Was ich euch zu Weihnachten und sonst auch wünsche

24 Dez

Ich wünsche euch, dass ihr Frieden mit euch selbst findet – nicht nur heute, sondern an allen anderen Tagen. Dass ihr begreift, was ihr habt, anstatt nur zu sehen, was euch fehlt. Dass ihr beginnt ein Fundament zu bauen – in euch, nicht auf dem Rücken anderer. Dass ihr wisst, dass ihr immer genug Kraft habt, auch wenn ihr glaubt am Ende zu sein. Dass ihr am Ende des Tages mehr gelacht als geweint zu haben. Dass ihr immer etwas mehr hofft, immer etwas mehr glaubt. Dass ihr wisst, dass ihr immer noch ein Stück weitergehen könnt, auch wenn die Füße unter der Last des Herzen schmerzen. Dass ihr glücklich mit euch seid und eure Glück nicht von anderen abhängig machen müsst.

Ich wünsche euch, dass ihr Menschen habt, die euch zum Lachen bringen, auch wenn euch zum Weinen ist. Dass immer jemand da ist, der euren Anruf entgegen nimmt, um euch zu sagen, dass alles gut wird. Dass ihr seht, dass alles gut werden kann, wenn man nur dran arbeitet. Dass ihr merkt, dass Dinge, die nicht gut werden wollen, verbannt werden müssen. Dass ihr Hände zum Halten habt. Dass ihr den Wert solcher Hände begreifen könnt. Dass ihr zweite Chancen geben und verzeihen könnt. Dass ihr Liebe geben und annehmen könnt.

Ich wünsche euch, dass ihr aber auch Frieden schließen könnt, mit all den Menschen, die euch Leid angetan habt. Dass ihr aber auch seht, dass man manchmal nicht auf Menschen zugehen kann, wenn sie sich dagegen wehrt. Dass ihr das akzeptiert und weitergehen könnt, ohne all den Ballast mit euch rumtragen zu müssen. Dass ihr all die Negativität aus eurem Leben verbannen könnt – auch wenn das bedeutet, dass ihr Menschen gehen lassen müsst. Dass ihr euch Bilder macht, anstatt sie euch malen zu lassen. Dass ihr offen auf Menschen zugehen könnt, ohne über Vorurteile zu fallen.

Ich wünsche euch, dass ihr lebt – ganz grandios lebt.

Zuhause!

10 Mai

 

Ich war so so so wütend. Stets. Ein Pegel an innerer Wut hielt konstant die Stellung in meinem Inneren, manchmal so standfest, dass mein Körper sich so verspannte, dass es weh tat.
 
Ich war so so so wütend. Auf nichts. Auf alles. Wohl am meisten auf mich selbst. Den Grund dafür vermochte ich nicht festmachen zu können. Das Gefühl dafür aber umso mehr.
 
Ob die Wut ein Nebeneffekt der Depressionen war oder die Depressionen ein Nebeneffekt der Wut oder ich vielleicht selbst als Ganzes ein gefühlsverzerrter    Nebeneffekt,  kann ich auch heute noch nicht sagen.
 
Dennoch waren all diese Gefühle – die Wut, die Trauer, die Angst, die ständige Ungewissheit, das nicht enden wollende Loch – Teil eines omnipräsenten Wahns.
 
Ich war nie genug – weniger für andere, als für mich selbst. Ich wollte immer mehr – besser, schneller, intelligenter, hübscher, kreativer sein. Der Maßstab, den ich mir selbst gesetzt habe, schien unerreichbar. Ich blieb ständig weit darunter.
 
Es bedarf etwas Zeit, doch irgendwann kam mir die Erkenntnis zuteil, dass viel, dass ich war und noch immer bin, völlig okay ist. Dass es okay ist, introvertiert zu sein. Dass ich nicht krampfhaft versuchen muss, extrovertiert zu sein. Dass ich nicht so gut alleine sein kann, weil ich mich vor Menschen fürchte, sondern weil ich aus den Momenten, in denen ich mit mir selbst still sein kann all die nötige Kragt schöpfe, die ich brauche, um all das zu sein, was ich bin und sein will.
 
Dass Ängste wunderbar sind. Dass Ungewissheit der beste Beigeschmack des Lebens ist. Dass ich sein kann, ohne ständig versuchen zu müssen, aber ständig versuchen zu dürfen, besser zu werden.
 
Wir schreiben 2013. Ich lebe! Glücklich! Nicht immer, aber oft. Und ich bin nicht mehr wütend. Ich bin nicht mehr depressiv. Ich ziehe es vor, mich zurückzuziehen anstatt zu verstecken.
 
Und ich bin zuhause. In einer Stadt, die ich nie mochte. In einer Stadt, die immer mehr Feindbild als Zufluchtsort war. Und hier in Wien, hier an diesem Ort, der mir stets das Gefühl von Angst vermittelte, hier hab ich gelernt frei zu sein. Hier hab ich gefunden, wonach und wonach ich nicht gesucht habe. 
 
Es ist 2013 und ich bin so sehr am Leben, wie noch nie zuvor. Auch wenn, ich diesen Scherbenhaufen namens Herzen immer rumschleppe, weiß ich, dass es gut so ist. Dass es weh tun darf, aber nicht ständig muss. Dass Leben mehr ist, als nur am Leben zu bleiben. Dass alles seinen Platz hat, sogar ich. Dass ich frei sein kann, ohne mich in der Freiheit eingeengt zu fühlen. Dass sich alles ändert.
 
Dass ich nicht aufs Ende warten muss, damit alles gut ist.

5.Stock

4 Feb

Sie singen Lieder,
meine Gedanken und der Wind.
Ich sitze auf dem Geländer.
Es ist der 5.Stock.
Ich könnte fallen,
aber tue es nicht.

Und ich will schreien,
so laut, dass Du es hörst,
und lass es doch.
Weil ich schon immer leise
besser schreien konnte.

Macht den Mund auf!

25 Jan

So, ich geb auch mal meinen Senf auf die Wurst.

Die Welt ist ungerecht. Wissen wir alle. Und es passieren ungerechte Dinge. Und nicht nur sexistische Dinge. Frauen machen sich über Frauen lustig. Männer machen sich über Männer lustig. Frauen über Männer. Männer über Frauen. Jeder ist irgendwann Opfer, genauso wie jeder irgendwann Täter ist. Und jetzt sagen alle: “NEIN! Ich doch nicht!”

Pustekuchen!

Jeder hat schon mal etwas getan, was eine andere Person verletzt hat. Jede Frau hat sich schon mal über eine andere Frau das Maul zerrissen. Jeder Mann hat schon mal über irgendeinen Kerl geschimpft. Jeder hat schon mal jemanden in eine Schublade gesteckt.

Und das ist, was mich hier heute am meisten stört. Die Schublade, die sich hier heute bildete, wird größer und größer.

Männer sind scheiße!
Wisst ihr was? Frauen auch!

Alle Männer werden nur von ihren Trieben geleitet. Alle Männer tun jegliche weibliche Handlung mit “ah, sie hat ihre Tage!” ab. Männer reduzieren. Männer sind scheiße. Männer verallgemeinern. Männer stecken uns in eine Schublade. Und baaam, da ist sie, die Schublade, in die viele Frauen gerne alle Männer stecken.

Sexistische Kommentare und diverse Handgreiflichkeiten, sei es ‘nur’ ein Klaps auf den Hintern, sind nicht in Ordnung. Das will ich gar nicht schön reden. Das ist scheiße. Der Mensch, der so handelt, ist vielleicht nicht als Ganzes scheiße, aber hat eindeutig Charaktereigenschaften, die man sich nicht auf die Stirn schreiben sollte.

Wisst ihr was auch nicht in Ordnung ist? Eine Frau, die eine andere Frau als fett und hässlich bezeichnet. Ein Kind, das glaubt, die Mutter beschimpfen zu müssen. Ein Kerl, der ohne mit der Wimpern zu zucken seine Freunde belügt. Der kleine Junge von neben an, der mit Steinen nach Tieren wirft. Das Mädchen, das meint ihren kleinen Bruder im Wandschrank einsperren zu müssen. Der Vater, der seine Kinder schlägt. Der Mensch, der andere ständig verurteilt. Der Mensch, der sich ohne Punkt und Komma über seine Mitmenschen lustig macht. Der Mensch, der ohne Rücksicht auf Verluste durchs Leben geht. Der Mensch, der meint, diese Welt wäre sein Spielplatz, dessen Regeln er aufstellen darf.

Aber wisst ihr, was auch nicht in Ordnung ist? Still zu bleiben! Klar, viele mögen es ihrer Mutter, ihrer besten Freund oder ihrem besten Freund, dem Bruder, der Schwester oder sonst wem erzählen. Da stößt man ja auch auf Verständnis. Aber diese Wut, die man in sich trägt, die wird man dadurch nicht los.

Und der Mensch, der auch zu nahe trat, der, der auch beleidigt oder eure Grenzen überschritten hat, der, dem diese Wut eigentlich gebührt, der bekommt nichts davon ab. Der läuft durch sein Leben und sieht, dass seine Taten funktionieren, solange er nicht einmal Konsequenzen zu spüren bekommt. Glaubt ihr, dass wenn ein Ladendieb nie erwischt wird, dass er wirklich damit aufhört? Glaubt ihr, dass ein Mensch, der ständig auf Kosten anderer lebt, morgens aufwacht und drauf kommt, dass er schlechte Dinge tut? Pustekuchen. Wird nicht passieren. Und da können die Freunde auch mal sagen, dass sie die Handlungen nicht gut finden, das wird nichts ändern. Seine ‘Opfer’ müssen aufstehen.

Wenn euch etwas Ungerechtes passiert, dann steht auf und gebt Kontra. Kriegt eure Fresse auf. Und ich weiß, das ist alles leichter gesagt als getan. Ich kenne das. Ich weiß das alles. Mir sind auch schon genug Dinge passiert. Ich hab auch schon oft genug geschwiegen und Dinge über mich ergehen lassen. Und wisst ihr was mir das gebracht hat? Nichts. Außer einer innerlichen Wut, die nicht weichen wollte. Die nur größer wurde. Die vor sich hinköchelte. Und die Menschen, die mir dieses Leid einbrockten, die hatten keine Ahnung. Weil viele, die anderen Menschen Dinge antun, kennen deren Konsequenzen nicht. Die wissen nicht, was es mit Dir anstellt. Und sie wissen ganz oft nicht, wie tief einen etwas treffen kann.

Ich bitte euch, macht euren Mund auf. Nicht für andere. Nicht, um demjenigen in die Schranken zu weisen. Sondern nur für euch. Und wenn er es nicht einsieht, dann wird er es vielleicht, vielleicht auch nicht. Aber ihr seid für euch eingestanden und habt für euch gesprochen. Etwas, das euch niemand nehmen kann.

Und vielleicht, wenn nicht nur einer, sondern mehrere Menschen mal den Mund aufbekommen und anmerken, wenn etwas ungerecht wird, vielleicht verändert das was. Aber solange die meisten schweigen, passiert nichts. Und die Menschen, die euch ungerecht behandelt haben, werden nie wissen, dass es für euch nicht in Ordnung war.

Und schreit einmal wirklich auf. Nicht hier auf Twitter, sondern da draußen.

So, mein Senf.

Filmsuche

19 Jan

Ihr Lieben.

Wie vielleicht ein paar von euch mitbekommen habe, habe ich dieses Jahr das Projekt “365 movies in 365 days” am Laufen.
Und deswegen brauche ich Filmtipps!

Ich brauche folgende Kategorien:

  • Trilogien (auch Dilogien, Tetralogien, etc.)
  • Filme vor 1980
  • Filme zwischen 1980-1990
  • Filme aus den 90ern
  • Filme zwischen 2000-2010
  • und Filme ab 2010

Genre ziemlich egal. Hauptsache Film. (Vorzugsweise keine deutschen & dänischen.)

<3

Danke!

10 Jan

Ich bin sprachlos. Mit einem solchen Anklang hätte ich nicht gerechnet. So viele haben sich für ein paar Worte bedankt, die lange in meinem Kopf schwirrten und gestern Abend urplötzlich und in Windeseile festgeschrieben werden wollten.

Die Resonanz, die ich bekommen habe, hat mir im Sekundentakt die Sprache verschlagen. Und meine Theorie, die nie wirklich eine wahr, bestätigt. We’re all in this together. Ich danke euch für die Worte auf Twitter, auf Facebook, per Mail und DM, am Telefon und per diverser Nachrichten. Ich danke euch, dass ihr die Worte verbreitet und geteilt habt. Die Sterne interpretiere ich als ein Nicken und als Verständnis und Zustimmung. Und es macht mich sprachlos.

Das Internet war für mich jahrelang ein Ort der Anonymität und dadurch ein Ort, an dem ich all die düsteren Gedanken packen konnte, die ich nicht in die Welt schreien konnte. Ein Ort, an dem ich sein konnte, ohne mich vor Blicken fürchten zu müssen. Das änderte sich schlagartig, als ich anfing Menschen, die ich online kennenlernte, an mich ran zu lassen. Und bemerkte, wie wenig es auf die Fakten ankommt, sondern auf die Geschichten dazwischen. Dass Oberflächlichkeiten und Smalltalk kaum stattfanden. Dass man sehr schnell auf den Punkt kam und über das sprach, was einen wirklich bewegte.

Ich kenne viele von euch. Noch mehr kenne ich nicht. Ich habe Geschichten gehört und Geschichten erzählt. Ich habe mit euch geweint, gelacht. Ich habe wegen auch nachgedacht und mir den Kopf zerbrochen. Ich habe euch ganz nah an mich rangelassen, während ihr mich ganz nah an mich rangelassen habt.

Doch bevor es zu all dem kam, gab es diese Zwischenzone. Diesen Moment, als sich online und offline verbanden und plötzlich reale Menschen vor mir standen. Die mir teilweise die Stimme nahmen. Nein, nicht nahmen. Es waren plötzlich echte, reale Menschen und mein Mut war dahin. Und ich schrieb viel nicht. Habe mich viel zurückgehalten. Habe geschwiegen, wenn ich etwas zu sagen hatte.

Da war immer dieser Hintergedanke. Doch ich schrieb weiter. Immer. Weil ich nicht anders kann. Weil es der letzte Zwang ist, der mir von vielen noch erhalten blieb. Nur gab ich mir Mühe viel zu sagen, ohne viel Preis zu geben.

Als ich damals in dieser Klasse war, kam mir diese Idee. Sich vor fremden Leuten hinstellen und Gemeinsamkeiten aufdecken. Sich zu öffnen und zu hoffen, dass daraus ein Spiegelbild wird. Gedanken, die sich Jahre in meinem Kopf gefestigt haben, aber nie ihren Raum fanden. Gestern passierte es. Ich weiß nicht, warum. Aber es war gut. Es wollte raus. Und, wenn ich was gelernt habe, dann, wenn etwas raus muss, dann musst Du es rauslassen.

Ich hatte selbst das Pech ein Mobbingopfer zu sein. Ich hatte das Glück, Freunde außerhalb der Schule zu haben. Ich hatte schon immer einen dicken Panzer, zumindest nach außen hin. Aber wenig geht spurlos an einem vorbei. Ich litt die Hälfte meines Lebens an Depressionen und einer Essstörung. Ich hatte Angst vor allem. Ich war ein Haufen Unglück. Ich war am Ende. Nicht nur, weil mir viel Hass von außen entgegen gebracht wurde, sondern weil ich ihn mir selbst ins Gesicht schleuderte.

Und all das ist irgendwo noch ein Tabuthema. Nein, falsches Wort. Es wird diskutiert. Aber selten persönlich. Selten stellen sich Menschen in die Öffentlichkeit und sagen: “Hey! Das und das hat das und das ausgelöst. Es tat weh. Ich hatte Angst. Ich konnte teilweise nicht mehr.” Weil eben auch das eine Angriffsfläche bietet.

Das gestern und heute. Herzen. Das war bewegend. In alle Richtungen. Und mir fällt es schwer, die richtigen Worte zu finden. Und ich danke euch. Von Herzen. Mit allem, was ich habe. Es ist unglaublich. Ihr seid unglaublich. Für jedes “Danke!” und für jedes “Ich weiß, was Du meinst. Mir ging es ähnlich.”, gebe ich euch 1000 Danke zurück.

“Hast Du schon mal geweint, weil Dich Menschen, die Du nicht kanntest, so sehr berührt haben?”
Ich hebe meine Hand.

Heb die Hand.

9 Jan

Es ist schon ein paar Jahre her, als ich mit einem Freund in eine Schule ging, um dort über Mobbing zu sprechen. Es war die Klasse seiner kleinen Schwester. Entzückendes Ding. Zu alt für ihr Alter. Kleine Stimme mit riesigem Volumen. Introvertiert ohne Ende. Eines dieser stillen Wasser, die unergründlich tief sind. Sie wurde gemobbt. Wie viele andere in ihrer Klasse. Eine, dieser Klassen, in denen niemand sein möchte, der nur irgendwie anders sein möchte.

Niko und ich stellen uns vor einen Haufen 14-Jähriger und werden erst, stilecht, beschimpft. Das gehört zum guten Ton. Man weiß ja, was der Bauer nicht kennt, das frisst er nicht.
Wir hatten unseren kleinen Vortrag gründlich einstudiert. Wir hatten eine Präsentation mit Mems. Wir hatten alles geplant. Nur nicht einen Haufen 14-Jähriger, die sich nichts sagen lassen wollen. Es brauchte den strengsten Lehrer der Schule, um Ruhe in das Klassenzimmer zu bekommen.

Als alle so taten, als würden sie zuhören, fingen wir langsam an zu reden. Niko versucht seine Schwester zu verteidigen ohne sie beim Namen zu nennen. Ich erzähle, dass ich früher viel gemobbt wurde. Ein Junge, der die ‘Coolness’ anscheinend mit Löffeln gefressen hat, schreit: “Du? Warum? Du bist doch voll heiß!”

“Geht es nur darum?”, frage ich ihn.
“Natürlich, Alter!”

Ich erzähle ihm von einem Mädchen, das ich einst kannte. Bildhübsch. Klug. Lustig. Und krame in den Untiefen meines MacBooks ein Foto von ihr hervor. “Glaubt ihr, sie wurde gemobbt?”, frage ich. “Alter! Die ist doch ein Model.”, kommt es aus der letzten Reihe. Dann erzähle ich ihnen, wie sie Tag für Tag von ihren Mitschülern fertig gemacht wurde. Erzähle von ihrer Essstörung. Erzähle von Narben und Alkohol. Erzähle von ihrem Selbstmord. Und alles wird ruhig. Ein “Warum?” ertönt. Dann wird getuschelt.

Niko erzählt von Angriffsflächen, die jeder bietet. Von Wunden, die offen liegen und nur so aufs Salz warten. Von Ängsten, die ausgenutzt werden. Von Unsicherheiten, die zum Spott einladen. Ich sage, dass jeder Mensch all das hat, dass jeder Mensch Angst hat, dass jeder Mensch unsicher ist. Aus der letzten Reihe ertönt ein “Nee! Ich sicher nicht!” Es ist der Coolness-Junge, der lässig seine Beine auf dem Tisch abgelegt hat.

Ich gehe zu ihm, setze mich neben seinen Beinen auf den Tisch und sage: “Nehmen wir mal an, dass irgendwann mal jemand kommt und erkennt, dass all das nur Fassade ist und anfängt in Deinen Wunden zu graben. Wie würde es Dir gehen?” Er habe keine Wunden, sagt er selbstsicher.

“Hast Du keine Angst davor, mal alleine dazustehen?”
“Nein.”
“Und wenn Du plötzlich Familie und Freunde verlierst?”
“Dann suche ich mir neue.”
“Und wenn Du aus der Schule raus bist, was dann?”
“Keine Ahnung.”
“Glaubst Du, Du schaffst die Schule?”
“Kann sein.”
“Und wenn nicht?”
“Alter! Keine Ahnung.”
“Und was, wenn Du die Schule nicht schaffst? Was dann? Was, wenn Du fliegst?”
“Alter! Halt’s Maul.”
“Kriegst Du dann Stress mit Deinen Eltern?”
“Halt die Klappe!”
“Wie viel Stress bekommst Du dann mit Deinen Eltern?”
“Geht Dich nichts an.”
“Hast Du Angst davor, was dann passiert?”
“Fick Dich!”
“Siehst Du. So einfach ist es Wunden zu finden.”

Ich stehe auf und gehe zurück nach vorne. Niko sagt, dass alle hier irgendetwas gemeinsam haben. Und dass niemand mit einem Gefühl alleine dasteht.
“Wir spielen jetzt ein Spiel.”, sage ich. “Wir stellen euch Fragen und wer eine Frage mit ‘ja’ beantworten kann, der hebt die Hand.” Einer zeigt uns seinen Mittelfinger. Einer lacht.

“Habt ihr manchmal Angst in die Schule zu kommen?”
Keine Reaktion.
“Okay. Hattet ihr schon mal Angst, dass euch jemand beschimpfen könnte?”
Keine Reaktion.
“Auch nicht. Das ist doch schon mal was. Hattet ihr schon mal Angst ausgelacht zu werden?”
Nikos Schwester blickt uns an. Nickt zögerlich. Niko und ich heben synchron die Hand.
“Hattet ihr schon mal Angst vor der Zukunft?”
Niko hebt die Hand. Die zwei Professoren heben die Hand. Ich hebe die Hand. Nikos Schwester hebt die Hand.
“Hattet ihr schon mal Angst, eurer Eltern erzählen zu müssen, dass ihr eine Arbeit verkackt habt?”
Der Junge in der letzten Reihe hebt die Hand.

Je mehr Fragen wir stellen, umso mehr machen mit. Als ich meine erste Frage wiederhole, heben alle die Hand. Wir erzählen, dass es jedem so ging. Wegen Mitschülern, wegen Lehrern, wegen der Angst zu versagen. Wir sagen, dass es schon genug Punkte gibt, die einem an einer Schule Angst machen. Mitschüler sollten nicht dazu gehören. Wir sagen, dass die Ängste nicht besser werden, je älter man wird. Dass sie nicht verschwinden. Dass immer nur neue dazukommen. Dass sie manchmal alte überschreiben. Aber dass die Angst an sich immer bleibt.

Als ich zwanzig Minuten später das Klassenzimmer verlasse, läuft mir der Junge aus der letzten Reihe nach.

“Alter! Woher wusstest Du das mit meinen Eltern?”
Ich zucke mit den Schultern. “Gut geraten.”

Er stellt sich als Jo vor. Kurz für Johann. Den Namen mag er aber nicht. Später trinken wir Kaffee, obwohl er Bier wollte und er erzählt mir von seinem Vater, vor dem er manchmal solche Angst hat, dass er weglaufen will. “Willst Du, dass jemand solche Angst vor Dir hat?”, frage ich ihn. Er sagt, wer Angst verbreitet, der hat Macht. Ich sage, dass es keine gute Macht ist. Er sagt, aber es ist wenigstens Macht. Ich frage, ob er das auch über Hitler sagen würde. Er schweigt.

-

Ich habe an dem Tag viel über mich preisgegeben. Viel, das ich selten von mir erzähle. Ich habe, wie wohl jeder andere Mensch, Probleme mit meinen Schwächen. Ich habe, wie auch jeder andere Mensch, Ängste. Und, wenn ich ehrlich bin, hab ich ganz oft Angst vor Menschen. Angst vor Reaktionen. Angst vor Abneigung. Angst vor Zurückweisung. Angst vor Worten. Angst vor Taten.

Ich glaube, dass ich in jeden x-beliebigen Raum gehen kann, indem sich 2-3 Handvoll Menschen befinden und wette, dass jeder bei irgendeiner Frage die Hand heben würde.

“Hattest Du schon mal Angst vorm Leben?”
“Wusstest Du schon mal nicht weiter?”
“Hast Du schon mal jemanden verloren?”
“Hast Du schon mal Dich verloren?”
“Wolltest Du irgendwann mal nicht mehr?”
“Ging es Dir schon mal so schlecht, dass Du das Haus nicht verlassen konntest?”
“Hattest Du schon mal das Gefühl, dass etwas so schlimm ist, dass es Dir den Atem raubt?”
“Hast Du Angst vor Zurückweisung?”
“Fühlst Du Dich manchmal sinnlos?”
“Fühlst Du Dich manchmal leer?”

Ängste sind etwas, das uns verbindet. Und wir stehen mit keinem Gefühl alleine da. Wenn ich sage, ich lag schon einmal eine Woche im Bett, konnte mich nicht dazu aufraffen aufstehen, hinauszugehen, irgendetwas zu tun. Dass ich mich so mies gefühlt habe, dass das Aufstehen immer schwerer wurde. Dass ich nicht mehr denken wollte. Dass ich nicht mal mehr weinen konnte. Dann glaube ich, dass ich damit nicht alleine bin. Nein, eigentlich weiß ich es. Denn es wurde mir über die Jahre von so vielen Menschen bestätigt. Wenn ich sage, es gab Tage, an denen ich auf einem Hausdach stand und überlegte, wie es sich anfühlt zu springen, weiß ich, dass es genug Leute gibt, die auch schon mal standen und den Gedanken hatten.

Und wenn ich frage:

“Musstest Du schon mal lachen und wusstest nicht warum?”
“Bist Du morgens schon mal aufgestanden und hattest dieses Gefühl, dass heute ein guter Tag wird?”
“Wurdest Du schon mal so geküsst, dass Du die Welt um Dich vergessen hast?”
“Musst Du manchmal lächeln, wenn Du von jemandem eine Nachricht bekommst?”
“Hast Du jemanden in Deinem Leben, der Dich bedingungslos liebt?”
“Hast Du jemanden in Deinem Leben, den Du bedingungslos liebst?”
“Wachst Du manchmal zu früh auf und gehst ans Fenster, um den Sonnenaufgang zu beobachten?”
“Hast Du schon mal so lange mit jemandem gesprochen, dass die Vögel plötzlich ihr Guten-Morgen-Lied sangen?”
“Lachst Du manchmal so sehr, dass Dein Körper schmerzt?”

Dann bin ich mir auch sicher, dass nicht nur einer die Hand heben wird. Gefühle verbinden uns. Geschichten verbinden uns. Und wenn Du Dich mir öffnest, werde ich mich Dir öffnen. Wenn ich Dir meine Geschichte erzähle, wirst Du mir Deine Geschichte erzählen. Wenn Du mir von Ängsten erzählst, werde ich mich darin wiederfinden. Wenn ich Dir von meinen Unsicherheiten erzähle, wirst Du manchmal nicken. Für jeden Plan, den ich habe, wirst Du einen Traum haben. Für jeden Traum, den ich habe, wirst Du eine Hoffnung haben.

Ich glaube daran, mit offenen Augen und Ohren durchs Leben zu gehen. Weiß, dass ich furchtbares sehen und hören werde. Weiß aber auch, dass sobald ein kleiner Funken Glück flüstert, ich ihn hören werde. Dass, sobald ein Traum still in der Ecke seufzt, ich ihn hören kann. Dass es Menschen gibt, die mir Dinge erzählen können, von denen ich keine Ahnung habe. Dass ich Menschen in eine andere Richtung blicken lassen kann. Dass es Geschichten gibt, in denen ich mich verlieren kann. Und dass jeder schon mal die Hand nicht heben konnte, obwohl er es wollte. Dass jeder diese eine Wunde mit sich rumschleppt, die zu gerne aufreißt. Aber auch, dass jeder dieses Lachen hat, das dazu veranlasst, mitzulachen.

Ich verschicke Postkarten!

7 Jan

Ich sammle ja leidenschaftlich gerne. Vor allem Postkarten. Doppelt, dreifach, zwanzigfach.
Und bevor ich die alle wegwerfe, dachte ich mir: ES SIND POSTKARTEN! VERSCHICK SIE DOCH!

postkarten

 

 

Wer eine möchte, schickt mir einfach eine Mail mit Twittername, Adresse und Herzchen an ash@facella.net
<3

Worte von E.

24 Dez

Von meiner Mutter an euch.

Einst gab es unüberwindbare Gebirge,
alles mit sich reißende Flüsse
und endlos scheinende Ozeane,
die uns Grenzen auferlegten.

Wir lernten zu klettern und
die höchsten Gipfel zu erklimmen,
um von oben auf Täler zu blicken.

Wir lernten zu schwimmen,
Flöße und Brücken zu bauen,
um das Land auf der anderen
Seiten kennen zu lernen.

Wir lernten große Schiffe zu bauen,
nach Sternen zu navigieren,
um andere Kontinente zu entdecken.

Wir lernten wie Vögel zu fliegen,
Raketen und Raumschiffe zu bauen,
um die Erde von oben zu sehen
und den Mond zu erforschen.

Doch dann bauten wir Zäune
aus Holz und Stacheldraht,
um unser Hab und Gut zu beschützen.

Wir zogen endlose Mauern hoch,
aus Steinen, lang und breit,
um andere Menschen auszuschließen.

Wir errichteten Länder und Staaten,
mit eigenen Regierungen,
um unsere Interessen zu wahren.

Wir verbarrikadierten unser Herz
vor Leuten mit fremder Religion und
Hautfarbe, um unsere Seele vor
vermeintlichen Schaden zu bewahren.

… und ich wünsche mir,
wir wären wieder am Anfang.

Besuch von A.

24 Dez

Ich öffne ihm die Tür und spüre den Drang sie gleich wieder zuzuschlagen. “Ist das richtig?”, will ich ihn fragen. Doch mehr als drei Buchstaben bekomme ich nicht raus: “Hey!”
Er nickt und gibt mir so die Antwort auf meine ungestellte Frage, während er seine Hände tiefer in seinen Hosentaschen vergräbt. Ich weiß, dort sucht er Halt. Ich verschränke meine Arme vor meiner Brust und er weiß, ich habe Halt in mir gefunden.

“Ich habe uns Tee gemacht.”
“Mit Milch?”
“Immer.”

Er folgt mir in mein Schlafzimmer und setzt sich neben mich auf den Boden. Vor uns stehen zwei Tassen Tee, um uns schlängeln sich die Tatsachen.

“Wann beginnen die 60 Minuten eigentlich?”
“Ab dem ersten Schluck.”

Wir starren auf die Tassen in unseren Händen und keiner wagt es, den ersten Schluck zu nehmen. Ich tue es schließlich doch. Nicht, weil ich ihn loswerden will. Nicht, weil ich will, dass das hier endlich vorbei ist. Bloß, weil ich will, dass er seinen Radiergummi von meinem Schlussstrich entfernt.

Mit leiser Stimme erzählt er von seinem Umzug, der tollen Küche und dem zu kleinen Bad. Ich erzähle von neuen Menschen in meinem Leben, die das Leben wieder gut machen, von der Uni und meinem neuen Shampoo. Er erzählt von Ängsten, die ihn nachts nicht schlafen lassen, von neuen Lieblingsfilmen und seinen neuen Schuhen. Ich erzähle von Vorhaben, Ex-Freunden und meinem Plan zur Weihnachtsstimmung. Und treffe damit einen wunden Punkt.

“Ich werde nie wieder Weihnachten feiern können.”

Ich nehme seine Hand und male Kreise auf seinen Handrücken. Draußen wird es dunkel, während wir aneinander festhalten. Hier drinnen wird es dunkler, als wir einander loslassen.

Er sagt, er hätte zugenommen. Ich sage, es wäre noch lange nicht genug. Er sagt, er könne wieder lachen. Ich sage, ich könne wieder vertrauen. Er sagt, er hätte was Dummes getan. Ich sage, ich täte das ständig.

Dann schiebt er den Ärmel seines Pullovers nach oben und entblößt nicht nur sein Handgelenk, sondern die Visualisierung seines Schmerzes. Und wir zittern synchron.
Ich muss nicht nach dem Grund fragen, aber tue es doch.

“Ich wollte wissen, wie es sich für sie angefühlt hat.”
“Und? Hast Du es herausgefunden?”
“Nein. Ich habe um Hilfe gerufen, bevor es zu Ende war.”

Seine Stimme zittert, während er mir erzählt, wie er sich Mut antrank, sich in die Badewanne legte, das Messer nahm und nicht schneiden konnte, seine Mutter anrief, weinte und es dann doch tat. Zuerst wurde alles rot, dann schwarz. Als er aufwachte, war alles weiß und er sich bewusst, was er getan hatte.

“Ich wäre gekommen.”
“Ich weiß.”
“Ich hätte Dir helfen können.”
“Ich weiß.”

Mein Kopf spielt mir Szenarien vor. Wären wir damals nicht auseinander gegangen, wäre ich da gewesen, hätte ich Anzeichen gesehen, hätte retten können, was nicht zu retten war.

“Du hättest anrufen können.”
“Ich weiß.”
“Ich hätte…”
“Du hättest es nicht gekonnt.”

Ich lege meinen Kopf auf seine Schulter, da die Erkenntnis zu schwer wird. Ich hätte ihn nicht retten können. Ich sage es mir immer wieder und wieder. Nur um es zu begreifen. Kann es aber doch nicht. Seine kalten Finger liegen auf meiner Wange, als er sagt, er musste es versuchen. Der Versuch war der einzige Weg, um weiter zu kommen.

“Du musstest Dich selbst retten, erinnerst Du Dich?”
Ich nicke.
“Du hast dumme Dinge dafür getan.”
Ich nicke.
“Das musste ich auch.”
Ich verstehe.

Das Schweigen kriecht aus seiner Ecke und hüllt uns in Stille. Wir klammern aneinander fest. Mein Kopf auf seiner Schulter, sein Kopf auf meinem. Seine Tränen fallen auf meine Wange und vermischen sich mit meinen.

Er sagt, seine Therapeutin riet ihm mich zu treffen. Ich sage, wenn das der Grund wäre, solle er gehen. Er sagt, er wäre hier, weil er so wollte. Ich weiß, dass es nicht so ist. Weil es Zeit wurde. Weil es sonst zu spät dafür wäre. Ich sage, es wäre nie zu spät. Er nickt. Ich nicke.

“Die 60 Minuten waren vor sechs Minuten um.”
“Gehst Du jetzt?”
“Ja.”
“Okay.”
“Machst Du auch nach Weihnachten Tee?”
“Für Dich immer.”

Bevor er geht, umarmt er mich. So wie früher. So wie damals. So, als wären wir wieder Freunde. Als er zur Türe raus ist, räume ich die Tassen in die Spülmaschine, halte mich an der Arbeitsfläche fest, um etwas Halt zu finden und weiß, dass ich nach Weihnachten keinen Tee machen werde.