzen austesten. Grenzen ausdehnen. Grenzen überschreiten. Das war Dir zu wider. Glaube ich. Ich weiß es nicht. Aber es brachte viel mit sich. Auf der einen Seite, dass wir uns gestritten haben, dass wir uns fast die Köpfe abgerissen haben, auf der anderen, dass ich heute weiß, dass ich Grenzen nicht als solche erachte. Weil sie einen aufhalten, einengen. Das, mein Liebe, das habe ich von Dir gelernt.

Denn Du hast mir gezeigt, dass es nicht nur Grenzen gibt, die einen von der Gesellschaft gesteckt werden, sondern auch Grenzen, die man sich selbst steckt. Und Du hast mir gezeigt, dass man selbst die durchbrechen kann.

Vor einigen Jahren, ich weiß nicht genau, wann das war. Ich war schon immer fürchterlich mit Daten. Da, da hast Du Deine Grenzen eingerissen. Die Grenzen, die Du Dir selbst gesteckt hast. Du warst für uns da. Aber nie für Dich. Und dann plötzlich. 180 Grad. Kaboom. Grenzen und Mauern eingerissen. Du hast gegen Dich gekämpft und gewonnen. Du bist aus Dir herausgekommen. Bist rausgegangen. Bist aufgelebt. Ich habe es Dir nie gesagt, aber ich habe Dich immer dafür bewundert.

Du bist eine wahnsinnig starke Frau. Warst Du schon immer. Und irgendwann hast Du es auch der Welt gezeigt. Man sagt, man muss sehr hell leuchten, sonst blendet man nicht. Und Du, meine Liebe, Du blendest sie alle in Grund und Boden. Du warst immer Sonne für mich. Immer Ruhepol. Immer Ehrgeiz und Vernunft. Aber vor allem eins: für mich warst Du immer Liebe. So so so so viel Liebe.

Du hast so viele Talente. Du schreibst, Du fotografierst, Du malst, Du lachst, Du inspirierst, Du kannst sogar rechnen, ey, das kann heute doch niemand mehr, Du strahlst und blendest, Du gibst Kraft, Du gibst Stärke, Du gibst Hoffnung. Aber Dein größtes Talent war es schon immer zu lieben. Es ist unglaublich, wie gut Du es kannst. Wie viel Du davon gibst. Wie viel Liebe Du ausstrahlst. Noch nie habe ich einen Menschen gesehen, der Liebe so gut lebt, wie Du es tust. In einer Zeit, in der nichts bleibt, in der alles im ständigen Wandel bist, da bist Du der Ruhepol, der mit weit ausgestreckten Armen auf mich wartet und mich, egal, wie beschissen ich bin, liebt. Ohne Wenn, ohne Aber.

Ich weiß, ich sitze gerne zwischen den Stühlen und in den Nesseln. Aber ich liege auch gerne goldrichtig. Ich stehe manchmal überall, manchmal neben mir, manchmal vor dem Nichts, manchmal am Pranger, manchmal auf dem Sprung. Aber egal wo ich stehe, Du, Du stehst immer neben mir.

Ich hätte Dir dies alles schon längst sagen müssen. Aber Du weißt, ich bin nicht gut darin, diese Art der Gefühle offen auszusprechen. Aber schreiben, schreiben das kann ich. Und es war nötig und verdammt noch mal viel zu spät. Aber, meine Süße, ich danke Dir. Für alles. Dafür, dass Du mir nicht nur Dinge gelehrt hast, sondern vor allem dafür, dass Du mir zeigst, dass Liebe alles meistern kann.

Ich wünsche Dir, nicht nur zu Weihnachten, sondern für Dein Leben, dass Du alles, was Du Dir vornimmst erreichst, dass Du glücklicher als nur glücklich bist, dass Du leuchtende Farben im Grau findest, dass Du Liebe an Orten findest, die verlassen scheinen, dass Du lachst und weinst, dass Du Dinge erlebst, die Deine Welt bewegen, dass Du ganz oft Dein Fernweh stillst, dass Du Ruhe im ohrenbetäubenden Lärm findest, dass Du vor Glück weinst, dass Du keine Angst vor irgendwas hast, dass Du Menschen triffst, die Dich berühren, bewegen und inspirieren, dass Du, egal wie viel Du hast, alles hast, dass Du bleibst wie Du bist, dass Du auf Dich achtest und Dich in den Vordergrund stellst, dass Du das Leben in der Welt und die Liebe bis zu Deinen Zehenspitzen spürst, dass Du tanzend durch die Straßen läufst, dass Du immer ein Motiv hast, auch wenn Du gerade keine Kamera zur Hand hast, aber vor allem, dass Du, meine Süße, dass Du das Leben Deines Lebens hast.

Liebe.
Ganz viel Liebe.

Dein Pumuckel.
Der ich immer sein werde, auch ohne komische Haarfarbe.

Balanceakt

27 Nov

„Wo warst Du?“, fragt sie mich und ich balanciere weiter auf den Schienen.
„In Gedanken.“, sage ich und stelle mir vor, die Eisenschiene unter mir wäre ein Seil, gespannt parallel zum Äquator. Tausend Meter hoch. Und ich laufe, einmal quer um die Erde. Beobachte Sonnenaufgänge und -untergänge, gebrochen Versprechen und Herzen, ineinander verschlungene Hände und Leben.

Sie erzählt von Männern und Misserfolgen. Von Leben und Lieben. Von den kleinen Dingen, denen sie zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt hat. Von dem großen Ganzen, das sie nicht versteht. Ich setze einen Fuß vor den anderen. Tausend Meter über mir erzählen Sterne Geschichten vom Universum.

„Ich bin schwanger.“, sagt sie. Und ich setze Fuß vor Fuß, während wenige Meter neben mir neues Leben entsteht. Ich balanciere mein Ungleichgewicht, sie ihre Optionen. Und zeitgleich verlieren wir den Halt.

Ich klopfe mir das Gras von den Beinen, sie wischt sich die Tränen aus dem Gesicht. „Ich hab verloren.“, sagt sie und meint damit ihn, während ich meine Arme weit ausstrecke und erneut versuche die Balance zu halten.

Der Wind weht durch meine Haare und ich lasse mich fallen. Innerlich. Die Arme so weit von mir gestreckt, als wollte ich versuchen all den Schmerz von ihr abzuschotten.

„Was hab ich falsch gemacht?“, fragt sie. Ihre Hände und Lippen zittern synchron, als sie begreift, dass sie ihn zu sehr geliebt hat, sich selbst aber zu wenig. Und ich sehe am Horizont das Licht, das sich aus dem Ende des Tunnels traut.

„Wo warst Du?“, fragt sie. Und fragt mehr nach dem Grund meiner Abwesenheit in ihrem Leben, als nach dem Grund meiner Flucht.
„Bei mir.“, sage ich und gehe einen Schritt auf das Licht zu.

„Wo warst Du?“, frage ich und lasse mich von dem Licht umhüllen. „Ganz woanders.“, sagt sie und der Zug rast auf mich zu wie Katrina auf New Orleans. Und ich springe. Nicht hoch, nicht weit. Aber genug, um für einen Augenblick zu fliegen.

Double Chocolate Espresso Brownies

20 Sep

Es wird Herbst! Das heißt a) Kürbiszeit und b) man darf getrost die ultimativen Chocolate Brownies kreieren ohne ein schlechtes Gewissen zu haben.

Diese kleinen Dinger sind so unglaublich schokoladig, dass man sich am liebsten reinsetzen möchte!

Zutaten:

  • 150gr Butter
  • 150gr Zucker
  • 50g brauner Zucker
  • 90gr Kakaopulver
  • 1 Prise Salz
  • 1/2 Teelöffel Zimt
  • 25ml Espresso
  • 2 große Eier
  • 80gr Mehl
  • 150gr Zartbitterkuvertüre

Butter in einer Schüssel (vorzugsweise Stahl) über einem Wasserbad schmelzen. Zucker, Kakaopulver, Salz und Zimt dazu. Alles vermengen und etwa 5 Minuten vor sich hinköcheln lassen, bis sich alles aufgelöst hat.

Die Schüssel vom Wasserbad nehmen, den Espresso unterrühren und die Masse für etwa 10 Minuten abkühlen lassen.

Erst die Eier hinzufügen und gut verrühren, dann das Mehl vorsichtig unterheben bis sich alles gut vermischt hat.
Die Schokolade grob zerhacken und unter die Masse heben.

Eine rechteckige Backform (etwa 20x20cm) mit Alufolie auslegen und den Teig darin gleichmäßig verteilen. Sollte keine Form zur Hand sein, kann man auch aus Alufolie eine Form basteln und diese auf ein Backblech legen.

Bei 170 Grad für etwa 20 Minuten backen oder bis der Teig nicht mehr flüssig ist. (Zahnstocher in den Teig stecken, wenn nichts mehr daran hängen bleibt, sind die Brownies durch.)

Die Brownies in der Form komplett abkühlen lassen, dann erst herausnehmen und in kleine Stücke schneiden. Am besten mit Sahne und Amarena-Kirschen servieren.

Et voilà! Die weltbesten Brownies der Welt!

Sacher inspired Cupcakes

20 Aug

Es ist mal wieder Cupcake-Zeit! Und mal ehrlich, diesmal hab ich mich wirklich selbst übertroffen!
Ich hab leider nur Fotos vom Endprodukt, da ich diesmal während des Backens keine Kamera zur Hand hatte. Aber keine Sorge, beim nächsten Rezept gibt’s wieder Millionen Fotos.

Für den Teig:
(reicht für etwa 26 Muffins, oder eine Ø26cm-Springform)

  • 300gr Zucker
  • 220gr Mehl
  • 85gr Kakao (ungesüßt)
  • 1 1/2 TL Backpulver
  • 1 1/2 TL Natron
  • 1/2 TL Salz
  • 2 Eier
  • 240ml Milch
  • 120ml Öl (Sonnenblume, etc.)
  • 240ml Espresso bzw. Kaffee, kochend

Trockene Zutaten in einer großen Schüssel gut miteinander vermengen. Eier, Milch und Öl hinzugeben und verrühren. Den heißen (!) Kaffee dazu geben und gut unterheben.

Muffinform mit Muffin-Liners auslegen, eventuell die Ränder leicht buttern und mit Mehl bestreuen, damit die Muffins, sollten sie über den Rand backen, nicht an der Form kleben bleiben.

Da der Teig sehr, sehr flüssig ist, ihn am besten in eine kleine Kanne füllen und den Teig nachher in die Muffinformen gießen.

Für Cupcakes: die Formen etwa zu 2/3 füllen.
Für Muffins: die Formen etwa 3/4 füllen.

Bei 180 Grad, etwa für 20-25 Minuten backen.
Nach 20 Minuten mit einem Zahnstocher testen, ob die Muffins durch sind.

Muffins aus dem Ofen nehmen, für etwa 15 Minuten noch in der Form lassen. Danach auf ein mit Backpapier ausgelegtes Backblech geben und komplett abkühlen lassen.

Füllung:

  • 250gr Aprikosenmarmelade, fein passiert
  • etwa 70ml Wasser

Die Aprikosenmarmelade in einer Schüssel mit dem Wasser gut verrühren.

Nun ie Masse in einen Spritzbeutel füllen und mit einer Fülltülle in die Muffins spritzen. Solltet ihr weder Spritzbeutel noch Tüllen zur Hand haben, dann schneidet ein kleines Loch in der Mitte der Muffins aus, aber nicht bis zum Boden, und füllt die Marmelade mit einem Löffel ein und bedeckt das Loch dann wieder mit dem Teig, den ihr ausgeschnitten habt.

Ganache:

  • 800gr Zartbitter Kuvertüre
  • 500ml Sahne

Die Schokolade zerhacken und in eine große Schüssel geben. Für etwa 30-60 Sekunden in die Mikrowelle stellen, bis die Schokolade teilweise geschmolzen ist.
Die Sahne in einem Topf erhitzen und sobald sie anfängt zu kochen, von der Herdplatte nehmen.

Die Sahne in die Schüssel mit der Schokolade gießen und etwa 60 Sekunden kräftig rühren, bis die Schokolade völlig geschmolzen ist.

Die Masse erst für etwa eine Stunde an der Luft kühlen lassen und dann für mindestens 5 Stunden im Kühlschrank aufbewahren, am besten jedoch über Nacht.

Sobald die Schokolade gestockt ist und in etwa die Konsistenz von Eiscreme hat, sie etwa eine Minute mit einem elektrischen Mixer aufschlagen. Die Masse verliert hier etwas an Farbe und wird um 2-3 Nuancen heller.

Die Schokolade in einen Spritzbeutel füllen und entweder mit einer geschlossenen Sterntülle, einer Kronentülle oder einer Rosettentülle die Muffins verzieren.
Hier gibt es natürlich verschiedene Möglichkeiten. Bei Schokoladenganache fange ich am liebsten in der Mitte an und arbeite mich an den Rand, um so eine Rosenform zu bekommen. Aber das bleibt ganz euch überlassen.

Hier ein kleines Video, das die zwei einfachsten Frosting-Arten veranschaulicht:

Wenn weder Spritzbeutel noch Tülle zur Hand sind, könnt ihr das Frosting auch mit einer Streichpalette machen. Das bedarf aber etwas Übung, damit es hübsch aussieht:

Was prinzipiell Spritzbeutel und Tüllen angeht: Es gibt von Kaiser ein Einsteigerset, das etwa 20€ kostet und ein weiteres 3er-Tüllenset für etwa 10€. Mit den beiden Sets habt ihr alles zusammen, was ihr am Anfang braucht. Die beiden Sets bekommt ihr in Österreich bei jedem Interspar. In Deutschland bei Karstadt und Kaufhof.
Das Kaiser-Backzubehör ist grandios, ziemlich günstig und reichen für die paar Cupcakes, die man zuhause macht. Wenn ihr mal mehr macht, empfiehlt es sich aber auf jeden Fall einen größeren Spritzbeutel zu kaufen.

Und jetzt: habt Spaß und lasst es euch schmecken!

Zitronen-Ribisel-Muffins

6 Jul

Ihr müsst euch das vorstellen: ich laufe fröhlich in den Garten, pflücke mir meine Ribisel vom Strauch, laufe zurück in die Küche, backe meine Zitronen-Ribisel-Muffins, mache ein Foto davon, will es instagramen und frage mich nur eins: „Ribisel? Ribisel? Ribisel? Das versteht doch kein Deutscher.“

Nun. Nachdem ich es gegooglet habe, weiß ich, dass Ribisel in Deutschland also Johannisbeeren heißen. Was total unpassend ist. Ribisel beschreibt diese kleinen Dinger doch viel besser. Außerdem klingt es viel niedlicher. Viiiiel niedlicher.


Zutaten:
2 1/2 cups / 180 gr Mehl
1 TL Backpulver
1 TL Natron
1/4 TL Salz
1/2 cup / 160 gr Butter, Raumtemperatur
3/4 cup / 150 gr Zucker (wer es eher süß mag, nimmt noch etwa 100 gr Zucker mehr)

250-300 gr Jogurt
2 Eier
etwas Milch
Saft von zwei Zitronen

200-300 gr Ribisel / Johannisbeeren (oder auch jede andere Art von Beeren. Grandios mit Blaubeeren. Aber auch Kirschen. Oder Apfelstücken. Oder Zwetschgen, also Pflaumen.)

Butter und Zucker etwa drei Minuten lang schaumig rühren, dann beide Eier dazu geben und weitere zwei Minuten rühren.
Währenddessen die Ribisel waschen, trocknen und mit 1-2 Esslöffel des Mehls vermengen. Das dient dazu, dass sich die Beeren nachher im Teig gleichmäßig verteilen und nicht aufbrechen.
Dann den Saft der Zitronen langsam in die Butter-Ei-Zuckermasse rühren.
Das restliche Mehl mit Salz, Backpulver und Natron gut verrühren und zeitgleich mit dem Jogurt in die Rührschüssel geben und nur kurz verrühren, so dass sich die feuchten und trockenen Zutaten gut vermischen. Auf keinen Fall zu lange mixen, da der Teig ansonsten zu fest wird.

Falls der Teig noch nicht cremig genug ist, etwas Milch hinzugeben.

Ribisel vorsichtig unterheben und den Teig gleichmässig auf etwa 22 Muffinformen verteilen (das funktioniert am besten mit einem dieser Eiscreme-Löffel-Dinger.)

Bei 180 Grad etwa 18-22 Minuten backen.
Tada!

Blogparade der Leidenschaft

26 Mai

Mathias rief zur Blogparade auf. Das Thema? Ach, ganz einfach, Leidenschaft. Die ja bekanntlich Leiden schafft. So wie dieser Blogpost.

Ich überlegte also. Meine Leidenschaft. Die eine, die große, die alles umfassende. Dann die Frage: Hab ich überhaupt diese eine, diese große, diese alles umfassende Leidenschaft? Laut Mathias muss man eine haben, wenn dem nicht so ist, sollte man umgehend seinen Lebensstil hinterfragen.

Anstatt meinen Lebensstil zu hinterfragen, machte ich etwas, dass ich schon leidenschaftlich gerne mache: ich schrieb eine Liste. Eine Liste an Dingen, die ich leidenschaftlich gerne tue. Die sah dann in etwa so aus:

  • Listen schreiben (mehr fiel mir nämlich anfänglich nicht ein)
  • Kreative Dingensbumsen (Sprich alles, was irgendwie kreativ zustande kommt. Außer Lieder schreiben und diese dann singen. Das tue ich nicht mal meinen Ohren an.)
  • Bücher lesen (Dank Studium zwar nicht unleidenschaftlicher, dafür seltener.)
  • Filme & Serien gucken
  • lästern (so leidenschaftlich gerne, dass ich sogar alle vier Teile von Twilight (YIKES!) gelesen habe, nur um fundierter lästern zu können.)
  • kochen, backen und meine Freunde damit dick machen
  • alleine sein (ja, tatsächlich. Aber das ist sowieso etwas, das seinen eigenen Blogpost verdient.)
  • (nach)denken (exzessiv. Von vorne nach hinten und zurück. Kreuz und quer. Und generell auf englisch.)
  • durch die Gegend laufen und die Welt bestaunen (und so abgelenkt sein, dass ich die Laterne zwei Zentimeter vor meinem Kopf nicht bemerke.)
  • Musik (weil ohne Musik prinzipiell alles doof ist. Und Musik nur dann gut ist, wenn die Lyrics gut sind. Und man sie überinterpretieren kann.)
  • reden (vorzugsweise mit ein bis zwei Personen. Ungern in großen Gruppen. Ungerner vor vielen Menschen. Manchmal auch mit mir selbst.)
  • Wissensbücher (oder Wikipedia. Hauptsache neues Wissen. Nicht nur, weil Wissen generell einfach awesome (mir fällt leider kein deutsches Äquivalent ein) ist, sondern weil man dann auch in Unterhaltungen folgende Dinge einfließen lassen kann: Weißt Du eigentlich, dass wir aus den selben Elemente bestehen wie Sterne? Nämlich wirklich den selben. So ein Stern besteht aus ganz bekannten Elementen, wie zum Beispiel Sauerstoff, Nitrogen und Karbon. Und wenn dann ein Stern explodiert, überzieht er quasi alles in seinem Umfeld mit diesen Elementen. Und mit quasi alles meine ich nicht nur Sterne, sondern auch Planeten. Diese Elemente landn irgendwann auf der Erde. Und aus ihnen entsteht dann irgendwann irgendetwas Neues. Auch wir. Ergo bestehen wir aus Sternstaub. Hah!)
  • renovieren (am liebsten täglich. Ganz ehrlich. Hätte ich das Geld, dann gäbe es jede Woche ein neu renoviertes Haus von mir.)
  • Neues lernen. (auf meiner Sommerliste steht da zum Beispiel Einrad fahren. Man hat ja sonst nichts zu tun.)

Die Liste ging noch elendslang so weiter. Aber den Rest erspare ich euch. Den erspare ich auch mir.

Ich sah diese Liste an. Las sie immer und immer wieder und versuchte diese eine, diese große, diese alles umfassende Leidenschaft rauszupicken. Mit der Erkenntnis, dass ich es nicht kann. Egal, wie leidenschaftlich ich das alles tue, es wird eben nie diese eine, diese große, diese alles umfassende Leidenschaft sein.

Irgendwann beschloss ich dann mich einfach damit abzufinden, dass ich keine große, sondern viele kleine Leidenschaften hatte. Man soll ja auch die kleinen Dinge im Leben schätzen. Dennoch hatte ich das Gefühl, Mathias eine Antwort schuldig zu bleiben. Das wäre, als würde er fragen, wo wir uns auf einen Kaffee treffen wollen und ich ihm 20 Cafés aufzähle. Das funktioniert nicht.

Er wollte eine Antwort. Und lieber Mathias, diese eine Antwort bekommst Du.

Wenn ich mich auf eine Leidenschaft festlegen sollte, kann ich das eigentlich ganz einfach tun. Weil ich die Antwort schon vor dieser Liste eigentlich wusste, nur sie etwas zu platt, zu klischeehaft, zu einfach fand. Das ist sie aber nicht. Eigentlich ist meine Leidenschaft sehr komplex, sehr sprunghaft, sehr unterschiedlich, sehr verwirrend, sehr euphorisch, sehr grandios. Immens, überwältigend und atemberaubend.

Lieber Mathias, meine Leidenschaft? Leben.

Wer mitmachen will, tut es hier!

Manchmal muss man eben springen

2 Mai

Es ist der vierte Tag unserer Reise. Ich sitze auf der Terrasse, trinke Kaffee, während Alex in der Küche steht und uns das weltbeste Frühstück der Welt zaubert. Jay schläft noch und schnarcht so laut, dass ich ihn hier draußen noch höre.

Es riecht nach Kaffee, verbranntem Speck und Meer. So so so viel Meer. Es ist das erste Mal seit drei Jahren, dass ich es sehe. Nicht, weil ich nie die Möglichkeit dazu hatte, sondern weil ich mich ohne ihn nicht getraut hatte. Meer war immer unser Ding. Spontan losfahren, egal wohin, Hauptsache ans Meer. Es ist auch das erste Mal seit drei Jahren, dass ich einfach lachen kann.

„Speck ist alle!“
„Ach, mir reichen auch Eier mit Brötchen.“
„Brötchen sind auch alle.“
„Eier reichen auch.“
„Die sind nicht alle, die sind sogar gut durch.“

Alex setzt sich neben mich und wir essen fast verbranntes Rührei mit zu viel Salz aus der Pfanne. Dennoch ist es das weltbeste Frühstück der Welt. Jay schnarcht noch immer.

„Also? Gehen wir zu den Klippen?“
„Wer kann denn dazu nein sagen?“
„Jay.“
„Wenn, dann schnarcht er es.“

Zehn Minuten später leere ich Jay den letzten Schluck von meinem kalten Kaffee ins Gesicht. Er erschreckt sich so, dass er aus dem Bett fällt. Alex macht etwa hundert Bilder davon.

„Klippen?“
„Erst Kaffee, dann Klippen.“
„Den hast Du im Gesicht.“
„Gibt’s den auch in Tassen?“
„Wenn Du welche im Schrank hast.“

Vier Stunden später erreichen wir die höchste Klippe. Fünfzehn Meter unter mir schlagen die Wellen gegen die Felsen, tausende Meter über mir zieht ein Gewitter auf. Alex und Jay gucken ängstlich über den Rand und überlegen laut, was passieren kann, wenn man runter springt. Währenddessen ziehe ich mir Hose, Schuhe und Shirt aus, gehe einige Meter nach hinten, atme noch einmal tief durch und renne los.

Als ich abspringe, höre ich Alex schreien. „Fuck, Ash!“ Ich fühle mich komplett schwerelos. Darüber, dass ich nicht wirklich schwimmen kann, denke ich erst nach, als ich untertauche. Darüber, dass es nicht klug ist, kurz vorm Sturm ins Meer zu springen, denke ich erst nach, als mich die erste Welle gegen die Felsen drückt.

Doch während ich falle ist mein Kopf völlig leer. Die Zeit scheint kurz still zu stehen. Ich schreie so laut ich kann. Nicht vor Angst, sondern vor Freude. Und sehe nur das Wasser unter mir, den Horizont vor mir. Da eine Welle, dort schwarze Wolken und alles fühlt sich so so so unglaublich an.

Das Wasser ist kälter, als ich erwartet habe. Aber eigentlich hatte ich mir darüber keine Gedanken gemacht. In Wahrheit habe ich mir über diese Aktion insgesamt keine Gedanken gemacht. Ich tauche tief ins Wasser ein, drehe mich im Kreis, weiß kurz nicht, wo oben oder unten ist und dann tauche ich auf. Lachend.

Als die erste Welle auf mich zu kommt, tauche ich unter. Als ich wieder auftauche, erwischt mich eine. Ich versuche wieder zu tauchen, schaffe es aber kaum und werde gegen die Felswand gedrückt. Kurz spüre ich meinen Rücken schmerzen, vergesse es aber sobald, ich die nächste Welle auf mich zu rasen sehe.
Ich tauche unter, presse meine Füße gegen die Felsen und versuche gegen das Gewicht des Wassers zu kämpfen.

Irgendwann schaffe ich es ein Stück die Felswand hochzuklettern und mich an einem kleinen Vorsprung festzuhalten. Dort klammere ich mich fest, bis mich zwei Männer von der Küstenwache dort runter zerren und mich zu einem Boot bringen.

Als wir am Ufer ankommen, werde ich von Alex und Jay empfangen, die so aufgewühlt sind, dass sie mich abwechselnd beschimpfen und fest an sich drücken.

„Bist Du irre? Du kannst doch nicht so einfach springen.“
„Konnte ich eigentlich ganz gut.“

Erst jetzt merke ich, dass meine Knie bluten. Und meine Ellbogen. Und meine Handflächen. Und mein Rücken. Kaum sehe ich die Wunden schmerzen sie auch schon. Doch mein Kopf macht sich darüber keinen Kopf.

„Du blutest.“
„Das tut sie eh einmal im Monat. Da ist ein zweites Mal sicher nicht so schlimm.“
„Orrr, Jay!“
„Alter, Jay. Ich will das gar nicht hören.“

Ich grinse. Alex zerrt mich zu einer ersten Hilfe Station. Jay verdreht die Augen.

„Alter. Wieso tust Du so was?“
„Ich glaube, manchmal muss man einfach springen.“

September war immer mein liebster Monat.

3 Apr

September war immer mein liebster Monat. Alles ist auf einmal einem Wandel ausgesetzt, den nichts aufhalten kann. Die erdrückende Hitze weicht der kühlen Abendluft. Die Natur wird so unerträglich bunt. Die Stille so unerträglich leise.

Dieser eine September hätte der beste aller Zeiten werden können. Ich sehe uns noch, zwischen all den Landkarten, Büchern und leeren Gläsern, im Schneidersitz am Boden sitzend. Du lachst, ich lache mit, weil Du schon immer das schönste Lachen hattest. Vier kleine Sommersprossen auf Deiner Nase. Die kleine Narbe auf Deinem Handrücken. Diese unglaublich unglaublich unglaublich blauen Augen.

Kleine, gelbe Post-Its auf der Landkarte markieren unsere Wunschziele. Eigentlich hätten wir ein großes Post-It über die gesamte Landkarte kleben können. “Na, wo wollt ihr hin?”, höre ich Deine Mutter fragen. Wir sehen uns an, grinsen und antworten synchron: “Überall hin.”

Sie schüttelt lachend den Kopf: “Dann seid ihr aber länger als drei Wochen unterwegs.” Wir sehen uns an, grinsen und nicken synchron.

“Wir sollten Atlantis suchen!”
“Und im Bermuda Dreieck schwimmen!”
“Und nach Fantastica flüchten!”
“Ich glaube, das ist realistisch.”
“Ja, das glaube ich auch.”

September war immer mein liebster Monat. Wir sitzen abends auf der Hollywoodschaukel. Du suchst Sternkombinationen, ich gebe ihnen Namen. Während wir den selbstgemachten Eistee Deiner Mutter trinken und Pläne schmieden, so strahlend, so funkelnd, dass sie den besten Goldschmied neidisch machen würden.

Dein Arm um mich. Mein Kopf auf Deiner Schulter. Eine Decke um uns. Es wird abends langsam frisch, aber das stört uns nicht. Wir sitzen so nah aneinander, dass wir uns wärmen. Die restliche Wärme spendet das Lachen, das durch die Nacht hallt.

“Siehst Du die acht Sterne da? Rund um den großen Stern?”
“Ich glaube, das ist der Känguruelefant.”
“Der große oder der kleine?”
“Mama Känguruelefant.”

September war immer mein liebster Monat. Du schläfst noch, während ich versuche leise aus dem Bett zu krabbeln und dabei genug Lärm mache, um das ganze Haus zu wecken. Auf nackten Zehen tapse ich aus Deinem Zimmer, die Treppe hinunter, ins Wohnzimmer. Deine Mutter hat nichts weggeräumt. Alle Möbel haben wir ganz an den Rand geschoben. In der Mitte, ein Chaos aus Landkarten, Büchern, Kissen und Post-Its.

Ich setze mich genau dazwischen und betrachte, was wir unseren Masterplan nennen. Da ein Ziel, dort ein Traum, dazwischen ein paar Wünsche. Als Deine Schritte hinter mir ertönen, lächle ich. Als Du Dich neben mich setzt, lächle ich mehr.

“Wo genau ist das Ende der Welt?”
“Dort, wo sie aufhört und irgendetwas anderes beginnt?”
“Aber woran erkennt man das?”
“Am Gefühl. Ganz sicher am Gefühl.”

September war immer mein liebster Monat. Dieser September ist ein Jahr und eine halbe Ewigkeit her. Unser Lied tönt in meinen Ohren, während ich langsam zu Dir gehe. Schritte, die mir noch nie so schwer fielen. Mein Herz schlägt wie wild. Meine Lungen wagen es kaum nach Luft zu schnappen.

Nina singt. Es erinnert mich an damals. Wir fuhren, wohin wusste ich nicht. Was ich jedoch wusste, dass der CD-Player Deines Autos nicht wirklich funktioniert. So sang Nina ganze fünf Stunden lang dieses Lied.

Als ich bei Dir ankomme, setze ich mich auf den Boden. Und versuche Worte für etwas zu finden, für das ich nie Worte finden werde. Ich will sagen, dass es mir leid tut. Dass ich dumm war. Dass ich an allem Schuld bin. Dass ich manchmal weiß, dass dem nicht so ist. Dass ich Dich vermisse. Immer mehr mehr mehr.

“Du fehlst.”
Stille.
“Ich weiß nicht mehr, wo ich hin gehöre.”
Stille.
“Ich hätte früher kommen sollen. Ich konnte nicht.”
Stille.
“Komm zurück.”
Stille.

September war immer mein liebster Monat. Es wird dunkel und kalt. Meine Finger zittern. Ich beiße so fest auf meine Lippen, dass sie bluten. Und versuche aufzustehen, finde jedoch keinen Halt. Ich bleibe sitzen. Lege meinen Kopf, auf die Stelle, an der ich Deine Brust vermute. Lausche. Suche nach einem Geräusch, das sich so sehr nach Dir anfühlt.

“Bist Du da?”
Stille.
“Wo bist Du?”
Stille.
“Wieso musstest Du gehen?”
Stille.
“Wieso hast Du mich nicht mitgenommen?”
Stille.